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Autor: Tobias Haberl
Freitag, 15. März 2019

Auf den ersten Blick, in den ersten Minuten deutet nichts darauf hin, dass Pater Hans-Michael Hürter Dinge gesehen hat, die so abscheulich waren, dass die meisten sogar im Kinosaal die Hände vors Gesicht schlagen würden. Seine Wohnung, die zugleich das Pfarrhaus von Ladbergen im Münsterland ist, wirkt wie der Rückzugsort eines Geistlichen, der die Dinge gern bescheiden hat – eine Ikea-Lampe, ein paar Bücher und Grünpflanzen, auf dem Regal ein ausgestopfter Fuchs, an der Wand Jesus Christus am Kreuz. Man muss diesem Mann eine Weile zuhören, um eine Ahnung davon zu bekommen, was für Grausamkeiten er seit 25 Jahren mit sich durchs Leben schleppt.

Hundert Tage nur dauerte eine der schrecklichsten Katastrophen des 20. Jahrhunderts, knapp eine Million Menschen wurden dabei regelrecht massakriert. Danach waren das Land und die acht Millionen Menschen, die in ihm lebten, auf Jahrzehnte hinaus zerrüttet.

Hürter ist 57 Jahre alt, er wirkt drahtig, schlanker Körper, Lachfältchen, akkurater Seitenscheitel; ein disziplinierter, gut organisierter Mann, keiner, der sich gehen lässt. In den vergangenen Tagen habe er sich zurückgezogen. «So ein Interview muss man mental vorbereiten», sagt er, «in dieser Intensität mache ich das nicht mit jedem.» Natürlich habe er seine Geschichte schon ein paar Freunden und Mitbrüdern erzählt, das heisse aber nicht, dass es leichter geworden sei. Andere, sagt er, auch Mitbrüder, seien unter die Räder gekommen und bis heute so traumatisiert, dass sie nie wieder afrikanischen Boden betreten haben.

Im Laufe der nächsten Stunden springt er immer wieder auf, zieht Bildbände, Fotoalben und vergilbte Landkarten aus dem Regal. Er weiss, dass es nicht möglich ist, seinem Besucher eine Ahnung von dem zu vermitteln, was er erlebt hat; er versucht es trotzdem, er hat Zeit, er hat sich den ganzen Tag freigenommen.

Kollektiver Blutrausch

Hans-Michael Hürter war dabei, als sich im April vor 25 Jahren eine der schrecklichsten Katastrophen des 20. Jahrhunderts über ein ganzes Land breitete. Sie hat nicht lange gedauert, einhundert Tage nur, aber danach waren das Land und die acht Millionen Menschen, die in ihm lebten, auf Jahre, auf Jahrzehnte hinaus zerrüttet. Danach war das Land unterteilt in Tote und Überlebende, Täter und Opfer. Versehrt und verdammt waren sie alle.

Knapp eine Million Menschenleben forderte der Völkermord in Ruanda, knapp eine Million Angehörige der Tutsi-Minderheit und oppositionelle Hutu, die von radikalen Hutu-Milizen in einem kollektiven Blutrausch massakriert wurden. «Die Bilder sind noch da», sagt Hürter, «aber sie verfolgen mich nicht mehr, ich kann sie steuern, ich kann mit ihnen leben.»

Kofi Annan, der damals die UN-Abteilung für Friedenseinsätze leitete, schrieb in seinen Memoiren von einer der erschütterndsten Erfahrungen seines gesamten Berufslebens. Anders als er hat Hürter in diesen Tagen keine entscheidende Rolle gespielt, er hat die Dinge nicht zum Guten oder Schlechten gelenkt – zu verworren ist der Konflikt zwischen der Regierung und den vornehmlich aus Tutsi bestehenden Rebellen der ­Ruandischen Patriotischen Front (RPF), zu verwickelt die politisch-historische Beziehung der Hutu-Mehrheit zur Tutsi-Minderheit, zu kompliziert auch die Rolle der ruandischen katholischen Kirche, der bis heute vorgeworfen wird, in den Jahren davor zu unkritisch und zögerlich auf der Seite des Regimes gestanden zu haben – aber er war da, als es passiert ist, hat Menschen morden und sterben gesehen. «Als ich zurück in Deutschland war», sagt er, «habe ich bei jeder Beerdigung gedanklich einen toten Ruander mitbegraben.»

Hürter ist 27 Jahre alt, als er 1989 – in Berlin wird wenige Wochen später die Mauer fallen – zum Priester geweiht wird und in ein Flugzeug nach Kigali, der Hauptstadt von Ruanda, steigt. Er hat nicht vor, nach Deutschland zurückzukehren, gelegentliche Besuche, das schon, aber sein Entschluss steht: Als Missionar der Weissen Väter, einer 1868 vom späteren Kardinal Charles Lavigerie gegründeten römisch-katholischen Ordensgemeinschaft, will er sein Leben in Ostafrika verbringen, den Menschen von Jesus erzählen und mithelfen, in einem vom Bürgerkrieg gebeutelten Land den Frieden zu sichern.

Er glaubt zu wissen, worauf er sich einlässt. Als Pastoralpraktikant hat er Mitte der achtziger Jahre bereits zwei Jahre in Ruanda verbracht; er weiss, wie es sich anfühlt, morgens kalt zu duschen und nachts bei Kerzenschein in der Bibel zu lesen, wenn der Stromgenerator ausgefallen ist. Er weiss um das symbiotische Verhältnis der ruandischen Kirche zum machthabenden Regime, seitdem er als Praktikant den Erzbischof von Kigali im T-Shirt der Einheitspartei auf der Strasse gesehen hat. «Ich dachte, das sei der Bürgermeister, dabei war es der Bischof.» Der sass damals nicht nur im Zentralkomitee der Partei, sondern war so etwas wie die linke Hand des Präsidenten. Ruanda war da schon seit Jahrzehnten ein christlich geprägtes Land. Bereits 1946 hatte König Mutara III. Rudahigwa sein Land «Christus dem König» geweiht. 1994 sind 68 Prozent der acht Millionen Einwohner ­Katholiken, 18 Prozent Protestanten.

Hutu und Tutsi

Heute ist Pater Hürter Pastor der Gemeinde Ladbergen und mit einer halben Stelle Referent in der Fachstelle Weltkirche im Bischöflichen Generalvikariat Münster – das klingt bürokratisch, nach Schreibtisch- und Aktenarbeit, aber je länger man mit ihm spricht, desto deutlicher erkennt man, dass er jahrelang ein Abenteurer war, der in seinem Leben immer wieder unbekanntes Terrain und neue Zusammenhänge gesucht hat. Früh hat er seine Diözese verlassen, ging in die Schweiz, dann nach Ruanda, später nach Marseille. Als Geistlicher will er nicht rigide oder pedantisch, sondern liberal, offen, pragmatisch sein. Keiner, der Dienst nach Vorschrift macht, sondern Risiken eingeht, wenn er sich etwas davon verspricht; überhaupt wirkt er weder vergeistigt noch frömmlerisch; man traut ihm ohne weiteres zu, dass er einen verstopften Abfluss reparieren kann und weiss, was eine WC-Ente im Supermarkt kostet.

In seinen Jahren als Afrikamissionar trägt er eine weisse Gandura, eine Art Tunika der arabischen Bevölkerung Nordafrikas, und als christliches Symbol den Rosenkranz, ist erst in Mwezi an der Grenze zu Burundi, anschliessend in Nyagahanga, Rukomo und schliesslich in Ruhuha im Osten des Landes stationiert; alle zwei Wochen macht er sich zu einer der Aussenstationen auf, wandert mit Trägern durch den Dschungel, durchquert Flüsse, macht Bögen um Minenfelder, schläft auf dem Feldbett oder dem Boden. Vor allem in der Advents- und Fastenzeit kommt er kaum zur Ruhe. Hürter ist Seelsorger, Beichtvater, Pastoralarbeiter, Lehrer und Handwerker in einem, betreut bis zu 45000 Katholiken auf einmal, «richtige Pfarreimonster» seien das gewesen, die meiste Zeit habe er improvisieren müssen. Immer wieder kam es vor, dass er mehreren Hundert Gläubigen eine Generalabsolution erteilte: «Man konnte nicht jedem einzeln die Beichte abnehmen, das war einfach nicht möglich.» Im übrigen, sagt er, habe die Unterscheidung zwischen Hutu und Tutsi im Gemeindeleben keine Rolle gespielt, und für ihn schon gar nicht. «Bei uns waren die in der gleichen Gebetsgruppe, meistens wusste ich gar nicht, wer Hutu und wer Tutsi war.» Hürter dehnt das Kirchenrecht mal in diese, mal in jene Richtung, fühlt sich eher Gott als Paragrafen verpflichtet. «Viele Gemeindemitglieder beteten zusätzlich zu ihren Naturgöttern», sagt er, «aber mir hat das nichts ausgemacht.»

Nach einem Jahr ist Ruanda seine zweite Heimat geworden. An den Hirsebrei zum Frühstück und die Ziegenfleischspiesschen, die am Strassenrand verkauft werden, hat er sich genauso gewöhnt wie an das merkwürdige Zeit- und Raumverständnis der Menschen: Es sei immer wieder vorgekommen, dass ihm unterwegs zu einer Krankensalbung Menschen aufmunternd zugerufen hätten, es sei nicht mehr weit, praktisch um die Ecke, jedes Mal habe es noch Stunden gedauert, bis er sein Ziel erreicht hatte. «Aber das war okay», sagt er heute, «ich war Busch­mis­sionar, ich wollte das so.» Manchmal habe er sich auch ein Motorrad geliehen und sei ins nächste Dorf gebrettert. «Es war eine spannende Zeit», sagt er, «der Generalvikar war praktisch nicht existent, ich war mein eigener Herr und nahe bei den Menschen, ihrem Alltag, ihren Problemen, das reichte vom Schulgeld bis zur Taufanmeldung.»

«Das fand ich witzig» oder «Das fand ich spannend» – Hürter beginnt viele Sätze so; überhaupt wirkt er nicht traumatisiert, seine Stimme ist fest, manchmal lacht er sogar kurz über eine Begebenheit oder eine Anekdote. Ob er etwas versteckt oder übertüncht? Ob ihm solche Formulierungen helfen, die Bilder des Schreckens auf Abstand zu halten? Nach einer Stunde läuft er in die Küche, brüht Tee auf, serviert Kekse. Man spürt, dass die Zeit gekommen ist, über das zu sprechen, worüber zu sprechen so schwierig ist, ja fast unmöglich scheint. Man kann davon ausgehen, dass er noch heute in Ruanda leben würde, wenn das, was er gleich erzählen wird, nicht passiert wäre. Der Genozid in Ruanda hat auch sein Leben beeinträchtigt und vielleicht sogar seinen Glauben in eine andere Richtung gelenkt.

Der Genozid nimmt seinen Lauf

Es ist der Abend des 6. April 1994, an dem das Flugzeug abgeschossen wird, in dem der ruandische Präsident Juvénal Habyarimana, der Armeechef Déogratias Nsabimana und der Präsident von Burundi, Cyprien Ntaryamira, von einer Konferenz in Tansania zurückkehren. Die Maschine wird beim Landeanflug auf den Flughafen von Kigali von Boden-Luft-Raketen getroffen. Die Nachricht vom Attentat auf den Präsidenten, der selbst der Volksgruppe der Hutu angehörte, verbreitet sich innerhalb von Minuten im ganzen Land, eine halbe Stunde später machen sich die ersten Hutu-Extremisten auf, um die Tutsi-Minderheit ­systematisch zu vernichten.

Tagsüber funktioniert Pater Hürter instinktiv, fast automatisch, abends ist es gespenstisch still. «Ich glaube», sagt er, «die meisten von den zu uns in die Kirche Geflüchteten ahnten, was ihnen bevorstand.»

Von alldem haben Pater Hürter und seine beiden Mitbrüder aus Frankreich und Italien keine Ahnung, als sie am Morgen des 7. April das Tor des Gemeindezentrums von Ruhuha öffnen, um die ersten Gläubigen zum Gottesdienst zu empfangen. Trotzdem spüren sie, dass etwas nicht stimmt: «Es kamen weniger Menschen als sonst, und die, die kamen, waren verunsichert, fast ängstlich.» Im Laufe des Vormittags bitten die ersten Tutsi-Flüchtlinge um Zuflucht, gegen zehn Uhr sind die ersten Schüsse vom nahegelegenen Markt zu hören, am Abend steigt die Zahl der Flüchtlinge auf 250.

Hürter und seine Mitbrüder machen Essen, organisieren Schlafplätze und Decken. «Heute», sagt er, «würde ich zur Botschaft fahren und Alarm schlagen, aber im Rückblick sagt sich das so leicht; es gab kein Internet, kein Telefon, wir hockten in diesem Dorf und hatten keine Ahnung, welches Ausmass die Dinge annehmen würden.»

Noch am selben Abend soll er eine Vorstellung davon bekommen, als eine Horde bewaffneter Hutu-Milizen aufgebracht gegen das Tor schiesst. Hürter und seine Mitbrüder wissen sich nicht anders zu helfen, als sie hereinzulassen, vielleicht könne man sie ja beschwichtigen. Danach geht alles ganz schnell: ­Einer der Soldaten reisst dem schwerhörigen französischen Pater die goldene Brille vom Gesicht, der zuckt zusammen, einer der Angreifer schiesst – eher reflexhaft als mit Vorsatz –, der Pater sinkt getroffen zu Boden; Hürter flieht und versteckt sich im Bananenhain hinter dem Haus; als er sich eine Stunde später zurückschleicht, sind die Angreifer weg und der Pater liegt im Sterben. Noch interessieren sie sich nicht für die geflüchteten Tutsi im Pastoralzentrum. Diese hören zwar die Schüsse, erfahren aber erst am nächsten Morgen, was sich zugetragen hat.

Am Morgen des 8. April spielt der ruandische Radiosender RTLM den ganzen Tag Lieder mit Zeilen wie diesen: «Ich hasse Hutu, ich hasse Hutu, ich hasse Hutu, die glauben, dass Tutsi keine Schlangen sind.» Hürter wird von der Deutschen Welle als vermisst gemeldet, schafft es aber, mit seinen Eltern und dem Provinzial der Weissen Väter in Kigali zu telefonieren, als er in der Nachbargemeinde einen Sarg für seinen ermordeten Mitbruder besorgt. «Hat 2000 ruandische Francs gekostet», sagt er, daran erinnere er sich genau, «die Summe war mein letzter Eintrag ins Haushaltsbuch.»

Hans-Michael Hürter während der Aufnahme bei den Weissen Vätern im Herbst 1983 im Garten der Gemeinschaft in Fribourg. «Das gleiche Kleid trug ich auch, als ich in Ruanda den Sarg für meinen Mitbruder kaufte.»

Was in diesen Tagen in Ruanda geschehen sei, füge sich im Rückblick zu einem grausamen, aber schlüssigen Bild, sagt er; schon vorher sei es zu Übergriffen gegen Tutsi-Familien gekommen, aber damals sei er nicht in der Lage gewesen, das Geschehen zu überblicken, geschweige denn die Attacke in einen Zusammenhang mit der abgeschossenen Maschine zu bringen. Er ist verwirrt, tut aber, was er kann, kümmert sich um die Flüchtlinge, spricht ihnen Mut zu, feiert die Eucharistie mit ihnen. Tagsüber funktioniert er instinktiv, fast automatisch, abends ist es gespenstisch still. «Ich glaube», sagt er, «die meisten ahnten, was ihnen bevorstand.»

Erschlagen, zerhackt und aufgeschlitzt

In den letzten 25 Jahren wurde kontrovers über die Rolle der Kirche im Genozid diskutiert. Hätte er verhindert oder wenigstens abgemildert werden können? Haben sich Geistliche schuldig gemacht, und wenn ja, wodurch? Nur, indem sie gezögert und ihr eigenes Leben gerettet haben? Oder auch, indem sie sich von der immer aggressiver werdenden Propaganda und Rassenideologie haben mitreissen lassen? In den Jahren danach erschienen Texte, die der Kirche eine erhebliche Mitschuld an der ruandischen Tragödie des Jahres 1994 gaben. «Die meisten ihrer Priester und Nonnen hatten 1994 bei dem Blutbad teilnahmslos zugesehen oder gar den Mördern geholfen», schrieb der Spiegel im Jahr 2000 unter der Überschrift «Mit Weihrauch und Machete». «Ich glaube, dass alles dabei war», sagt Pater Otto Mayer, der 1994 ebenfalls als Weisser Vater in Ruanda lebte, aber im Gegensatz zu Pater Hürter noch Jahre danach im Land blieb. «Um Mitbürger des anderen Stammes zu retten, haben viele Ruander ihr Leben riskiert und auch gelassen. Andere haben mit den Milizen zusammengearbeitet.»

Der Angriff erfolgt am nächsten Tag. Eine Horde Hutu-Soldaten – einige von ihnen kennt Hürter, ja, es sei nicht auszuschliessen, dass er mit manchen noch wenige Tage zuvor die Osternacht gefeiert habe – stürmt die Kirche und ermordet die 250 Tutsi-Flüchtlinge, während Hürter und sein italienischer Mitbruder von Gewehren in Schach gehalten werden. «Es fiel fast kein Schuss», sagt er, «die meisten hatten eine Machete oder eine Axt, die Menschen wurden erschlagen, zerhackt und aufgeschlitzt.» An diesem Tag werden ganze Familien ausgelöscht, Kinderleichen auf einem Haufen gestapelt. Hürter entgeht knapp seiner Hinrichtung. Es ist eine ruandische Hutu-Ordensschwester, die ihm das Leben rettet: «Lass den Priester», rät sie dem Hutu-Soldaten, der ihm ein Gewehr in den Bauch rammt, «den brauchen wir noch.» In solchen Situationen, sagt Hürter, könne man den Katechismus in die Tonne treten, da gehe es ans Eingemachte, da habe man nur noch die Formeln, die sich im Laufe des Lebens eingebrannt haben, in seinem Fall Psalm 23: «Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen.»

Heute ist Hürter überzeugt davon, dass es Gott war, der ihn durch diese Stunden getragen hat. «Ich glaube, dass ich instinktiv vieles richtig gemacht habe, weil er an meiner Seite war.» Zum Beispiel habe er im Moment des grössten Chaos das Gewehr eines Mitbruders in einem Plumpsklo versenkt, damit es nicht in falsche Hände geraten könne. Man funktioniert extrem scharf, wenn man Angst um sein Leben hat.

Das Evangelium verraten

In den Jahren danach standen etliche ruandische Hutu-Priester und -Nonnen vor Gericht, weil sie den Völkermord nicht nur nicht verhindert, sondern geschürt haben sollen, manche von ihnen wurden zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Alleine in Ruanda wurden bis 2006 mehr als zwanzig Geistliche für ihre Beteiligung am Genozid angeklagt. Andererseits zählten mehrere Hundert Kleriker, insbesondere Tutsi und regierungskritische Priester, zu den Opfern der Gewalttaten. Nachdem Papst Johannes Paul II. 1996 noch eine Mitverantwortung der katholischen Kirche für den Völkermord abgelehnt hatte, bat Papst Franziskus Ruandas Präsident Paul Kagame vor zwei Jahren um Vergebung für die Mitschuld der katholischen Kirche am Genozid; auch Priester und Ordensleute seien dem Hass und der Gewalt verfallen und hätten das Evangelium verraten.

«Ich glaube, dass nur eine zielstrebige Intervention der Uno geholfen hätte», sagt Hürter heute, «aber die blieb aus, weil Ruanda keine internationale Bedeutung hat, kaum Bodenschätze, keine strategisch bedeutsame Lage.» Tatsächlich werden von den 2500 Blauhelmsoldaten, die Anfang April 1994 im Land sind, die meisten abgezogen, am 21. April befinden sich nur noch 270 Mann in Ruanda. Trotzdem sei die Schuldfrage zu komplex, als dass sie eindeutig beantwortet werden könne, weil es ja nicht nur um Personen und Institutionen gehe, sondern auch um jahrzehntelange Verwicklungen während und nach der Kolonialzeit, um Unruhen, Diskriminierungen und Verflechtungen, innerhalb derer sich auch die Täter- und Opferrollen ineinander verschränkten. Es ist wohl tatsächlich so, dass man den Genozid in Ruanda nicht verstehen kann ohne den Kampf der beherrschenden Stämme, an der Macht zu bleiben oder an die Macht zu kommen. In einem solchen Bürgerkrieg gibt es «wenige Leute, die gänzlich frei von Schuld sind, besonders von der der nicht oder ungenügenden Hilfeleistung für Menschen in Lebensgefahr», sagt Pater Otto. Übrigens weinten Ruander, besonders Männer, kaum in der Öffentlichkeit. Es gebe ein Sprichwort dafür: Die Tränen eines Mannes fliessen in den Bauch – in den Monaten nach dem Völkermord habe er viele Ruander weinen gesehen.

Hürter bleibt noch drei Wochen in Ruanda, bevor er zusammen mit belgischen Ordensschwestern in die Deutsche Botschaft nach Burundi flüchtet. «Sie müssen nicht auf mich hören», sagt der Botschafter zu ihm, «aber ich rate ihnen, das Land so schnell wie möglich zu verlassen.» Kurz darauf sitzt Hürter in einer Maschine nach Amsterdam, fliegt weiter nach Frankfurt und Köln, wo er eine Woche bleibt, bis er schliesslich in seiner Heimatgemeinde Coesfeld landet.

Nachdem Papst Johannes Paul II. 1996 noch eine Mitverantwortung der Kirche für den Völkermord abgelehnt hatte, bat Papst Franziskus Ruandas Präsident Paul Kagame vor zwei Jahren um Vergebung für die Mitschuld der Kirche am Genozid.

«In den Monaten danach fühlte ich mich ohnmächtig und sprachlos», sagt er. «Ich habe an Gottesdiensten teilgenommen, konnte aber nicht selbst zelebrieren.» Sein Glaube war erschüttert. Es ist die ewige Frage, die ihn quält: Wie kann es einen Gott geben, der so etwas zulässt? Nach einiger Zeit bekommt er Probleme beim Gehen. Seine Gelenke schmerzen. «Ich lief wie eine alte Oma.» Ein Arzt diagnostiziert eine rheumatoide Arthritis, verschreibt ein Medikament, das Linderung verschafft. Erst ein Jahr später liest Hürter in einer medizinischen Zeitschrift, dass eine rheumatoide Arthritis auch durch ein Trauma ausgelöst werden kann. «Danach war die Sache klar.»

Eine Psychotherapie lehnt er damals ab, spricht aber immer wieder mit einer befreundeten Therapeutin: «Wenn was in dir hochkommt, Erinnerungen, Ängste, Bilder – lass es kommen», sagt sie. Hürter folgt ihrem Rat, spricht immer wieder über das, was er gesehen hat. «In meiner Heimatgemeinde wurde ich aufgefangen, dort liegen die Wurzeln meines Glaubens, dort konnte ich die Bilder rauslassen», sagt er. «Hätte ich es nicht gemacht, hätten sie sich eingedrückt und mich am Ende erdrückt.» Es dauert ein Jahr, bis er den Auferstehungsglauben wiederfindet – an Ostern 1995 feiert er seine erste Messe in Köln.

Auferstehung

Hürter reist noch zweimal nach Ruanda, verzichtet aber auf einen Besuch der Pfarrei in Ruhuha. Andere Missionare hätten ihm abgeraten, an den Schauplatz der Greueltaten zurückzukehren. Sein Auftauchen als Ordenspriester könnte Irritationen seitens der Behörden und der Menschen vor Ort auslösen. Zu viele Fragen blieben ungeklärt. «Diese Warnung habe ich re­spektiert.» Vielleicht, meint er, gehe er noch einmal nach Afrika. Das Bistum Münster habe eine Partnerschaft mit einem Bistum im Norden Ghanas, das könne ihn schon reizen. Heute glaubt er, dass ihn diese dramatischen Wochen im April 1994 Gott nähergebracht haben, ja, er gehe mehr denn je davon aus, «dass wir österliche Menschen sind, dass es also etwas gibt, das über den Tod hinausweist und uns Kraft gibt». Zum Beispiel trägt er bei Beerdigungen lieber Weiss als Schwarz. Als sein Vater in der Osterwoche zu Grabe getragen wird, bittet er den Priester, eine weisse Stola zu tragen. Als dieser ihn irritiert anschaut, sagt er: «Ich glaube nun mal an die Auferstehung.»

Der Autor Tobias Haberl schreibt für das Magazin der Süddeutschen Zeitung in München.
Die Fotografin Thekla Ehling lebt in Köln.