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Autor: Oliver Demont
Bilder: Michel Gilgen
Freitag, 09. Oktober 2020

Herren Schmid junior und senior, in Zürich verteilten Mormonen-Missionare den Besuchern des religionskritischen Musicals «The Book of Mormon» Flyer, auf denen stand: «Das Buch ist immer besser». Ist das lustig?

Jun. Ich finde schon. Man soll aber nicht glauben, dass dies eine neue Idee ist. Kommt in den USA ein kritischer Film über das Christentum in die Kinos, passen immer wieder evangelikale Gruppen beim Ausgang die Kinobesucher ab und versuchen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Taktisch ist das sehr klug.

Das Musical mokiert sich zwei Stunden lang über die Mormonenkirche. Ist es wirklich klug, ausgerechnet in diesem Publikum nach neuen Mitgliedern zu suchen?

Jun. Die Mormonen wissen natürlich, dass sie an einem solchen Ort keine neuen Mitglieder finden. Was sie mit dieser Aktion wollen: Die eigene Sichtweise entgegenstellen, und das auf eine lustige Art. Das kommt bei den Leuten gut an.

Herr Schmid senior, Sie sagten einmal in einem Vortrag, dass, wer über sich selbst lachen kann, kein Fundamentalist sei.

Sen. Humor schafft tatsächlich Distanz zum eigenen Handeln. Damit kann eine Religionsgemeinschaft auch einfacher auf eigene Schlagseiten blicken. Aber nur über sich selbst lachen reicht nicht. Es braucht mehr. Humor ist der erste Schritt zu Selbst­kritik und der Frage: Was läuft falsch?

Was läuft denn Ihrer Meinung nach bei den Mormonen falsch?

Sen. Sie müssten zugeben können, dass vieles, was im Buch Mormon geschrieben steht, reine Fiktion ist. Doch dazu braucht es Kritik, auch von innerhalb einer Gemeinschaft. Stellen Sie sich das Christentum ohne die Interventionen der Propheten, von Jesus, den Reformatoren oder den Frauen heute vor – ehrlich gesagt, möchte ich mir das gar nicht ausmalen.

Jun. Die Frage ist, ob Veränderung aus eigenem Antrieb oder auf Druck von aussen geschieht. Bei den Mormonen ist letzteres der Fall. Ein Beispiel: 1978 liess die Gemeinschaft nach heftigem Druck in den USA auch dunkelhäutige Menschen zum Priestertum zu. Davor waren die Mormonen offiziell eine rassistische Kirche, was heute nicht mehr der Fall ist.

Sen. Ich bleibe skeptisch, was den Reformwillen dieser Gemeinschaft anbelangt. Die offizielle Kirche der Mormonen hält noch immer daran fest, dass ihr Buch der historischen Wahrheit entspricht.

Jun. Ein Vorbild könnten liberalere Mormonenkirchen wie die Gemeinschaft Christi sein. Diese deuten die Geschichten aus dem Buch Mormon als Parabel oder Gleichnis, und nicht als ein historisches Zeugnis. Das ist eine gute Entwicklung.

Herr Schmid senior, Sie haben sich Ihr ganzes Berufsleben lang mit Sekten beschäftigt. Kann man sich mit einem Thema überhaupt so intensiv beschäftigen, ohne Sympathien dafür zu hegen?

Sen. Ich sage immer: Nur was ich gerne habe, kann ich auch verstehen. Wer sich tagtäglich mit Sekten befasst, muss sie also auch ein bisschen liebhaben.

Woher diese Liebe?

Sen. Das hat mit meiner Kindheit zu tun. Ich bin im Chur der 40er und 50er Jahre aufgewachsen. Mein Vater war Bank­beamter, meine Mutter Hausfrau. Als ich fünf oder sechs Jahre alt war, erkrankten in unserer Verwandtschaft innert kurzer Zeit mehrere Personen. Meine Eltern durchlebten daraufhin einen religiösen Wandel. Der christliche Glaube wurde zu einem wesentlichen Faktor im Leben meiner Eltern, hie und da auch verbunden mit einer gewissen religiösen Enge, die ohne Härte auskam. Als Bub berührte mich dieser Glaube meiner Eltern sehr.

Wie zeigte sich dieser Glaube in Ihrer Kindheit?

Sen. Ich erlebte immer wieder berührende Momente, in denen sich mir offenbarte, was Glaube wirklich meint. Sei es beim Schreiben religiöser Verse, beim Hören von Händels «Messiah» in der Churer Martinskirche oder beim Singen der Morgen- und Abendlieder mit meinen Tanten und meiner Mutter. Es war, als würde ich den Himmel berühren. Und auch heute noch schreibe ich Verse und lasse mich anrühren von etwas, das grösser ist als ich.

Hier spricht ein Mystiker.

Sen. Nein, höchstens ein Möchtegern-Mystiker. Aber auf alle Fälle kann ich gut Menschen verstehen, die durch ihren Glauben in Berührung mit dem Nicht-Verfügbaren kommen wollen. Das war übrigens auch mein Fundament, auf dem ich später Kritik übte.

Laufen Sie als ein der Mystik zugeneigter Mensch nicht Gefahr, problematische religiöse Formen zu verklären?

Sen. Gegenfrage: Warum soll ich als Christ nicht zugeben können, dass auch Menschen in einer Sekte mit etwas in Kontakt kommen, das mich auf eine ähnliche Art und Weise berührt? Wenn ich das anerkenne, kann ich jeder Glaubensform etwas abgewinnen.

Auch Scientology?

Sen. Sogar Scientology. Deren Idee, die Welt auf ein einfaches Schema zu reduzieren, ist bestechend. Endlich eine Weltformel! Endlich verstehen wir den menschlichen Geist! Dieses Simplifizieren muss man zuerst begreifen, um es kritisieren zu können.

Herr Schmid junior, Sie sind Nachfolger Ihres Vaters und heute schweizweit als Sektenexperte bekannt. Was kann Ihr Vater besser?

Jun. Er ist begnadet darin, Menschen an die Stärken und Schwächen einer Gemeinschaft heranzuführen und das Erleben der Mitglieder nachvollziehbar zu machen.

«Leute mit psychischen Problemen kamen mir zu nahe. Vereinzelt wurde ich auch gestalkt. Einmal schrieb einer, dass er eine Kugel für mich reserviert habe. Ein andermal wurde Buttersäure über mein Auto geleert.»
Georg Schmid senior

Seine Seminare an der theologischen Fakultät der Universität Zürich, in denen er prominente Sektenvertreter einlud, waren legendär. Einmal befragte er Markus Wehrli, den Prior des okkulten Schwarzen Ordens von Luzifer. Mein Vater tat dies in seiner ihm eigenen Mischung aus Wohlwollen und harten Fragen. Alle spürten, dass er ernsthaft verstehen wollte, warum ein Mensch Mitglied dieses Ordens ist.

Wie reagierte der Satanist Wehrli?

Jun. Er diskutierte engagiert mit. Selbst dann noch, als ihm mein Vater an den Karren fuhr, indem er ihn mit dem Leid früherer Mitglieder konfrontierte. Es ist schon beeindruckend: Mein Vater fragte als Sektenkritiker Sektenführer an – und meistens kamen sie auch. Würde ich Leute wie Markus Wehrli einladen, wäre das anders. Kaum einer würde kommen.

Warum nicht?

Jun. Ich bin nicht so der grosse Kommunikator, sondern eher der Expertentyp. Mein Vater konnte sehr zugewandt und verständnisvoll auf sein Gegenüber eingehen. Ich bin eher schüchtern.

Sen. Meine Art wurde mir aber auch zum Verhängnis. Ich kann vielleicht sehr problematischer Religiosität mehr abge­winnen, als mein Sohn dies tut. Das hatte aber zur Folge, dass ich mich in der Sektenberatung manchmal zu sehr emotional reinziehen liess. Mit entsprechenden Konsequenzen.

Konsequenzen?

Sen. Leute mit psychischen Problemen kamen mir zu nahe. Vereinzelt wurde ich gar gestalkt. Einer schrieb mir einen Brief mit der Botschaft, dass er eine Kugel für mich reserviert habe. Danach terrorisierte er telefonisch meine ganze Umgebung. Ein andermal wurde Buttersäure über unser Auto geleert oder der Abfall nach Informationen durchsucht.

Wie erklären Sie sich die Übergriffe?

Sen. Vielleicht war ich zu durchlässig. Ich stiess beim Versuch, das Gegenüber verstehen und begleiten zu wollen, immer wieder an meine Grenzen. Erst mit der Zeit konnte ich auch mal klar sagen: Ich kann Ihnen nicht helfen, gehen Sie zum Psychiater. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Sohn auch in solche Situationen gerät.

Jun. Das hat auch damit zu tun, dass du Pfarrer bist und somit Projektionsfläche für die Menschen. Als Religionsexperte wirke ich da weit trockener.

Herr Schmid senior, was kann Ihr Sohn besser als Sie?

Sen. Er hat ein Brockhaus-Gedächtnis und kann Informationen, Fakten und Beurteilungen zu religiösen Gemeinschaften unglaublich präzise wiedergeben. Über all die Jahre hat er die wohl grösste Sammlung zur religiösen Gegenwart dieses Landes angelegt. So richtig fasziniert bin ich aber davon, dass er ein unglaublich gutes Gefühl dafür hat, was man noch sagen darf und was nicht, ohne gleich vor der Richterschranke zu landen.

Da waren Sie also anders?

Sen. Sagen wir es so: Ich sprach sicherlich unverblümter und dadurch manchmal auch unbedarfter. Das verschaffte schon auch mal dem einen oder anderen Juristen Futter.

1963 traf der Zürcher Kirchenrat den Entscheid, eine Evangelische Informationsstelle für Kirchen, Sekten und Religionen zu eröffnen. Was war das für eine Zeit?

Sen. In Mitteleuropa war erstmals nach dem Krieg so etwas wie eine religiöse Aufbruchstimmung zu spüren.

«Wer ausschliesslich Religionswissenschaft studiert und jede mystische Dimension von Religion weglügt, landet in der grenzenlosen Oberflächlichkeit.»

Georg Schmid senior

Es bildeten sich christliche Gruppen ausserhalb der Kirchen, alles wurde bunter, das Jahr 68 war nicht weit. Man konnte regelrecht dabei zusehen, wie neben dem bestehenden Angebot ein religiöser Markt wuchs. Die Reformierte Kirche Zürich beauftragte dann Pfarrer Oswald Eggenberger, mit wenig Geld eine Beratungsstelle zu eröffnen. 1970 kam es zur Gründung einer ökumenisch getragenen, schweizweiten Arbeitsgruppe.

Aber warum wollten die Kirchen in diesem Feld überhaupt tätig werden?

Sen. Das Thema war allgegenwärtig, es liess sich nicht ignorieren. So gab es immer mehr protestantische Familien, deren Kinder plötzlich zu Bhagwan nach Indien reisten, mit den Hare Krishnas chanteten, sich von den Munies bei einer Massenhochzeit verheiraten liessen oder für die Children of God das Flirty Fishing, eine Form der religiösen Prostitution, betrieben. Kurz: Das neue Angebot hat viele Menschen schlicht überfordert. Da war eine grosse Verunsicherung zu spüren.

Jun. Und zu Recht forderten die betroffenen Eltern von ihrer Kirche Hilfe in dieser schwierigen Lage. Es gab aber auch ganz praktische Gründe: Innert kurzer Zeit gab es Hunderte neue religiöse Gemeinschaften, die alle auf der Suche nach Örtlichkeiten waren. In der Folge fragten reformierte Kirchgemeinden immer mehr bei der Kirchenleitung nach, welcher Gruppe man überhaupt seinen Gemeindesaal überlassen darf.

Das Aufkommen von religiösen Gruppierungen ist geprägt von der jeweiligen Zeit.

Jun. Stark vereinfacht lassen sich die Strömungen so gliedern: In den 60er Jahren kam die Ufo-Welle, in der Schweiz prominent vertreten durch Erich von Däniken. In den 70er Jahren blühten die damals so genannten Jugendreligionen wie Scientology, Munies, Hare Krishna und die Transzendentale Meditation auf – und neben alldem machten die Zeugen Jehovas mit ihrer Erwartung apokalyptischer Ereignisse auf den Herbst 1975 hin von sich reden.

«Eine Gemeinschaft mit Partnertausch und Drogenexperimenten muss über ein begütertes Publikum verfügen, das ein gewisses Mass an Sättigung verspürt. Am Zürichberg lässt sich das vorzüglich finden.» Georg Schmid junior

Die 80er starteten mit der New-Age-Welle in den USA, die auf die Schweiz überschwappte und hier zum Esoterik-Hype wurde. Dieser hält bis heute an. In den 90er Jahren ereigneten sich dann Sekten­dramen in den USA, in Japan und in der Schweiz, Stichwort Sonnentempler. Die Jahre vor der Jahrtausendwende waren die Ära der Endzeitgemeinschaften. Prophetinnen wie Uriella fanden ihr Publikum.

Ab 2000 entdeckten viele den Buddhismus, eine Faszination, die bis heute Bestand hat. Und ab 2012 ist gerade im Esoterikbereich und zunehmend auch in christlichen Kreisen eine Tendenz zu Verschwörungstheorien sichtbar.

Die Schweiz weist weltweit eine der höchsten Dichten an religiösen Gemeinschaften auf. Warum ist das so?

Jun. Mit der Gründung des modernen Bundesstaates 1848 wurde auch die Religionsfreiheit eingeführt. Seither dürfen in der Schweiz religiöse Gemeinschaften beliebig gegründet werden. In anderen europäischen Ländern wurde dies erst später erlaubt. Die Gemeinschaften liessen sich in der Schweiz also früh nieder, und wo es bereits viele gibt, folgen weitere.

Warum ist das so?

Jun. Stellen Sie sich vor, Sie gründen in einem Dorf, wo es neben der traditionellen Kirche keine andere religiöse Gemeinschaft gibt, eine zweite. Sich da zu etablieren und zu behaupten ist viel schwieriger als in einer Umgebung, die bereits von vielen Gemeinschaften besiedelt ist. Eine entscheidende Rolle kommt aber auch dem Wohlstand zu.

Wer eine Sekte gründen möchte, sollte also besser Zürich als Standort wählen und nicht Wuppertal.

Jun. Bei solch einem Vorhaben sollte die Wahl unbedingt auf Zürich fallen. Wuppertal wäre ein Anfängerfehler. Eine intellektuelle Gemeinschaft, die zum Beispiel alternative Lebensformen mit Partnertausch und Drogenexperimenten ausprobieren will, muss über ein begütertes Publikum verfügen, das ein gewisses Mass an materieller Sättigung verspürt. In New York, Hollywood oder am Zürichberg lässt sich das vorzüglich finden. In Wuppertal wird es schwieriger.

Geboren 1940 in Chur, studierte Schmid evangelische Theologie und Religionswissenschaft in Zürich, Bern, Basel und Alexandria (Virginia, USA). Nach dem Studium war er zunächst Gemeindepfarrer in Graubünden, ab 1986 dann in Greifensee ZH. Als Titularprofessor unterrichtete er Religionswissenschaft an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich. Von 1993 bis 2014 leitete er die 1963 gegründete Evangelische Informationsstelle Kirchen – Sekten – Religionen.

Schmid ist Verfasser von Kirchenliedern (liederwerkstatt.blogspot.com) und Autor zahlreicher Sach­bücher. Er ist Mitherausgeber des Standardwerks «Kirchen, Sekten, Religionen: religiöse Gemeinschaften, weltan­schauliche Gruppierungen und Psycho-Organisationen im deutschen Sprachraum». Schmid lebt mit seiner Frau in Rüti ZH und in Deneuille-les-Mines, Frankreich.

Sie haben beide Theologie studiert. Wäre für die Arbeit eines Sektenberaters ein Studium in Religionswissenschaft nicht naheliegender?

Sen. Religionswissenschaft war eines meiner Lieblingsfächer im Theologiestudium! Was ich nun aber sagen werde, wird nicht alle erfreuen: Wer ausschliesslich Religionswissenschaft studiert und jede mystische Dimension von Religion ausklammert oder gar weglügt, landet in der grenzenlosen Oberflächlichkeit. Ein bisschen versöhnlicher gesprochen: Die Religionswissenschaft schenkt der Theologie Befreiung aus dem Fanatismus. Die Theologie wiederum schenkt der Religionswissenschaft Tiefe und den letzten Wert. Für mich war immer klar, dass man nicht auf neutraler Basis Religionen studieren kann.

Es gibt Stimmen, die sich kritisch darüber äussern, dass ausgerechnet Kirchen Sektenberatungen anbieten. Warum soll ein Theologe in diesem Feld Experte sein?

Jun. Im Gegensatz zu manchen Religionswissenschaftlern geht unsere Stelle schon seit den Tagen ihrer Gründung davon aus, dass es die absolute Neutralität in religiösen Fragen gar nicht geben kann. Ein Religionsexperte, der behauptet, er sei komplett neutral, ist für mich so glaubwürdig wie eine Politologin, die von sich sagt, dass sie keine politische Haltung habe. Gerade heute morgen hat mich eine Frau gefragt: Sind Sie eigentlich gläubig? Ich antwortete dann, dass ich Mitglied der reformierten Kirche sei und ich mich dort zum liberalen Flügel zähle. Das reichte ihr, um mit mir ihre Fragen zu diskutieren.

Was kann eine Ratsuchende mit der Information anfangen, dass Sie sich zum liberalen Flügel der Reformierten zählen?

Jun. Sie weiss dann von meiner Überzeugung, dass Gott mit uns Menschen unterschiedliche Wege geht. Am Ende des Tages gibt es keine Gemeinschaft, keine Kirche und keine Religion, die für alle passt. Wir Menschen sind verschieden, die Wege zu Gott ebenso.

Und wenn ich meinen Weg als Mitglied von Uriellas Orden Fiat Lux gehe?

Jun. Uriella war bei unseren Vorträgen immer ein sicherer Lacher. Trotzdem muss ich ohne Witz anerkennen, dass viele ihrer Anhänger – und ich kenne einige – im Orden Fiat Lux für sie wichtige spirituelle Erfahrungen gemacht haben.

Wann vollzieht eigentlich eine Gemeinschaft den Schritt zur Sekte?

Jun. Sobald Abhängigkeit existiert. Problematisch bei solchen Gruppen ist, dass sie sich selbst überschätzen und einen exklusiven Anspruch auf Wahrheit erheben. Sie meinen, dass ihr Weg der einzig richtige sei, und dieser muss für alle gelten. Oft werden Mitglieder finanziell ausgebeutet und nicht selten auch gefährliche Heilmethoden empfohlen.

Ist jedes Mitglied ein Opfer?

Jun. So einfach ist es nicht. Nehmen wir Scientology: Von ehemaligen Mitgliedern höre ich immer wieder, wie sehr sie unter dem Stress litten, den sie bei Scientology erlebt haben, und wie sehr sie sich im nachhinein von der Organisation missbraucht fühlen.

«Nicht jedes Sektenmitglied ist ein Opfer. Es gibt Mitglieder bei Scientology, die happy sind.» Georg Schmid junior

Weit weniger häufig, aber doch gelegentlich, begegne ich langjährigen Scientologen, die mir versichern, mit Scientology sehr zufrieden zu sein. So besuchen manche ein, zwei Kurse pro Jahr und lassen die Aufforderungen zu weiteren Aktivitäten an sich abperlen.

 

Ein Magazin zählte vor Jahren eine kleine Freikirche zu den «extremsten Exponenten der Schweizer Glaubenslandschaft». Sie haben sich danach bei der Redaktion beschwert. Warum haben Sie sich für die Gemeinschaft starkgemacht?

Jun. Weil der reisserische Titel schlicht falsch war. Manchmal scheren Medienschaffende alle religiösen Gemeinschaften über einen Kamm. Die Differenzierung, die sie sonst so hochhalten, bleibt dann auf der Strecke. Da will ich Gegensteuer geben, denn die Freikirchen sind längst nicht diese monolithische Einheit, als die sie oftmals präsentiert werden.

Es gibt reformierte Kirchgemeinden mit grosser Nähe zu Freikirchen – warum verbleiben diese überhaupt in der Landeskriche?

Jun. Ich höre oft von Mitgliedern solcher Gemeinden, dass sie die Breite und Vielfalt in der Landeskirche schätzen. Die bewusst gewählte weltanschauliche Einheitlichkeit von Freikirchen kann Nachteile haben, als Enge erlebt werden. Diese Gefahr besteht in den Landeskirchen nicht. Hier treffen verschiedene Formen der Theologie und der Glaubenspraxis aufeinander. Als liberaler Reformierter schätze ich das.

Dabei ist gerade in liberalen Kreisen immer wieder mal abschätzig von «Stündelern» und «Frömmlern» die Rede.

Jun. Verächtliche Ausdrücke gibt es auf beiden Seiten: In freikirchlichen Kreisen wurden Landeskirchler schon auch mal «Namenschristen» genannt. Leute also, die sich Christen nennen, aber keine sind. Mein Eindruck ist jedoch, dass solche Fronten heute kaum mehr existieren.

Georg Otto Schmid, geboren 1966 in Chur, hat Theologie und Religionswissenschaften in Zürich und Basel studiert. Seit 1993 ist er Mitarbeiter der Evangelischen Informationsstelle Kirchen – Sekten – Religionen in Rüti ZH; 2014 übernahm er die Leitung. Getragen wird die Stelle vom Verein Relinfo, der von den reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz finanziert wird. Die Dienste sind für alle ratsuchenden Personen, unabhängig von der Konfession, kostenlos. Schmid lebt mit seiner Frau in Rüti ZH.

Mit Mike Shiva ist Mitte September der mit Abstand bekannteste Wahrsager der Schweiz gestorben. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von seinem Tod erfuhren?

Jun. Mir tat es sehr leid, dass er an einem Hirntumor und an einem Darmkrebs starb. Mit seinem Tod geht auch eine Epoche zu Ende: Mike Shiva war mit seiner Wahrsagerei und seiner Popularität immer auch ein ideales Beispiel an unseren Vorträgen. 2002 haben wir sogar seine Dienstleistung getestet.

Und?

Das Resultat fiel enttäuschend aus.

Ist es nicht ein wenig naiv, einen Wahrsager testen zu wollen? Menschen kauften sich doch bei ihm nicht die Wahrheit, sondern ein Sorglospaket aus Lebenshilfe, Aufmerksamkeit und trivialpsychologischer Deutung der Zukunft.

Jun. Das alles war in der Tat wesentlicher Teil von Mike Shivas Angebot. Aber machen wir uns nichts vor: Wer ihn kontaktierte, wollte nicht nur plaudern, sondern auch wissen, was die Zukunft bringt – und genau diese Fähigkeit hat er den Anrufern ver­sprochen. Nun kann die Fähigkeit eines Wahrsagers sehr gut getestet werden, und das haben wir gemacht. Kritik an Mike Shiva zu üben ist legitim. Nicht zuletzt auch, weil er der einzige Hell­seher in der Schweiz war, der wirklich gross verdient hatte. Das ist bemerkenswert, denn die Szene züchtet sich ihre Konkurrenz selbst heran: Viele Kunden werden früher oder später selbst zum Anbieter.

War Mike Shiva ein Abzocker?

Jun. Das würde ich so nicht sagen. Er war kein hinterlistiger Typ mit versteckten Zielen. Sein Minutentarif war für alle transparent. Was er aber war: ein sehr grosser Menschenkenner. Er hat sofort verstanden, was das Gegenüber von ihm hören wollte. Sass er auf einem Podium mit Sektenfachleuten, dann erzählte er, dass er die Wahrsagekarten für seine Arbeit eigentlich gar nicht benötige. Dabei erweckte er den Eindruck, als würde er nicht an paranormale Kräfte glauben, sondern einzig die Methoden eines Seelsorgers oder einer Psychotherapeutin nutzen. Ganz anders sein Auftritt vor esoterischem Publikum: Da präsentierte er sich als einer der ganz Grossen seiner Zunft, inklusive einer hohen Trefferquote beim Wahrsagen.

Bitte sagen Sie zum Schluss noch etwas Schönes über den Verstorbenen.

Jun. Ich habe Mike einige Male getroffen. Ich kann sagen, dass er ein unglaublich sympathischer Mensch war. Zudem war er kein bisschen besserwisserisch oder oberlehrerhaft. Eigenschaften, die unter Esoterikern oft zu finden sind – und die ich nicht so mag.

Oliver Demont ist Redaktionsleiter bei bref.
Der Fotograf Michel Gilgen lebt in Zürich.

Evangelische Informationsstelle Kirchen – Sekten – Religionen: relinfo.ch