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Bild: Annick Ramp
Freitag, 05. Juli 2019

Herr Rutishauser, Sie beraten den Papst in Fragen des Judentums und haben längere Zeit in Israel gelebt. Als Christ das Judentum zum Lebensthema zu machen ist bemerkenswert. Wie kam das?

Ich war ein äusserst idealistischer Heranwachsender. Im Gymnasium sog ich die Weltgeschichte regelrecht auf. Das Schicksal der Juden beschäftigte mich, und ich wollte verstehen, wie es zum Völkermord an über sechs Millionen Juden kommen konnte. Später, in den 80er Jahren, sah ich Claude Lanzmanns neunstündige Dokumentation Shoah, in der Zeitzeugen von ihrem Leid berichten, aber auch Täter zu Wort kommen. Diese ganze Aufarbeitung verfolgte ich intensiv. 1990 reiste ich dann als Theologiestudent erstmals für einige Monate nach Israel. Seither kehre ich fast jedes Jahr dorthin zurück.

Sie studierten in Jersualem auch jüdische Philosophie und rabbinisches Judentum. Haben Sie eigentlich nie überlegt, Jude zu werden?

Ich liebäugelte damals tatsächlich mit dem Judentum. Während meiner Studienzeit gab es immer wieder Momente, in denen ich mit der katholischen Kirche haderte. Damals neigte ich aber auch dazu, das rabbinische Judentum ein Stück weit zu idealisieren. Durch diese nicht immer einfache Auseinandersetzung gelangte ich schliesslich zu einem neuen Verständnis des Christentums. Dazu gehörte auch, Jesus als Juden seiner Zeit zu begreifen. Ich blieb Christ. Doch vielleicht war meine Affinität zum Judentum unbewusst auch mit ein Grund, warum ich 1992 dem Orden der Jesuiten beitrat. Es gibt eine grosse Nähe zwischen den beiden.

Inwiefern?

Die Ordensgemeinschaft der Jesuiten wurde 1540 von Ignatius von Loyola gegründet und bestand in den ersten Jahrzehnten bis zu einem Drittel aus «Conversos». Das waren Juden, die zum Christentum konvertierten. Die Art und Weise der Jesuiten, über theologische Fragen zu streiten, geht auf ihren Einfluss zurück, ebenso das Weltzugewandte. Das heisst: Wir gehen von Gott aus in die Welt und nicht aus ihr heraus zu Gott.

Ignatius war also ein Freund der Juden?

Unter den Reformern seiner Zeit war er sicher der judenfreundlichste. Er soll gar einmal gesagt haben, dass er sich wünschte, er wäre Jude – so wäre er Jesus nicht nur im Geiste, sondern auch im Fleisch ein Verwandter. Seine Nähe zu den Juden rief gar die Inquisitoren auf den Plan. Sie warfen ihn mehrmals ins Gefängnis – unter anderem auch deswegen – und schimpften ihn als Judaisierer.

Das ist doch ein Widerspruch. Ignatius bekehrte Juden zum Christentum — und das wiederum muss doch im Sinne der Kirche gewesen sein.

Ja und nein. Die Kirche fürchtete wegen der Conversos eine Verunreinigung der Lehre. Für die damalige Zeit war es also aussergewöhnlich, dass Ignatius so wenig Berührungsängste mit den Juden kannte. In der frühen Neuzeit waren Ressentiments gegen sie allgegenwärtig.

«Als der Anti­semitismus aufkam, unternahmen die Jesuiten wenig, um den verfolgten Juden beizustehen. Das ist paradox, weil es viele Gemeinsamkeiten gibt. Im Grunde bilden sie ein tragisches Paar.»

Trotz anfänglicher Nähe zwischen Juden und Jesuiten ist aber auch Tatsache: Der Orden stützte lange Zeit die Judenverfolgung.

Das ist so. Konvertierten Juden wurde ab Ende des 16. Jahrhunderts der Ordenseintritt dann verwehrt, und auch als im 19. Jahrhundert der Antisemitismus aufkam, wurde wenig bis nichts unternommen, um den verfolgten Juden beizustehen. Das ist paradox, weil es so viele Parallelen und Gemeinsamkeiten zwischen Juden und Jesuiten gibt. Historiker der Moderne ­beschreiben die beiden mitunter auch als «tragisches Paar».

Warum tragisch?

Weil ihre schicksalshafte Geschichte viel ähnlicher ist, als dies den Jesuiten lange Zeit lieb war. Im 19. Jahrhundert etwa sahen sich die Jesuiten denselben Vorwürfen und Repressionen ausgesetzt wie die Juden: Sie seien dem Nationalstaat gegenüber feindlich gesinnt und könnten somit keine loyalen Bürger sein.

Wo liegen eigentlich die Wurzeln der christlichen Judenfeindlichkeit?

Das ist eine schwierige und abendfüllende Frage. Ausschlag­gebend ist aber sicher, wie das Neue Testament gelesen wurde. Bekanntlich gab es zur Zeit von Jesus verschiedene jüdische Gruppierungen. Die grösste, die Pharisäer, werden im Matthäus­­evangelium als Heuchler und Scheinheilige gebrandmarkt, ­mit denen Jesus im Dauerkonflikt stand. Und in den Passionsspielen waren die Juden jahrhundertelang die Bösen, welche die Kreuzigung von Christus vorantrieben.

Dabei war Jesus ja selber Jude.

Jesus war ein apokalyptisch denkender Jude, wie es viele in dieser Zeit waren. Auch die Phärisäer verstanden sich als Erweckungsbewegung. Beides waren also Bewegungen, für die die Endzeit kurz bevorstand – und beide wollten die breite jüdische Bevölkerung mit ihrer Botschaft erreichen. Zwischen ihnen gab es Streit, was die richtige Lebensweise und Theologie betraf.

Dispute, wie sie in der jüdischen Diskussionskultur gang und gäbe waren?

Ja. Ich lese das Aufeinandertreffen von Jesus und Pharisäern in den Evangelien ebenfalls als Streitgespräch unter jüdischen Gruppierungen. Wichtig ist also zu verstehen, dass sie vieles gemeinsam hatten. Davon zeugen zahlreiche Stellen in der Bibel. Zum Beispiel bei Johannes: Dort soll eine Ehebrecherin gesteinigt werden, worauf Jesus zu den Menschen, die bereits Steine in den Händen halten, sagt, wer frei von Sünde sei, der solle den ersten Stein werfen. Daraufhin gehen die Pharisäer in sich und hören auf Jesus. Keiner wirft einen Stein.

Die Pharisäer verhielten sich also alles andere als stur und entsprachen nicht dem Bild, das wir bis heute von ihnen pflegen.

Genau, die negative Zuschreibung begann am Ende des 1. Jahrhunderts, als sich das Christentum als eigenständige Tradition etablierte. Es war die Zeit, als man anfing, die Zeugnisse der Apostel und Evangelisten zusammenzustellen. Fortan galten die Pharisäer als herzlose, heuchlerische und selbstgefällige Befolger des Gesetzes.

Wie kam es zu dieser Stigmatisierung?

Das hatte wohl mit der Kirchengründung zu tun. Für die Christen erübrigte sich nun das jüdische Warten auf den Messias. Nur sahen das nicht alle so. Die übrigen Juden waren nicht bereit, Jesus als Erlöser anzuerkennen. Das brachte die Wahrheit der frühen Christenheit stark in Gefahr. Also mussten die Pharisäer zu Gegnern gemacht werden – und mit ihnen alle anderen Juden.

Wie gelang das?

Durch das Interpretieren der Texte, in denen Jesus auf die Phärisäer trifft – und teils sehr tendenziöse Übersetzungen der Bibel. In diesen heisst es etwa, die Pharisäer wollten Jesus töten. Nur: im Urtext steht das gar nicht drin. Ebenso könnte man das griechische Original auch so übersetzen: Sie wollten Jesus loswerden. Töten und loswerden ist aber nicht dasselbe. Doch genau solch negative Bilder prägten fortan den christlichen Umgang mit den Juden – mit bekanntlich fatalen Folgen für die Geschichte. Immerhin, in der katholischen Theologie sind die Zeiten vorbei, als man den Juden die Schuld am Tod von Jesus gab.

Christian Rutishauser

Wann geschah die Aufarbeitung der Judenfrage in der katholischen Kirche?

Diese fand Mitte der 60er Jahre mit Aufbruch von Nostra aetate statt. In der Erklärung anerkennt die katholische Kirche das Selbstverständnis des jüdischen Volkes, von Gott erwählt zu sein, und es benennt das Judentum als den Boden, in dem das Christentum wurzelt. Auch die traditionelle Judenmission gehört der Vergangenheit an, wie es in den vatikanischen Dokumenten unlängst differenziert herausgearbeitet wurde. Doch klar ist auch: eine jahrtausendealte negative Darstellung der Juden lässt sich nicht von heute auf morgen revidieren. Das gilt übrigens auch für die evangelische Theologie. Hier ist die Judenfeindlichkeit teilweise sehr tief in die Theologie eingesickert.

Der Reformator Martin Luther war ein notorischer Antijudaist.

Das war er und zugleich war er ein Kind seiner Zeit. Seit dem Mittelalter gab es ja eine mehr oder weniger intensive Vertreibung von Juden und Pogromen gegen sie. So wurden Juden für die Pest verantwortlich gemacht, oder man warf ihnen Kindsmorde und Brunnenvergiftungen vor. An der Fassade der Stadtkirche in Wittenberg prangte eine sogenannte Judensau. Mit dem Spottbild – im Judentum gilt das Schwein als unrein – wurden Juden verhöhnt, ausgegrenzt und gedemütigt.

Wie erklären Sie sich Luthers Hass auf die Juden?

Als seine Reformen abgelehnt wurden, entwickelte er zuerst einmal eine Wut auf die katholische Tradition. Er sah die gute Botschaft der römisch-katholischen Kirche korrumpiert und war überzeugt, dass die Reform des Evangeliums, die er als Reformator wiederherzustellen erhoffte, die Juden bekehren würde. Er warb um sie. Die Konversion der Juden zum reformierten Christentum wäre für Luther der Beweis gewesen, dass seine Reform richtig war.

Er setzte also zu Beginn auf die Judenmission …

… und scheiterte. Als Luther bemerkte, dass sich die Juden nicht bekehren liessen, kippte seine Stimmung. Seine späten Texte zeugen von seinem Hass. Er ruft in diesen dazu auf, die Juden zu töten und ihre Synagogen niederzubrennen.

Seine anfänglich gewinnende Art gegenüber den Juden verwandelte sich also in Hass, weil sie seine Erwartungen nicht erfüllten. Ist das nicht zu einfach?

Das ist tatsächlich einfache Psychologie, aber deswegen nicht falsch. Es muss für Luther eine grosse Kränkung gewesen sein, dass die Juden seiner Glaubensreform nicht folgten – und so ihre Richtigkeit in Frage stellten. Anders kann ich mir seinen blanken Hass nicht erklären.

Luthers Judenhass fand auch Eingang in seine Theologie.

Mehr noch. Er ist in der Architektur seiner Theologie angelegt. Im Judentum sind Rituale, Gebote und Gesetze zentral. Luther aber misstraute allem, was danach klang. Sein Gegenprogramm setzte auf die Gnade Gottes und den Glauben. Erlösung und Heil sind für Luther nach dem Erscheinen von Jesus nicht mehr durch gute Werke oder die Befolgung von Gesetzen und Geboten zu haben.

Auch Katholiken kennen Werktätigkeit und Rituale. Erkannte Luther in den Juden all das, was ihn auch bei den Katholiken zur Weissglut trieb?

Genau. Er befand, dass es beiden an Innerlichkeit mangelt. Das führte dazu, dass er die Juden – auch stellvertretend für die Katholiken – zum Sündenbock machte und ihren Bund mit Gott für überholt hielt.

Wagen wir die Frage: War Luther Wegbereiter für die Shoa?

Diese Überlegung bietet sich an, ist aber verkürzt. Man kann Luther nicht für den Holocaust verantwortlich machen. Zwischen ihm und dem Völkermord an den Juden Europas liegen vierhundert Jahre. Das ist der erste Teil der Antwort.

«In Zwinglis Theologie ist der Antijudaismus viel weniger eingeflossen. Er sah den christlichen Glauben eher als Fort­setzung des Judentums als in Opposition zu ihm.»

Wahr ist aber auch, dass im 19. Jahrhundert evangelische Theologen, die dem aufkommenden nationalkonservativen Denken nahestanden, Luthers judenfeindliche Theologie aufgriffen. Im 20. Jahrhundert stilisierte dann die rassistische Bewegung Deutscher Christen den Reformator zum Nationalhelden hoch, und die Nationalsozialisten gruben Luthers judenfeindliche Hetzschriften aus.

Luther schuf den giftigen Nährboden, auf den sich Jahrhunderte später auch die Nationalsozialisten beriefen.

Es ist in der Tat erschreckend: Hitler selbst, der ja eigentlich Katholik war, verehrte Luther als «grösstes deutsches Genie». Hinzu kommt: Das Luthertum vertrug sich äusserst gut mit einem autoritären Denken. Luthers Reformation war voll und ganz auf nationale Obrigkeiten ausgerichtet und vollzog sich von oben ­herab. Er wandte sich in seinen Schriften an die deutschen Fürsten und somit an die vorherrschende Macht. Hier orten manche Forscher auch den Ursprung des autoritären Nationalismus in Deutschland.

Gab es neben dem historisch gewachsenen Judenhass nicht auch zeitgenössische Ressentiments gegen die Juden?

Die gab es. Ein Faktor war sicherlich die Entdeckung des Un­bewussten durch Sigmund Freud. Aus der Sicht der National­­­so­zialisten verbreitete da ein jüdischer Arzt Theorien und Methoden, die von einem subversiven Reich des Unbewussten ausgingen.

Was störte die Nazis an der Psychoanalyse?

Sie erkannten in ihr eine Gefahr. Das Unbewusste lässt sich nicht kontrollieren. Ebenso fürchteten sie Intellektuelle und Menschen, die sich mit freier Kunst beschäftigten. Die Nazis empfanden eine grosse Abneigung gegen den Surrealismus oder die expressionistische Kunst. Alles was sich dem Kontrolldenken der Nationalsozialisten entzog, wurde verboten.

Auch Bewegungen wie der Marxismus gingen oft von Juden, Künstlerinnen und Homosexuellen aus.

Was wiederum eine Bedrohung für den Nationalismus und Faschismus war. Denn sie alle interessierten sich nicht für nationalstaatliche Grenzen.

Christian Rutishauser ist seit 2012 der oberste Jesuit der Schweiz. Als sogenannter Provinzial steht er den gut fünfzig Schweizer Jesuiten in der Schweiz vor und vertritt sie international. Zuvor war er Bildungsleiter im Lassalle-Haus, einem spirituellen Bildungszentrum, das von den Jesuiten geführt wird. Anfang der 1990er Jahre reiste der heute 54jährige erstmals für einen längeren Studienaufenthalt nach Israel. 2011 pilgerte er zu Fuss aus der Schweiz nach Jerusalem. Rutishauser ist promovierter Judaist und unterrichtete jüdische Philosophie in München, Rom und Jerusalem. Er ist in der jüdisch-katholischen Gesprächs­kommission der Schweizer und der Deutschen Bischofs­konferenz. Seit 2014 berät er den Papst in Fragen des Judentums. su

Von Deutschland in die Schweiz. Wie hatten es eigentlich die Reformatoren Ulrich Zwingli und Johannes Calvin mit den Juden?

Da müssen wir uns nichts vormachen: Auch Zwingli und Calvin waren nicht frei von Vorurteilen. Aber der Antijudaismus ist viel weniger in ihre Theologie eingeflossen. Es gab bekanntlich verschiedene Reformationen, aber nur die lutherische hat den späteren Antisemitismus gestützt.

Sie sagen das mit grosser Entschiedenheit.

Ja, dazu stehe ich. Der Antijudaismus ist sehr viel stärker mit dem Luthertum verknüpft als mit der reformierten Theologie. Bei Zwingli fehlt schlicht die negative Bewertung des Alten Testaments. Im Gegenteil: er war es, der sich dafür stark machte, dass das Alte Testament als Lehrfach an der 1525 gegründeten Zürcher Hochschule eingeführt wurde. Von ihm ist auch überliefert, dass er die hebräische Bibel schätzte und beim jüdischen Arzt Mosche aus Winterthur Hebräisch lernte. Zwingli sah den christlichen Glauben eher als Fortsetzung des Judentums als in Opposition zu ihm.

Woran machen Sie das fest?

Seine Tauftheologie ist ein Indiz dafür. In den reformierten Kirchen fanden ab dem 18. Jahrhundert am Neujahrstag die grossen Taufpredigten statt. Dieses Datum ist kein Zufall: Der 1. Januar gilt als Tag der Beschneidung von Jesus. Also so, wie der Jude am achten Tag mit der Beschneidung in die Gemeinschaft aufgenommen wird, so beginnt das christliche Leben mit der Taufe. Die reformierte Tradition von Zwingli sieht zwischen der jüdischen Beschneidung und der Taufe eine Parallele und nicht einen Gegensatz, wie es Luther tat.

Was die Juden anbelangt, haben sich die Reformierten also keine Schuld aufgeladen?

Sagen wir es so: Theologisch haben sie weniger Klärungsbedarf. Im Gegensatz zu den Lutheranern, die sich im Reformationsjubiläum allerdings beispielhaft ihrem schwierigen Erbe stellten.

«Muslime sind die neuen Pharisäer. Man begegnet ihrer Religion mit Misstrauen, unter anderem, weil sie ihre Tradition kollektivistisch verstehen.»

Aber unabhängig von der Schuldfrage: Das grosse Verdienst der Zwinglianer ist die Zürcher Bibel. Nicht nur, aber auch aus jüdischer Perspektive. Die unlängst erschienene, revidierte Übersetzung ist nah am hebräischen und griechischen Original dran. Das bestätigten mir auch jüdische Kollegen. Diese Sorgfalt ist beeindruckend. Trotzdem gilt es noch viel zu tun.

Was meinen Sie damit?

Weil das Problem sehr tief liegt, egal welcher Konfession man sich zugehörig fühlt. Wir alle müssen aufhören, das Judentum nur aus christlicher Sicht zu betrachten. Dazu braucht es eine radikale Relektüre der Bibel. Nur so findet eine wahrhafte ­Anerkennung des Judentums statt.

Das klingt theoretisch. Wie soll das gehen?

Es führt kein Weg daran vorbei, endlich Jesus als Juden seiner Zeit zu sehen. Das würde aber auch das bisherige Selbstverständnis der Christen grundsätzlich in Frage stellen, ebenso ihr Verhältnis zu den Juden. Nehmen wir Matthäus 28. Dort steht klar: Geht zu allen Völkern und missioniert sie alle. Die Christen verstanden das lange als Aufruf, ihr Bekenntnis allen Nichtchristen zu bringen – also auch den Juden.

Wie kann Matthäus 28 anders gelesen werden?

Indem wir die jüdische Sicht miteinbeziehen. So erhält der Sendungsauftrag auch eine ganz andere Bedeutung. Die Juden müssen gar nicht mehr bekehrt werden, haben sie doch schon längst ihren Bund mit Gott. Der jüdische Philosoph Franz ­Rosenzweig hatte gerade aus diesem Selbstverständnis heraus keine Mühe, Jesus anzuerkennen, wenn er etwa sagte: «Selbstverständlich, Jesus Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben.» Für Rosenzweig waren die Juden schon immer beim Vater.

Am Ende geht es also einmal mehr um den Anspruch des Christentums, der einzige Weg zu Gott zu sein.

Exakt. Es ist komplexer. Darum ist auch eine neue Interpreta­tion von Paulus nötig. Er muss als Jude gelesen werden und nicht als Christ, der das Judentum radikal hinter sich gelassen hat. Paulus bildet eine Art Klammer zwischen Juden und Nichtjuden, da er das Judentum geöffnet hat. Den Drang vieler späterer Christen, auch Juden zu missionieren, ­erachte ich deshalb als hochproblematisch.

Aber heute denkt doch kaum noch ein Protestant ernsthaft daran, einen Juden zu missionieren.

Da bin ich mir nicht so sicher. Zudem prägt die Geschichte unser Denken, und deshalb ist es unerlässlich zu verstehen, auf welcher falschen Sichtweise die christliche Mission der Juden beruht. Denn dahinter abgelegt ist ein falsch verstandener Wahrheitsanspruch des Christentums, der eine fatale Seite hat: Er kommt mit einem Überlegenheitsgefühl daher. Dieses ist selbst bei heutigen Christen unterschwellig vorhanden, die sich als liberal und tolerant sehen. Anzuerkennen, dass das Judentum bis heute gottgewollt ist, geht weiter als das verbreitete Laisser-faire-Denken. «Leben und leben lassen» zu sagen ist nicht schwierig. Sich aber den eigenen Glaubensgewissheiten zu stellen, das geht ans Eingemachte. Jedoch genau das braucht es. Alles andere ist Geschwätz.

Der Antisemitismus ist weltweit wieder auf dem Vormarsch. Von christlicher Agitation ist aber kaum etwas zu spüren.

Einverstanden, und doch stecken im heutigen Judenhass unterschwellig Elemente des christlichen Antijudaismus.

Lässt sich wirklich alles so einfach auf die Kirchen zurückführen?

Natürlich nicht einzig, aber auf die gesamte christlich geprägte Geschichte Europas. Diese historisch gewachsenen Ressentiments gegen Juden sind tief in unserer Gesellschaft angelegt. Sie wirken unbewusst – was sie noch viel mächtiger macht. Und was ich bereits erwähnt habe und viele nicht gerne hören: Auch liberale Kreise sind nicht gefeit davor.

Inwiefern?

Um das zu erklären, müssen wir einen Schritt zurück machen. Es geht um die generelle Wahrnehmung von Religionsgemeinschaften. Unsere säkulare Gesellschaft mit ihrem Anfang in der Aufklärung neigt dazu, Religionen, die gesetzförmig sind und Rituale kennen, mit starken Vorbehalten zu begegnen. Diese Abwehr prägt die moderne Religionspolitik bis heute. Und diese geht letztlich auf den Antikatholizismus und Antijudaismus der Protestanten zurück: Religion, die nicht privat ist und nicht vom Einzelnen ausgeht, macht sich verdächtig. Die Moderne – und insbesondere liberale Kräfte – begegneten solchen Gemeinschaften schon immer mit Misstrauen. Da spreche ich auch als Jesuit. Unser Orden wurde bei der Gründung des Schweizer Bundesstaates 1848 verboten und blieb es bis 1973.

Aber wie genau hängt das mit liberalem Denken zusammen?

Hinter diesem liberalen Misstrauen steckt eine Abwehr gegen alles, was irgendwie kollektiv daherkommt. Dieser Widerstand wurde unbewusst von den Protestanten übernommen, besonders stark von der 68er Bewegung. Sie feierte das Individuum und die Freiheit des Einzelnen. Einer gemeinschaftlichen Religion konnte sie nichts abgewinnen. Ihr Trugschluss war, dass sie das Kollektiv mit Zwang und Repression gleichsetzte.

Die Freiheit des Einzelnen: Wollen Sie ernsthaft hinter diese Errungenschaft zurück?

Nein, natürlich nicht, und ich habe auch nichts gegen eine liberale und säkulare Gesellschaft. Aber auch sie hat blinde Flecken. Denken Sie an die Muslime: Sie sind heute im Grunde genommen die neuen Pharisäer. Man begegnet ihrer Religion mit Misstrauen, unter anderem, weil sie ihre Tradition kollektivistisch verstehen. So wie die Katholiken das auch tun. Damit wären wir beim Unterschied zum Protestantismus: Dieser geht vom Einzelnen aus.

Das Denken im Kollektiv ist also in jedem Fall gut?

Keineswegs – und es ist auch völlig klar, dass es Missbrauch und Zwang gibt. Gerade als Katholik weiss ich, wovon ich spreche. Was ich eigentlich sagen will: Wenn wir das Kollektive ausmerzen, geht auch etwas verloren. Am Ende verbleiben nur der Einzelne und die Masse. Es gibt kaum mehr asketisches oder monastisches Leben und kaum mehr Flecken auf dieser Erde, die nicht vom bürgerlichen Leben bestimmt sind.

Ist das die Sicht eines Jesuiten, der ohne Gemeinschaft nicht leben kann?

Nein, wir Jesuiten gelten ja eher als Einzelkämpfer. Es geht mir um die Vielfalt von religiösen Lebensformen. Und ja, dazu zähle ich auch das Leben in einem Kloster oder Orden. Letztlich geht es mir aber generell um die Bandbreite von möglichen Erfahrungen. Die Moderne tut so, als ob es so viele Lebensformen gäbe wie nie zuvor. Im Grunde existieren aber genau zwei: der Einzelne oder die Familie. Diese Einengung muss doch nicht sein. Ich ­blicke deshalb auch mit einer gewissen Skepsis auf den Wunsch von lesbischen, schwulen, bi- und transsexuellen Menschen, ­unbedingt die Ehe für alle zu wollen.

Worauf wollen Sie hinaus?

Verstehen Sie mich richtig, es braucht unbedingt eine rechtliche Gleichstellung aller Beziehungsformen, und dafür sollen sich auch die Kirchen einsetzen. Für die katholische Kirche ist die Ehe ein Sakrament mit besonderer Bedeutung und darum ein heisses Eisen. Worauf ich aber eigentlich hinaus will, ist, dass wir unsere Fixierung auf die Ehe überwinden sollten. Denn dann würden wir die heutige bürgerliche Familie als das erkennen, was sie letztlich ist: eine Spätfolge des protestantischen Individualismus. Wer das möchte: bitteschön. Mein Wunsch wäre, dass wir ganz neue Formen der Gemeinschaft und des Zusammen­lebens suchen.

Susanne Leuenberger ist Redaktorin bei bref.
Die Fotografin Annick Ramp lebt in Zürich.

Der Jesuitenorden wurde im 16. Jahrhundert gegründet und geht auf den spanischen Adeligen Ignatius von Loyola zurück. Dieser studierte zur Zeit von Calvin in Paris. Auf Ignatius gehen die sogenannten Exerzitien zurück. Die spirituellen Übungen gehören bis heute zum Kern des Ordens. Zur Gründungszeit setzte sich die Gemeinschaft zu rund einem Drittel aus bekehrten Juden zusammen.

Im Unterschied zu Benediktinern, Franziskanern und Dominikanern kennt die «Societas Jesu», wie der Orden offiziell heisst, kein gemeinsames Chorgebet, keine Ordenstracht und keine Klöster. Die Jesuiten sind für ihre Bildungstätigkeit sowie die weltweite Mission bekannt. Sie gehörten im 17. und 18. Jahrhundert zum Hofstaat der chinesischen Kaiser. In Paraguay errichteten sie 1610 einen Jesuitenstaat, in dem Ureinwohner nach ihrem christlichen Sozialsystem lebten. Die spanische Krone löste ihn 1767 auf, da er ihrem eigenen Kolonialanspruch im Wege stand.

In Europa waren die Jesuiten zwischen dem 17. und 20. Jahrhundert immer wieder Verfolgungen ausgesetzt. Ihre ausserterritorialen Tätigkeiten wurden unter anderem von Spanien, Frankreich und Portugal als Gefahr gesehen. 1773 wurde der Orden vom damaligen Papst Clemens XIV. aufgehoben und erst 1814 unter Pius VII. wieder zugelassen. Auch die 1848 neugegründete Schweiz sprach ein Jesuiten­verbot aus, das bis 1973 in Kraft blieb.

Heute zählt der Orden 16 000 Mitglieder, gut 50 davon leben in der Schweiz. Der jetzige Papst Franziskus ist der erste Jesuit an der Spitze der katholischen Kirche. su