– AMUSE-BOUCHE –
Bedient wie ein König
Wer noch nie mit einem Picasso im Rücken Essen bestellt hat, der sollte schleunigst in die «Kronenhalle» in Zürich. Die Gouvernante hat am Morgen mit dem Pinsel den Bilderrahmen entstaubt, die Guéridon-Tücher auf den Beistelltischen sind perfekt gefaltet. In den Gläsern spiegelt sich der Grand Cru und die Karte offenbart die Qual der Wahl: Ossobuco Gremolata, Entrecôte Café de Paris oder doch lieber die Ravioli mit Scampi?
Sich bedienen zu lassen, als sei man König, ist für viele eine Sehnsucht. Und für jene, die es sich leisten können, ein Genuss. Und sei es nur, um der Welt für ein paar Stunden oder Tage einen anderen Dreh zu geben: Nicht wir sind es, die für unsere Arbeitgeber schuften. Nein, andere chrampfen für uns.
– ENTRÉE –
Geschenk oder Geschäft
Dort, wo wir uns bedienen lassen, gibt es auch Dienerinnen und Diener. Sie sind immer da, wenn wir etwas brauchen. Stören sollen sie aber bitte nicht. Wenn sie so diskret agieren, dass wir sie nicht bemerken, halten wir das für ein Qualitätsmerkmal: Die Bedienung im Restaurant schenkt Wein nach, ohne dass wir es merken. Unser Hotelzimmer wird gereinigt, wenn wir ausser Haus sind. Der Kurier klingelt, um uns eine Paketsendung anzukündigen – und verschwindet, ehe wir die Tür öffnen.
Wechseln wir einmal die Perspektive: Wie denken jene, die das Dienen zu ihrem Beruf gemacht haben? Welchen Sinn sehen sie in ihrer Arbeit und wo sind ihre Grenzen? Was kommt von Herzen, was ist lästige Pflicht?
Die Perspektive der Dienerinnen und Diener nimmt auch die Dokumentation «Inside Kronenhalle» des Schweizer Fernsehens ein, aus welcher die Einstiegszene entnommen ist. Der dreiteilige Film über das edle Zürcher Traditionslokal richtet den Fokus auf die Angestellten: auf den Küchenchef, der sich darüber ärgert, dass vier statt vierzig Kilogramm Scampi geliefert wurden. Auf die sympathische Lernende mit ihren künstlich verlängerten Wimpern. Und auf die Bedienung, la «chef de rang», die, gefragt nach ihrer Motivation, sagt: «Es gibt die Schenker und die Beschenkten. Ich schenke halt gerne.»
Schenken, helfen, für andere da sein: Dienen gilt als selbstlos und moralisch gut. Politiker, Richter, sogar Soldaten nennen sich Diener für den Staat oder das Vaterland. Kommt dazu, dass Dienen biblisch ist. Ein Zitat von Jesus lautet: «Der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.» Jesus wollte nicht mit Befehlen die Welt retten, sondern indem er seinen Leuten die Füsse wusch. Dienen als Form von Nächstenliebe: vor allem gegenüber denen, die in Not sind.
In Not sind die Gäste derer nicht, die wir zum Gespräch trafen. Im Gegenteil. Wir haben uns mit privaten Butlern und Angestellten von Luxushotels unterhalten. Ihre Kundschaft gehört zu den Reichsten der Welt.

Dienen ist in der Schweiz ein lukratives Geschäftsmodell. 110 Fünfsternehotels halten 20 000 Betten für reiche Gäste bereit.
In der Schweiz, einem der wohlhabendsten Länder überhaupt, ist Dienen ein gutes Geschäftsmodell. Etwa 150 Milliardäre, 7000 Multimillionäre mit einem Vermögen über 30 Millionen Franken sowie 500 000 Millionäre leben hier. Und die 110 Fünfsternehotels halten 20 000 Betten für superreiche Gäste aus dem Ausland bereit. Kostenpunkt pro Nacht: mehrere Tausend Franken.
Dienen ist also längst nicht nur Nächstenliebe, sondern gerade in modernen Gesellschaften ein lukratives Geschäft. So bot eine Familie aus Feusisberg SZ zum Zeitpunkt der Recherche per Stelleninserat gleich zwei Hundertprozentstellen an.
Eine Auswahl der Aufgaben für das gesuchte Haushälterpaar: Einkauf, Mahlzeiten und Service am Tisch; Reinigung, Waschen und Bügeln, Reparaturen, Fahrdienste, Kinderbetreuung (10–20 Prozent), Besorgungen aller Art, spazieren mit dem Hund. Die Liste ist noch um einiges länger. Einfacher wäre es vermutlich gewesen, zu schreiben, wofür die Butler nicht verantwortlich sind.
Während wir eintauchen in eine Welt, in der Dienen eine Art Spitzensport ist, gehen uns viele Fragen durch den Kopf: Wie kann es sein, dass eine einzige Familie so viel Geld hat, dass sie gleich zwei Menschen Vollzeit beschäftigen kann? Ist es nicht dekadent, sich selbst in einfachsten Alltagsaufgaben bedienen zu lassen? Gibt es ein Dienen auf Augenhöhe, ohne Unterwerfung und finanzielle Abhängigkeit?
– PLAT PRINCIPAL –
Rüeblitorte für die Queen
Eben noch diente sie den Royals im Buckingham Palace, jetzt referiert sie vor Handwerkern auf einem Bauernhof. Butler Zita Langenstein ist in gegensätzlichen Welten daheim. «Doch zuerst einmal bin ich Nidwaldnerin», sagt sie.
Etwa 50 Dachdecker, Fassaden- und Fensterbauer sind an diesem Herbsttag auf einem Erlebnisbauernhof am Zürichsee eingetroffen, um sich an einer Fachtagung auszutauschen und inspirieren zu lassen. Schokoladenhersteller Johannes Läderach wird über Krisenkommunikation sprechen, Zita Langenstein über Dienstleistung.
Die 62-Jährige ist viel unterwegs. Gestern hat sie mit einem Museumsteam internationale Umgangsformen geübt, morgen wird sie Zahnärzten beibringen, wie man Klienten korrekt begrüsst. Per Handschlag. Das komme bei den meisten gut an und sei eine Schweizer Eigenart. Nur wisse heute kaum noch jemand, wie das richtig gehe. «Bloss nicht wie ein toter Fisch», sagt Langenstein, lächelt und reicht dem Reporter die Hand, um die seine fest und zugleich sanft zu drücken.
Schwarzweissgemustertes Sakko, halbhohe Doc-Martens-Schuhe, so stellt sich Langenstein nun vor die 50 Männer und erzählt, dass sie ihren Traumberuf bereits mit 6 Jahren gefunden habe. Auf einem Bauernhof im Kanton Nidwalden aufgewachsen, die Mutter ein Fan der Royals, liebte sie es schon als Kind, den Familientisch zu decken und das Essen zu servieren.

Servierte der Queen regelmässig ihre Eigenkreation «Afternoon Tea Swiss Style»: Butler Zita Langenstein. (Bild: ZVG)
Ihr erstes Vorbild war Johann, der Butler aus der Fernsehserie «Graf Yoster» von 1967. «Was der alles wusste!», schwärmt sie. «Welch abwechslungsreiches Leben der hatte! Selbst in schwierigsten Situationen bewahrte er die Contenance!»
Mit 17 dann die Lehre als Hotelfachassistentin in Basel. Danach Stationen im Ausland und am «Schweizerhof» in Bern, wo sie erste Aufgaben als Butlerin übernahm und Spezialgäste und die Inhaberfamilie betreute.
Erst 20 war sie, als sie sich bei der renommierten Butlerschule von Ivor Spencer in London bewarb. Ohne Erfolg. Gleich im Folgejahr der zweite Anlauf. Wieder abgelehnt. Dasselbe im Jahr darauf: Immer mit der Aufforderung, sie solle dranbleiben, am besten in den USA Butler-Erfahrungen sammeln. In der nächsten Absage riet man ihr zu einem Aufenthalt in Asien, dann im Mittleren Osten. Langenstein tat, wie ihr geraten: USA, Asien, Mittlerer Osten. 19 Jahre ging das so. Bis im Jahr 2000, unzählige Bewerbungen später, ein Anruf aus London bei ihr einging. Sie könne kommen. Die Ivor Spencer School nehme nun auch Frauen auf.
«Reklamationen sind ein Fest, seien Sie dankbar dafür», rät Zita Langenstein in ihrem Vortrag den Dachdeckern und Fassadenbauern. «Eine Reklamation ist immer eine Chance, Kunden an sich zu binden. Wenn Sie heute etwas mitnehmen, dann das.»
Langenstein schliesst als erste Frau die Ivor Spencer School ab. Seither nennt sie sich «Zita The Butler». Die Ausbildung bestand hauptsächlich darin, einen Katalog mit 1000 Fragen abzuarbeiten: warum bügelt man die Zeitung («damit keine Druckerschwärze an den Fingern kleben bleibt»); wie überreiche ich einem japanischen Gast eine Visitenkarte («mit beiden Händen»); wie schliesse ich von aussen eine Autotür («sanft ins Schloss fallen lassen»).
Für ihre Abschlussarbeit «Afternoon Tea Swiss Style», die sie mit ihrem Mann entwickelte, gewinnt sie den ersten Preis. Zur Belohnung darf sie der Queen persönlich ihre Schweizer Version des Nachmittagstees präsentieren: Kräuter- statt Schwarztee, Schwarz- statt Weissbrot, dazu Birewegge, Tirggel, Rüeblitorte.
Der Auftritt ist ein Erfolg. Bis 2022 wird sie ihre Spezialität an jedem Geburtstag der Königin servieren. Noch heute arbeitet sie einmal im Monat im Windsor Castle oder Buckingham Palace und hilft bei Grossanlässen. Auch Roger Federer und seine Familie griffen in London jeweils auf Langensteins Dienste zurück. Details aus dem Privatleben der Royals und Federers entlockt man Zita Langenstein freilich keine. Diskretion steht über allem.
Hauptberuflich ist sie als Leiterin Weiterbildung bei Gastro Suisse zuständig. Zudem betreut sie einen Privathaushalt in Zürich, Inhaber einer grossen internationalen Firma, die viel unterwegs sind: Mr. und Mrs. Lee. So nennt Langenstein alle Kunden, deren richtige Namen sie nicht preisgibt.
Weilen die Lees in der Schweiz, serviert «Zita The Butler» das Essen, reicht dem Mann das Tablet mit den Wirtschaftsnews oder organisiert Tickets für ein Bundesliga-Fussballspiel. Ist es ausverkauft – kein Problem. Mit ihrem Netzwerk und ihrer Beharrlichkeit erfüllt Langenstein fast alle Wünsche.
Doch es gibt Grenzen. Einmal missfiel ihr das Verhalten eines Auftraggebers so sehr, dass sie abreiste. Was genau geschehen war, behält Zita Langenstein für sich.
Es war eine Ausnahme. In der Regel seien die Kunden sehr freundlich, sagt die Butlerin. Ob bei netten, schwierigen, einflussreichen oder sehr prominenten Auftraggebern: das Wichtigste sei, auf Augenhöhe zu kommunizieren. «Kein Kunde verlangt von einem Butler einen devoten Service. Er will Kompetenz.»
Täglich das Beste zu geben und Menschen etwas Gutes zu tun mache sie glücklich, sagt sie. Dienen könne süchtig machen, sei aber auch anstrengend.
Zita Langensteins Vortrag ist zu Ende, gleich will sie sich das Referat von Johannes Läderach anhören. Gefragt, ob sie nie Mühe habe, sich komplett in den Dienst anderer Menschen zu stellen, antwortet sie gekonnt wie auf eine der 1000 Fragen, die sie während der Butlerausbildung beantworten musste: «Fast alle dienen in ihrem Beruf irgendjemandem: ob als Pflegefachfrau, Bankangestellter oder Bundesrätin. Bei mir ist das Dienen einfach sehr offensichtlich.»
– ENTREMETS –
Verfügbar auch mitten in der Nacht
Wie gut man im Butler-Business verdient und welchen Preis man für diesen Beruf bezahlt, wird nach dem Gespräch mit Stefan Schöning etwas klarer. Der diplomierte Butler hat sich bereit-erklärt, in einem Videocall Auskunft zu geben. Es ist Mitte Januar, er hat viel zu tun.
Am World Economic Forum in Davos betreut er mit Kollegen mehrere Delegationen. Dabei kann er auf ein Netzwerk aus freischaffenden Chauffeuren, Haushälterinnen, Köchen und Butlern zählen. Eigene Mitarbeitende hat er keine. Er hat sich darauf spezialisiert, anspruchsvollen Klienten, wie er seine Kunden nennt, Butler auf Abruf zu vermitteln und Hausangestellte auszubilden. Für die Trainings reist er oft in den Mittleren und Fernen Osten, vor allem nach Singapur und Hongkong.
Wie Zita Langenstein hat das Dienen auch Stefan Schöning schon früh gepackt. «Mit welcher Haltung Concierges arbeiten, der Anspruch, alles möglich zu machen: das hat mich bereits in jungen Jahren fasziniert.» In Deutschland liess er sich zum Hotelfachmann ausbilden und arbeitete danach zunächst im Schloss Velden am Wörthersee. Er mochte den Job, aber etwas fehlte. «Oft reisten die VIP-Gäste nach zwei, drei Tagen wieder ab. Ich wollte näher an ihnen dran sein und etwas bewegen.»
Er besuchte in den Niederlanden die International Butler Academy von Robert Wennekes. «Der Drill-Sergeant unter den Butlern», sagt Schöning in Anspielung auf den Stellenwert Disziplin in der Akademie. Nach Stationen im «Badrutts Palace» in St. Moritz, in exklusiven Privathaushalten und im Zürcher «Dolder», machte sich Schöning 2018 selbständig.
Das Geschäft laufe gut, die Nachfrage nehme zu. Trotz künstlicher Intelligenz und immer mehr digitalen Dienstleistern. «Fast alle meine Kunden sind technikaffin, und doch schätzen sie den persönlichen Service. Erst recht seit Corona.» Seine Auftraggeber seien gut situiert. «Ein Gast, der sich eine luxuriöse Suite leistet, investiert in der Regel auch in den Mehrwert eines persönlichen Butlers.»

Im «Palace» in Lausanne sind selbst die Bäume akkurat hergerichtet.
In tiefer vierstelliger Höhe beläuft sich der Tarif, den Schöning pro Tag für eine Rundumbetreuung verlangt. Heisst: Ansprechpartner sein für sämtliche Anliegen, mit dem Hotel alle Spezialwünsche besprechen, den besten Tisch im angesagten Restaurant reservieren, den Chauffeur instruieren, durch welche Geschäfte die Shoppingtour führen soll, den Einkauf begleiten. «Das ist sehr anspruchsvoll, weil man oft vorausahnen muss, was der Kunde möchte.»
Besonders anspruchsvoll seien solche Aufträge für VIPs und Delegationen von Staatsgästen. «Sie bringen oft eine eingespielte und dynamisch agierende Entourage mit, in die man sich schnell einfügen muss.»
Die Zahl der Butler in der Schweiz schätzt Schöning auf etwa 150, vorwiegend Einheimische, Deutsche und Österreicher. Der Grossteil sei fix in einem Luxushotel oder Privathaushalt angestellt. Selbständige Butler wie Zita Langenstein dürfte es nur etwa 15 geben. «Es ist ein kleiner, aber starker Markt», sagt Schöning. Stark in dem Sinne, dass das Personal hochqualifiziert sei und auch gut bezahlt werde.
Butler von Luxushotels kämen auf einen Monatslohn von etwa 5000 bis 6000 Franken. Wer in einem Privathaushalt arbeite, könne je nach Klientel zwischen 10 000 und 12 000 Franken pro Monat verdienen. Bedeutet aber: viel mehr Einsatzbereitschaft, auch ausserhalb der Dienstzeiten. Etwa mitten in der Nacht auf eine SMS reagieren, weil der Klient spontan am nächsten Tag verreisen möchte.
Manche Butler würden irgendwann die Rolle wechseln und ihr Wissen an die nächste Generation weitergeben, sagt Schöning. Es gebe aber auch solche, die bis 65 oder älter einen Privathaushalt betreuten. «Manche schaffen das problemlos, weil sie ihre Klienten gut kennen und diese im Alter einen weniger dynamischen Lebensstil pflegen. Nicht mehr fünfmal die Woche im Privatjet sitzen, sondern ihren Lebensabend entspannt in einer luxuriösen Immobilie verbringen.»
In solch langen und engen Arbeitsverhältnissen sei es als Butler nicht einfach, eine professionelle Distanz zu seinen Klienten zu wahren. «Da braucht es viel Fingerspitzengefühl», sagt Schöning. Gleichzeitig sei es nicht immer leicht, selbst eine Familie zu gründen. «Work-Life-Balance ist in anderen Berufen wahrscheinlich leichter zu finden.» Doch für ihn steht fest: «Obwohl ein Butler stets die Bedürfnisse seiner Klienten über die eigenen stellt, bleibt dieser Beruf eine zutiefst erfüllende Profession, die ihre Faszination über die Jahre nie eingebüsst hat.»
– DESSERT –
Die goldenen Schlüssel
Lausanne, Hotel Palace. Von den Decken hängen Kronleuchter, in der Mitte der Lobby steht zwischen dicken weissen Säulen ein täuschend echt aussehender Baum, dessen Krone fast bis zum Deckengebälk reicht. Die Tische rund um die Bar sind gut besetzt, manche diskutieren bei einem Glas Wein, andere haben die Einkaufstaschen neben sich platziert und scrollen auf ihrem Handy. Es ist ein Dienstag im Oktober, halb vier nachmittags, draussen scheint die Sonne.
Im Salon J. P. Delamuraz ist eben die Versammlung der «Clefs d’Or» zu Ende gegangen, der exklusiven Vereinigung der besten Concierges im Land. «In Service for friendship», steht auf dem Banner bei der Eingangstür. Concierges sind die Gesichter von Luxushotels und verbringen ihren Alltag an der Reception. Für Check-ins und anderen Alltagskram sind allerdings andere zuständig.
Aufgabe der Concierges ist hauptsächlich, sich um die Extrawünsche der Gäste zu kümmern. Eine Ausbildung für diesen Beruf gibt es nicht. Geeignete Kandidaten werden hotelintern rekrutiert. Wer mehrere Jahre Erfahrung hat und von zwei Mitgliedern empfohlen wird, findet Aufnahme in den Branchenverband und darf das Abzeichen mit den beiden goldenen Schlüsseln tragen.
Wer das schafft, spielt sozusagen in der Champions League des professionellen Dienens. Bei den Clefs d’Or handelt es sich um eine weltweite Vereinigung. Einmal pro Jahr treffen sich ihre Mitglieder zum internationalen Kongress. Zuletzt in Berlin, Seoul, Cannes, Istanbul, Bali. Kommendes Jahr in Madrid. Der Anlass in Lausanne ist das Treffen des Schweizer Ablegers.

Jens Maier, Concierge im «Park Hyatt» in Zürich, mag seinen Job: «Ich liebe Menschen und Smalltalk. Es passiert viel Unvorhergesehenes, also auch Lustiges.»
Jens Maier, dunkelblauer Anzug, hellblaue Krawatte, die goldenen Schlüssel am Revers, setzt sich in der Lobby des «Palace» in einen Ohrensessel. Seit zwanzig Jahren ist er Concierge, zunächst im «Dolder Grand», seit zwei Jahren im Zürcher Fünfsternehotel Park Hyatt.
Er erzählt die Geschichte einer Kundin, die ein Stück Rasen auf ihre Suite bestellte für ihren Hund, damit dieser sein Geschäft verrichten konnte. Maier habe der Frau angeboten, ihr den Hund abzunehmen und ihn auszuführen. Sie lehnte ab. «Also habe ich bei einer Floristin eine Wiese mit Katzengras besorgt.» Die Lieferung dauerte eine Stunde und kostete 1000 Franken. Am nächsten Tag reiste die Frau ab.
Wer sich in dieser Branche umhört, bekommt viele solcher Anekdoten zu hören. Wer in die Welt der Reichsten blickt, kann es mit Neid zu tun bekommen. Da helfen Geschichten, die einem versichern, dass ein solches Leben nicht erstrebenswert ist. «Manche Menschen wären ohne Hilfe wirklich lebensunfähig», sagt Maier.
Auf die Frage, welchen Sinn er in seiner Arbeit sieht, lacht er laut auf. «Das fragt meine Frau auch immer.» Er möge seinen Job, denn er liebe Menschen und Smalltalk, es passiere viel Unvorhergesehenes, also auch Lustiges. Und wenn seine Frau sich empöre, antworte er: «Für dich ist es ein doofes Problem. Aber dass ich mich darum kümmere, zahlt unserer Familie hier die Wohnung und unsere Ferien.»
Die wichtigste Aufgabe von Concierges ist es, alles möglich zu machen. Ihr einziges Problem ist, dass nicht alles möglich ist – ihre Gäste das aber nicht wissen.
Maier erzählt vom Stammgast, der aus Sydney nach Zürich kam, einzig mit dem Plan, mit einem gemieteten Porsche über einen Pass zu fahren. Doch es war September und es hatte in der Nacht geschneit – der Pass war gesperrt. Maier konnte den Mann mit einer Runde durch das tempolimitfreie Deutschland zufriedenstellen. «Dort konnte er den Porsche über die Autobahn jagen.»
Die Vereinsversammlung der Clefs d’Or Suisse in Lausanne dauert vier Tage. In dieser Zeit dürfen sich die Diener für einmal selbst bedienen lassen. Sie übernachten dreimal in Zimmern von Luxushotels, im «Royal Savoy», im «Beau-Rivage» und im «Palace». Sie sind mit gut gepackten Koffern gekommen: Zum Apéro auf der Sky Terrace ist der Dresscode Casual, beim Gala- Dinner Black Tie und bei der Partner-Roadshow Business.
Letztere ist gerade im Gang, als wir Maier zum Gespräch treffen. Dabei präsentieren sich Sponsoren wie die «New York Times», die Uhren- und Schmuckfirma Bucherer, Anbieter von Helikopter- und Privatjetflügen sowie eine Vermietung für Luxusautos.
Maier sagt, es gebe Berufskollegen, die am liebsten sein wollten wie ihre Gäste. Das sei aber kein guter Rat. Er sage zu seinen Angestellten deshalb oft: «Bitte etwas mehr Demut.»
Concierges haben in Hotels eine bevorzugte Stellung. Ihnen wird oft mit Missgunst begegnet, weil sie sich mit schönen Dingen umgeben, weil sie Vergünstigungen bekommen, Trinkgelder erhalten oder von Gästen zum Essen eingeladen werden. Aber es sei eben auch viel harte Arbeit dahinter. Und die Branche ist kompetitiv. «Wir Concierges haben alle den Anspruch, die Besten zu sein», sagt Maier und doppelt nach: «Nicht irgendjemand, sondern die Besten.»

Die Zeitschrift «Bilanz» kürte sie 2024 zur Concierge des Jahres: Laura Bründler, Vizepräsidentin der Clefs d’Or Suisse.
Die Beste, das war im letzten Jahr Laura Bründler, Vizepräsidentin der Clefs d’Or Suisse. Dass wir das so genau wissen, hat damit zu tun, dass die Branche gern Awards vergibt. Bründler wurde von der «Bilanz» zur Concierge des Jahres gekürt. Auch Hotelkritiker Karl Wild verleiht Auszeichnungen – Bründler nannte er einmal die Concierge der Herzen. Und schliess- lich vergeben auch die Clefs d’Or Suisse anlässlich ihrer Versammlung einen Award für die besten Nachwuchskräfte.
Bründler, die goldenen Schlüssel am dunklen Blazer, arbeitet im historischen Fünfsternehotel Waldhaus in Sils im Oberengadin. Ihr Erfolgsrezept: «Smile when you are on stage.» Und auf der Bühne ist sie als Concierge nahezu immer. In der Hochsaison würden ihre Tage bis zu 12 Stunden dauern, erzählt sie. Um die Wünsche ihrer Gäste zu erfüllen, ist sie auf die Mithilfe ihrer Kolleginnen und Kollegen angewiesen. «Deshalb backe ich auch immer wieder mal Brownies fürs Team.»
Auch Bründler erlebt täglich die ganz normalen Auswüchse des Reichtums. Vor ihrem Engagement in Sils war sie in Zermatt und St. Moritz tätig. An der Tagesordnung waren da Helikopterflüge zum Sightseeing nach Zürich, Eilbestellungen wie «vier Blumensträusse à 700 Franken» oder das Vorzeigen von Instagram-Posts vom Matterhorn, vom Rheinfall, von der Berner Altstadt, verbunden mit der Frage: «Can we go there quickly?» Bründler musste den Gästen dann mit viel Geschick andere, machbare Ideen schmackhaft machen.
Aussergewöhnlich, selbst für Bründler, war der Gast, der seinen Urlaub im Engadin unterbrach, um wegen einer dringenden Sache für 20 000 Franken First Class nach Brasilien zu fliegen. Sein Zimmer räumte er nicht, die Rechnung lief weiter, wenige Tage später kam er zurück und setzte seine Ferien fort.
«Ich staune immer wieder, wie man so viel Geld für Dinge ausgeben kann», sagt Laura Bründler. Aber sie dürfe sich nicht zu viele Gedanken machen. «Wenn ich darüber nachdenken würde, woher die Gäste ihr Geld haben, könnte ich meinen Job nicht mehr machen», sagt sie.
– FROMAGES –
Ein Schluss mit Nachgeschmack
Früher waren Diener Repräsentanten einer Zweiklassengesellschaft. Sie mühten sich in Herrenhäusern ab und mussten sich ihren Auftraggebern unterwerfen. Heute ist der Beruf des Dieners zu einem Etikett geworden, das sich manche gerne anheften. Keiner unserer Interviewpartner hatte etwas dagegen, Diener oder Dienerin genannt zu werden.
Kein Wunder: Die Besten ihres Fachs verdienen gutes Geld damit und die Nachfrage nimmt zu. Die besten Butler können sich zur eigenen Marke machen. Erfahrene Hotel-Concierges werden selbst zu Stars. Die persönlichen Beziehungen zu den Reichsten sind im wahrsten Sinne Gold wert.
Diener haben sich also gewissermassen emanzipiert. Ihre Dienste sind zu einem Luxusgut geworden – und das lässt sich gut verkaufen. Ein Zeichen für mehr Gerechtigkeit ist das gleichwohl nicht. Denn in ihre Fussstapfen sind Care-Arbeiterinnen, Reinigungskräfte, Kuriere, Hundesitter oder auch Sexarbeiterinnen getreten.
So zumindest argumentiert Christoph Bartmann in seinem Buch «Die Rückkehr der Diener». Die Diener unserer Zeit erledigen klassische Haushaltaufgaben wie Reinigen, Einkaufen, Kinder und Alte betreuen – und zwar nicht mehr nur für eine Ober-, sondern für die Mittelschicht.
Kritisch daran sei, dass diese Arbeitskräfte ein neues Prekariat darstellten: tiefer Lohn, exzessive Arbeitszeiten sowie On-off-Beschäftigung. Nur dank diesen neuen Dienern könnten gutsituierte Doppelverdienerpaare vom Emanzipations-Fortschritt profitieren, argumentiert Bartmann.
«Man kann sich von nahezu allen häuslichen Aufgaben freikaufen und dabei stets auf ein Überangebot an kostengünstiger Arbeitskraft zugreifen.» Die Antwort auf die Frage, wer den Haushalt der Reinigungskräfte und Kuriere macht und wer sich um die Kinder der osteuropäischen Care-Arbeiterinnen kümmert, bleibt dabei offen.
Für Bartmann ist das prekäre Dienertum deswegen alles andere als ein Auslaufmodell. Seit etwa 1975 steige der häusliche Personalbedarf wieder an, nachdem er über Jahrzehnte zurückgegangen war. Das sei «ein verlässlicher Indikator für die wieder zunehmende soziale und ökonomische Ungleichheit». Nur sei uns die Anwesenheit von Dienern heute gar nicht bewusst. «Die Dienstleister sind allgegenwärtig, nur erkennt man sie nicht mehr, wie einst, an ihrer Uniform.»
Wenn wir aber das Essen nur noch via App bestellen, wenn wir gar nicht zu Hause sind, wenn die Putzkraft kommt, dann birgt das die Gefahr, dass uns die Lebenswelt unserer Dienerinnen und Diener nicht bewusst ist. Der Wunsch nach mehr Bequemlichkeit sei geleitet davon, unnötige Kontaktflächen zwischen Dienern und Bedienten abzuschaffen, schreibt Bartmann.
«Die Plattformen nehmen uns das Soziale dieser Geschäftsbeziehung tendenziell ab und streichen für diese Entlastung von lästigen persönlichen Transaktionen eine Prämie ein.» Vielleicht auch deswegen sprechen wir statt von einem Dienst lieber von einem Service.





