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Autorin: Lotta Suter
Freitag, 19. März 2021

Längst hätte ich die digitale Adresse des Theologen, Entwicklungsexperten, Agrarwissenschaftlers, Journalisten und Geschichtenerzählers, mit dem ich jahrzehntelang eng zusammengearbeitet habe, löschen müssen. Al Imfeld ist seit dem 14. Februar 2017 tot. Doch ich habe bei verstorbenen Kontakten meine liebe Mühe, sie mit einem Klick aus meinem Computerleben zu entfernen. Ich behandle solche E-Mails wie alte Familienfotos, die ich mir zwar nie ansehe, aber trotzdem in einer Schachtel aufbewahre und nicht in den Papierkorb werfe.

Bei Al Imfeld fällt es mir besonders schwer, die Verbindung vom Diesseits zum Jenseits, von den Lebenden zu den Toten zu kappen. Denn er war ein Mensch, der Himmel und Erde ein Leben lang nie scharf trennte. Einmal hatte ich meinen Finger klickbereit auf der Maus. Da fielen mir die armen Seelen ein, die in einer von Al Imfelds Erzählungen auf einem abgeräumten Roggenfeld im Luzerner Hinterland zu Allerheiligen Schifflein fahren.

Ich sah die neblige Spätherbstlandschaft vor mir, darin das schummrige Licht der Sonne, das Mutter Imfeld als Leuchten der verstorbenen Verwandten und Bekannten deutete. In Al Imfelds Erzählung bitten die armen Seelen darum, nicht vergessen zu werden. Denn nach dem Tod sei die Einsamkeit das schrecklichste. Ich weiss nicht, ob das so ist. Ich persönlich glaube eher, dass der Tod alle Einsamkeit aufhebt. In diesem Fall bin jedenfalls ich es, die noch nicht ganz loslassen kann.

Al Imfeld war vieles: Theologe, Afrikakenner, Poet und Gastgeber.

Wie gerne hätte ich mich mit Al Imfeld, dem Afrikakenner und Mitstreiter des afroamerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King, ausgetauscht über das Wiederaufflammen des Rassismus in den USA. Was hätte er wohl gesagt zu Donald Trump und zu «Black Lives Matter», dieser neuen starken Bürgerrechtsbewegung, die die Geschichte Amerikas mitbestimmt?

Al Imfelds Stube

Geboren wurde Alois Johann Imfeld am 14. Januar 1935 als ältestes von dreizehn Kindern einer Kleinbauernfamilie. Seinen Geburtstag feierte Al Imfeld, der seit seinem Aufenthalt in den USA Anfang der 1960er Jahre nur noch die religiös weniger belastete Kurzform seines Vornamens brauchte, jeden Winter unverschämt und grosszügig. Über mehrere Tage hinweg bewirtete er jeweils in seiner Zürcher Altbauwohnung eine wechselnde Schar von Besucherinnen und Besuchern mittags und abends mit Suppe, Trockenfleisch und Käse, frischem Brot und gutem Wein. Und natürlich mit Geschichten aus seinem langen Leben auf vielen Kontinenten und in ganz verschiedenen Kulturen.

Die Gäste kamen und gingen. Al Imfeld sass schmunzelnd in seinem Lieblingssessel und hielt Hof wie ein traditioneller Chief, eine Rolle, die er im farbigen afrikanischen Hemd mit prachtvollem Amulett auf der Brust ganz gerne spielte. Al Imfeld betonte aber oft, dass es beim grossen Geburtstagsgelage, wie auch bei seinen wöchentlichen Mittagstischen, nicht um seine Person ging, sondern um das Zusammenbringen von Menschen und Ideen, von unterschiedlichen Lebenserfahrungen und Vi­sionen. In seinem bodenständig weltoffenen Salon traf der Karrierediplomat auf den Gewohnheitstrinker, die Missionsschwester auf die exzentrische Künstlerin, das Rotary-Club-Mitglied auf den überzeugten Marxisten, die Tänzerin oder Doktorandin aus Afrika auf die Entwicklungshelferin aus der Schweiz.

Gott und die Welt

Als ich an meiner Imfeld-Biografie arbeitete, sass ich einmal während der ganzen langen Geburtstagsfeier als Beobachterin in der Wohnzimmerecke. Das Ambiente änderte ständig. Als wäre der Raum beleuchtet von einer dieser Lampen, die in gewissen Intervallen ihre Farbe wechseln von Blau zu Rot, von Grün zu Gelb. Die Stimmung war herzlich, dann plötzlich ziemlich frostig. Die Unterhaltung wurde lauter, fast zornig – und fand dann unvermittelt wieder zurück zu einer stets etwas fragilen Fröhlichkeit.

Al Imfeld griff selten ein, aber wenn es nötig war, wusste er, wie man heftige Zusammenstösse verhindert, wie man Spannungen abbaut. Vermitteln und Versöhnen war seine eigentliche Berufung. In einer Geschichte aus seiner Kindheit schrieb Al Imfeld: «Ich wollte, solange ich mich erinnern kann, zweierlei in dieser Welt, nämlich Menschen helfen und sie überzeugen, dass wir es schön haben und es andere auch so schön haben könnten.»

Die Mission war für Alois wie ein Fenster in die weite Welt. Während die Männer jassten, korrespondierte Mutter Imfeld mit Ordensschwestern in fernen Ländern.

Kurz: man verhandelte über Gott und die Welt. Weil für den Gastgeber das Profane und das Sakrale untrennbar miteinander verflochten waren. Er selber schrieb dazu: «Von klein auf nahm ich alles, und besonders auch das Religiöse, unter meine kindliche Lupe. Es gab für mich keinen Unterschied zwischen religiös und weltlich. Erforscht und durchleuchtet konnte alles werden, dachte ich.»

Kurz vor seinem Tod befragte ich Al Imfeld für ein Portrait in einem Sammelband über zeitgenössische Schweizer Theologinnen und Theologen ein letztes Mal zum heutigen Stellenwert der Religion. Er antwortete per Mail: «Religion steht nicht mehr an erster Stelle, sondern die menschliche Kultur in ihrer ganzen Vielfalt. Religion gehört zu dieser Mehrdimensionalität, die sie entweder mitgestalten oder verächtlich und abschätzig behandeln kann.» Diesen Wandel, den manche als Schwächung oder gar als Niedergang der Religion beklagen, hat Al Imfeld nicht bloss beobachtet, sondern mit Leib und Seele gelebt.

Rosenkranz und Zahnwehkreuz

Für den ganz jungen Alois oder Wisu, wie man ihn im Luzerner Dialekt nannte, war Religion so selbstverständlich und unverzichtbar wie die Luft, die er atmete, oder die Mitarbeit auf dem kleinen Hof der Eltern. Im tief katholischen Luzerner Hinterland versäumten Familien wie die Imfelds nie einen Kirchgang. Da gab es Sonn- und Feiertage, Beerdigungen und Hochzeiten, Gedächtnisgottesdienste wie den Dreissigsten und das Jahrzeit.

Dazu kamen die Bittprozessionen mit Monstranz über Wiesen und Felder. An den langen Winterabenden wurde auf dem kleinen Hof in Buttisholz regelmässig ein Rosenkranz für die Bekehrung eines Heiden gebetet. Al Imfeld erinnert sich: «Ich machte jedes Mal über meinem Bett auf einem Bild mit zwei Heidenkindern im Feuer (ich nahm an, das sei das Feuer der Hölle) einen Strich. Ich erreichte sage und schreibe 500 Striche, bevor ich mit zwölf Jahren ans Missionsgymnasium ging.»

Doch bei allem christlich-missionarischen Eifer: hatten die Imfelds Zahnweg, so beteten sie nicht bloss zur zuständigen Heiligen, Apollonia, sie pilgerten auch zum «Zahnwehkreuz» auf der Birchbühlerhöhe und bissen in das Holz; ganz so, wie es die Leute der Gegend seit vorchristlicher Zeit mit ihrem «Zahnwehbaum» getan hatten.

Als Al die Trauung eines befreundeten Paares leitete, musste ihm die Hochzeitsgesellschaft an den rituellen Ablauf des Ehesakraments erinnern. So sehr hatte er sich bereits von der organisierten Religion gelöst.

In Al Imfelds Kindheit gab die Religion den Tagesrhythmus vor. Religiöse Rituale regelten und beschränkten seine Bewegungsfreiheit. Doch der Glaube gab ihm, wie er später immer wieder betonte, auch Geborgenheit und regte überdies seine Einbildungskraft an. Insbesondere die Mission öffnete ein Fenster aus der Enge des Napfgebiets hinaus in die weite Welt. Auf einmal waren Afrika und Asien nicht mehr unerreichbar weit weg. Mutter Imfeld zum Beispiel korrespondierte am Sonntagnachmittag, während die Männer jassten, regelmässig mit Missionaren und Ordensschwestern in fernen Ländern.

1947 verliess der zwölfjährige Alois seine Familie, um den langen Weg zur Priesterweihe und Mission anzutreten. Dieses Jahr bedeutete eine tiefe Zäsur in seinem Leben – und in seinem Verständnis von und Verhältnis zur Religion. Dass er von einer Missionsgesellschaft angeworben wurde, war keine grosse Überraschung. Die meisten grossen Bauernfamilien gaben mindestens ein Kind, oft den Erstgeborenen, der Kirche. Diese nahm die Bauernsöhne dann je nach deren Begabung entweder als Frater für manuelle Arbeiten oder als Pater für geistliche Aufgaben in ihren Dienst. Für den aufgeweckten Alois hatten die «Gottes­jäger», wie der Volksmund die Rekrutierer der Mission nannte, die Priesterweihe vorgesehen.

In seiner langen Ausbildungszeit zum katholischen Theologen und Missionar wurde seine Einstellung zur Religion zwiespältiger und komplizierter. Immer noch und immer mehr empfand er die Kirche als befreiend und einengend zugleich. Sieben Jahre lang besuchte er das Knabengymnasium Immensee. Es folgten sechs Jahre theologische Studien in der Missionsgesellschaft Bethlehem und schliesslich Nachstudien in Rom.

In dieser Zeit tat er sich schwer mit Dogma und Disziplin, mit der scharfen Trennung von Geistlichem und Weltlichem, mit der mutter- und schwesternlosen Männergemeinschaft. Doch welche intellektuellen Horizonte taten sich ihm auf! Theologie, Philosophie, Literatur, Psychologie. Seine Neugier kannte keine Grenzen – und sie respektierte auch nicht die Schranken, die dem angehenden Missionar durch die römisch-katholische Kirchenlehre gesetzt wurden.

Alois mit zehn Jahren und seine jüngeren Geschwister.

Querdenker und Einzelgänger

1961 wurde Alois Imfeld im Beisein seiner stolzen Eltern und Geschwister zum Priester geweiht. Bereits zwei Jahre später verschenkte er im New Yorker «Exil» seine schwarze Soutane samt Kollar. Nach Immensee schrieb er, er wolle nicht aus der Missionsgesellschaft austreten, jedoch einen neuen Weg gehen. Seine nächsten Schritte auf diesem eigenwilligen Pfad waren Studien in Soziologie, Journalismus, Agrarwissenschaft und protestantischer Theologie.

Anschluss an die Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King. Kurzer Einsatz als Kriegsreporter in Vietnam. Lehrtätigkeit in verschiedenen afrikanischen Ländern, wo er immer wieder in Ungnade fiel, weil er weder missionieren noch kolonisieren wollte. Statt Christentum und Shakespeare zu lehren, versuchte er zusammen mit den Menschen vor Ort die eigene Geschichte und Kultur aufzuspüren und sichtbar zu machen.

Der junge Priester Alois Imfeld mit seiner Schwester Hanni vor einer Kirche in Luzern, Anfang der 1960er Jahre.

Anfang der 1970er Jahre kehrte er in die Schweiz zurück und vermittelte nun von hier aus zwischen den Kontinenten. Er wirkte als Landwirtschaftsexperte und Dichter, als Entwicklungsberater und Religionswissenschaftler, als Journalist oder Sachbuchautor und Geschichtenerzähler. Er arbeitete mit NGOs zusammen, aber auch mit Grosskonzernen. Er unterstützte junge Wissenschaftler in der ganzen Welt, aber auch Sexarbeiterinnen in seinem Zürcher Quartier. Von den einen wurde Al Imfeld als vielseitiger Renaissancemensch bewundert.

Von andern als opportunistischer Hansdampf in allen Gassen kleingeredet. Viele liessen sich gerne vom gastfreundlichen Hinterländer mit seinem Fabuliertalent unterhalten, aber nur wenige nahmen seine Ideen ernst. Denn diese kamen nicht wissenschaftlich stringent, ja oft nicht einmal grammatikalisch korrekt daher. Al Imfeld selber empfing Lob und Tadel mit gros­ser Gelassenheit.

Nur selten – am ehesten noch in Gedichtform oder in seinen Tagebüchern – liess er durchblicken, wie verletzt und verletzlich er im Grunde doch war. Er, der Einzelgänger, der sich weder religiös noch politisch, weder wissenschaftlich noch kulturell festlegen wollte, sondern ständig um neue, grenzüberschreitende Einsichten rang.

Von der organisierten Religion, die seine ganze Jugend und seine Zeit als junger Mann dominierte, löste sich Al Imfeld im Laufe seines Lebens immer mehr. Als er als geweihter Priester einmal doch noch die Trauung eines befreundeten Paares leitete, musste ihn die Hochzeitsgesellschaft zuweilen an den rituellen Ablauf des Ehesakraments erinnern.

Trotzdem war Al Imfeld genau der richtige Mann, um einen solchen Übergang ins neue « vermischte » Leben zu zweit zu begleiten und zu segnen. Denn er holte mit seiner universalen, undogmatischen Religiosität oder Spiritualität eine Ahnung von Himmel auf die Erde und verschaffte dem an sich alltäglichen Anlass der Eheschliessung etwas überirdischen Glanz, vielleicht gar einen Funken Transzendenz.

Auf Ausfahrt auf dem Hudson: Priester Alois umgeben von Au-pairs Mitte der 1960er Jahre in New York.

Entkolonialisierte Religion

Eine Trauung, ein Mittagstisch, ein Geburtstagsfest – das waren die wichtigen Gottes- und irgendwie auch Menschendienste, die der ehemalige Missionar in seinen letzten Jahren praktizierte. In unzähligen religionswissenschaftlichen Aufsätzen, in Gedichten, in Kinder-, Familien- und Missionsgeschichten erklärte er, wie viel ihm diese Zusammenkünfte bedeuteten. 1995 sagte er in einem Interview mit Willy Spieler, dem langjährigen Redaktor der «Neuen Wege»: «Sobald ein Fest entsteht, eine Stimmung, in der du den Frieden spürst, merkst du doch, dass es irgendetwas gibt, das über dem alltäglichen Menschlichen ist; ich möchte es als göttlich bezeichnen.»

Am Ende seines Lebens fand Al Imfeld zurück zu einer Reli­giosität, die wieder so selbstverständlich und unverzichtbar war wie die Luft, die wir atmen, und die Arbeit, die wir tagtäglich verrichten. Doch es war kein naiver Kinderglaube mehr wie damals im Hinterland, sondern eine bewusst weit gefasste, ökumenische Spiritualität. Al Imfeld nannte das «eine entkolonialisierte und demokratisierte Religion». Es gibt darin keine «Gottesjäger» mehr und keine Gejagten, sondern nur noch den Versuch eines echten Neben- und Miteinander. Der ehemalige Missionar betonte immer wieder: «Es führen viele Strassen zum Himmel.»

Von denen, die dabei waren, habe ich gehört, dass Al Imfeld, der weitgereiste katholische Priester und Missionar, am Ende in seiner Zürcher Wahlheimat im Universitätsspital friedlich in den Armen und mit dem Segen eines muslimischen afrikanischen Freundes gestorben ist. So vererbte er uns eine letzte schöne und stimmige Geschichte.

Alois Imfeld mit seiner «geistlichen Mutter» Maria Lampart nach seiner Priesterweihe 1961.

Al Imfelds Vermächtnis

«Ein Leben geht nie von A bis Z. Es endet mehrere Male. Man geht weg, kommt zurück – und setzt anders an.» Das schrieb Al Imfeld um die Jahrtausendwende in eines seiner vielen Notizbücher, die er mir zur Durchsicht auslieh. Ich hatte vom Rotpunktverlag den Auftrag erhalten, zu seinem siebzigsten Geburtstag eine Biografie zu schreiben. Nach langem Zögern stimmte er dem Vorhaben zu und vertraute mir als Publizistin nun zusätzlich zu seinen Texten auch noch sein Leben an.

Er tat es, weil er glaubte, dass ich sein unablässiges existenzielles Kreisen und Suchen und Ahnen verstehen und irgendwie abbilden könne. Dass ich, seine langjährige Redaktorin, Lektorin, Mither­ausgeberin und nun Biografin, begreifen würde, dass er nicht Wahrheit, schon gar nicht eine absolute Wahrheit anstrebte. Was er von sich und den anderen verlangte, waren Ehrlichkeit und Ehrfurcht im Herantasten an das, was ist.

«Er sei umgeben von Menschen, die Rat und Hilfe von ihm wollten, sagte Al Imfeld einmal zu mir. Und nur wenige würden daran danken, dass auch er Rat und Hilfe brauche.» Lotta Suter

Ich habe mich mit Al Imfeld auf viele Schreibabenteuer eingelassen, die ich mir selber nie hätte vorstellen können: Geschichten über Elefanten in der Sahara. Ein schön gebratenes Spiegelei, das sich unversehens in ein fernöstliches Mandala verwandelt. Afrikanische Grossstädte mit Ziegen und Kräutergärten zwischen den Hochhäusern. Eines der wenigen Projekte, bei denen ich meine Mitarbeit verweigerte, war eine Sammlung mit Geschichten über Frauen, meist People of Color, aus dem Zürcher «Milieu».

Ich war skeptisch, weil Al Imfeld sich in Genderfragen oft etwas altherrenhaft äusserte. Doch ich wusste auch, dass er ein grosses Herz und gute Beziehungen zu den Frauen in seinem Umfeld hatte. Ich las die Texte über die reizvollen Tänzerinnen so sorgfältig wie jedes andere Manuskript und kam zum Schluss: Im Gegensatz zum Autor sind diese erotischen Geschichten rassistisch und sexistisch. Zumindest können sie so gelesen werden, und keine Überarbeitung meinerseits vermöchte das zu ändern. Meine «Absage» hat unser gutes Einvernehmen nur kurz getrübt. Al Imfeld hat später auf eigene Faust erotische Gedichte unter dem Titel «Po-Po-Po-esie» veröffentlicht und seine Auseinandersetzung mit Erotik und Sexualität im Vorwort erklärt.

Im praktischen Schreiballtag sind wir über die Jahre hinweg natürlich des öfteren aneinandergeraten. Ich kritisierte die Flüchtigkeit und Ungenauigkeit, das Ungefähre, Nachlässige, das sich von seinen inhaltlichen Aussagen in die Sprache und selbst in die Rechtschreibung hineinfrass. Er sah in mir zuweilen die nörgelnde Pedantin, die seine grossartigen Gedankensprünge, die er selber gerne «jazzig» nannte, nicht nachvollziehen konnte.

Pfeife, Stift, Afrikahemd: Al Imfeld, 1980.

Wirklich zerstritten haben wir uns nie. Ich begleitete Al Imfelds Bücher bis zum Schluss, weil sein Denken und Schreiben am Ende eben doch «verhebet». Weil es in allen seinen Texten Anregung und Herausforderung zum Weiterdenken gab. Weil er immer wieder neue Zusammenhänge aufdeckte. Weil er ein phantastischer Geschichtenerzähler war, der es verdiente, behutsam vom Mündlichen ins Schriftliche übersetzt zu werden.

Und nicht zuletzt, weil ich ihn als integren Menschen erlebte. Al Imfeld seinerseits schenkte mir, der Redaktorin, grosszügig sein Vertrauen. Er sei umgeben von Menschen, die Rat und Hilfe von ihm wollten, sagte er einmal zu mir. Und nur wenige würden daran denken, dass auch er Rat und Hilfe brauche. Ich nahm das als unausgesprochenes Kompliment und Dankeschön. Ein vorsichtiges Lob von einem Mann, der zeitlebens gegen die Enge und Engstirnigkeit anschrieb: die Enge der Kleinbauernexistenz im Napfgebiet. Die Enge des Priesterseminars und der Missionsgesellschaften.

Die Engstirnigkeit des Kolonialismus und dann auch der postkolonialen afrikanischen Regierungen. Eingeschränkt fühlte sich Al Imfeld auch in der Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King, in der Schweizer Entwicklungshilfe, als Journalist, Sachbuchautor und auf seinen Vortragsreisen. «Es ist etwas Zwiespältiges in meinem Leben, dass ich immer wieder das Empfinden hatte: man muss hier weg. Ich dachte, dass der Aufbruch einen grösseren, weiteren Lebensraum bringt», sagte er mir im Abschlussgespräch für seine Biografie.

Gesundheitsbedingt ist Al Imfeld immer seltener auf grosse Reisen gegangen, doch aufgebrochen zu neuen Ufern ist er alleweil. Das beweisen seine letzten Bücher, die umfassende Anthologie «Afrika im Gedicht» sowie «AgroCity», ein Aufruf zu einer ganzheitlicheren Urbanität in Afrika.

Die Wahl – und die Abwahl – von Donald Trump hat Al Imfeld nicht mehr erlebt, auch nicht das Wiederaufflammen des Rassismus und den Widerstand der neuen Bürgerrechts­bewegung in den USA. Ich, die seit über zwanzig Jahren in den USA lebt, muss mir zum neuen «Stammesdenken» in den höchst uneinigen Staaten von Amerika meine eigenen Gedanken machen. Al Imfelds Thesen und Geschichten zu einem gewaltfreien Zusammenleben helfen mir dabei. Doch ich selber muss weiter kreisen und suchen, jazzig oder auch nicht. Al Imfeld selbst hat mir das zum Vermächtnis gemacht: «Schreib neue Verse, vergiss die alten, blick nicht wie Frau Lot zurück.»