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Autor: Oliver Demont
Freitag, 27. Mai 2016

Kurz vor dem Einstieg ins Flugzeug werden nochmals die Piloten durchs Cockpitfenster beäugt. Ein junger Passagier flachst zu seinem Kollegen: «Na dann hoffen wir, dass sie nicht lebensmüde sind!» Die Piloten registrieren die Szene und lächeln müde.

Es ist Dienstagmorgen nach Ostern. Gleich hebt das Flugzeug der Eurowings, die vor kurzem noch Germanwings hiess, von Berlin-Tegel ab und landet eine Stunde später in Köln-Bonn. Von dort geht’s mit dem Taxi weiter nach Bonn. Das Landespfarramt für Notfallseelsorge der evangelischen Kirche im Rheinland hat seinen Sitz in einem Sichtbeton-Terrassenhaus aus den 70er Jahren. Sein Leiter Uwe Rieske sitzt in einem kleinen Besprechungszimmer mit Sicht auf den Rhein.

Fast auf den Tag genau ein Jahr zuvor. Der Flug 9525 der Germanwings startet am Dienstag, 24. März 2015, um 10 Uhr vom Flughafen Barcelona mit Ziel Düsseldorf. Das Wetter auf der Flugroute ist gut, nur wenige Wolken stehen am Himmel. 144 Passagiere und 6 Besatzungsmitglieder sind an Bord. Kurz nach dem Erreichen der Reiseflughöhe, es ist 10.30 Uhr, erreicht das Kontrollzentrum in Marseille der letzte Funkspruch. Dann registriert der Lotse einen Sinkflug der Maschine, weshalb er mehrfach versucht, das Cockpit anzufunken. Um 10.41 Uhr verschwindet die Maschine vom Radar. Um 11.36 Uhr berichtet die Nachrichtenagentur Reuters, dass in Südfrankreich ein Airbus A320 abgestürzt sei. Zur gleichen Zeit warten am Flughafen Düsseldorf die Angehörigen der Passagiere auf die Ankunft der Maschine.

Herr Rieske, wie erfuhren Sie vom Absturz?

Ich sass an meinem Schreibtisch im Büro nebenan, als das Telefon klingelte. Es war 11.10 Uhr, daran kann ich mich genau erinnern. Der Pressereferent der evangelischen Kirche im Rheinland war am Apparat und fragte mich: «Herr Rieske, wissen Sie, warum ich anrufe?» Ich verneinte. Dann sagte er: «Es ist ein Flugzeug vom Radar verschwunden, das in Düsseldorf erwartet wird.» Worauf ich ihn fragte: Wird es über Land oder über dem Meer vermisst?

Über Land oder über Meer?

Die Antwort auf diese Frage ist wesentlich für die Begleitung von Angehörigen. Aus früheren Unglücken wissen wir: Es macht für die Hinterbliebenen einen Unterschied, ob sie an einen Unglücksort auf dem Festland reisen können oder ob er sich irgendwo auf dem offenen Meer befindet. Einen Ort der Trauer aufsuchen zu können ist sehr wichtig.

Uwe Rieske koordiniert im Auftrag der evangelischen Kirche im Rheinland insgesamt 51 regionale Notfallseelsorge-Teams. Diese verteilen sich über die gesamte ehemalige Rheinprovinz, ein Gebiet so gross wie die Deutschschweiz. Nach dem Anruf des Pressereferenten ruft Rieske die Koordinatoren der Notfall- und Airportseelsorge in Düsseldorf an. Sie wissen bereits von einem möglichen Absturz über Frankreich. Krisenstäbe auf Bundesebene werden einberufen, der Flughafen verifiziert mit der Airline die Passagierliste. Irgendwann am frühen Nachmittag herrscht Gewissheit: Ein Airbus A320-211 der Germanwings ist mit voller Geschwindigkeit in das französische Alpenmassiv Trois-Évêchés geflogen. Die 150 Insassen gelten als vermisst. Darunter auch eine Schülergruppe aus Nordrhein-Westfalen: 16 Schülerinnen und Schüler und zwei Lehrerinnen.

Als klar wurde, dass mit 150 Toten zu rechnen ist – was ging Ihnen durch den Kopf?

Ich musste an die Menschen denken, die am Flughafen auf ihre Lieben warten. Dann an die Schulklasse, an ihre Eltern. Da dachte ich natürlich schon: Das ist schlimm – wie viele tot sind und wie viele Angehörige nun leiden.

«Es müssen Menschen da sein, die den Schmerz mit aushalten und andere auch einfach in den Arm nehmen können.»

Gleichzeitig schaltete ich auf den Funktionsmodus und konzentrierte mich auf das, was nun alles kommen wird. Wir sind auf solche Momente vorbereitet – auch wenn man immer hofft, dass sie nicht eintreten werden.

Was folgte dann?

Das bis ins Detail ausgearbeitete Konzept wurde umgesetzt. Die Teams der Airportseelsorge, Notfallseelsorge, der Airline und des Flughafens begleiteten vor Ort sofort die Menschen, die auf ihre Angehörigen warteten. Zeitgleich wurde ein vor den Medien abgeschirmter Bereich eingerichtet, wo die Angehörigen betreut wurden. Ich blieb hier in Bonn und versuchte einen Überblick vom Hilfebedarf zu gewinnen, um weitere regionale Teams zu informieren, falls ihr Einsatz gebraucht würde. Beispielsweise nahm ich Kontakt zum Kollegen auf, der für den Ort zuständig ist, aus dem die Schülergruppe stammte. Weiter koordinierte ich mit unserem Pressereferenten die Pressearbeit.

Wann trafen Sie am Flughafen ein?

Das war am Tag darauf um 8 Uhr.

Und waren da noch Hinterbliebene?

Ja. In der VIP-Lounge des Flughafens, die in ein Betreuungszentrum umgewandelt wurde, sassen noch immer Menschen vom Vortag. Sie wollten nicht nach Hause gehen. Im Fernseher lief NTV, und sie warteten noch immer auf Informationen. Viele hatten die verzweifelte Hoffnung, dass ihre Lieben vielleicht doch nicht in diesem Flugzeug sassen. Oder wenn sie drin waren, dass ein Wunder möglich wäre und jemand diesen Absturz überlebt hätte. Wir nennen zu diesem Zeitpunkt diese Menschen allerdings nicht Hinterbliebene.

Sondern?

Bis zum Überbringen der zweifelsfreien Todesnachricht sprechen wir von «vermissenden Angehörigen».

Wann kam die Bestätigung, dass alle tot sind?

Das dauerte relativ lange. Den meisten Familien wurde die eigentliche Todesnachricht erst Anfang April überbracht. Der Grund war eine Plausibilitätskontrolle, da vielfach die einzelnen Glieder der Menschen, die zu bergen waren, nicht mehr miteinander verbunden waren. Erst wenn mittels Zahnstatus, Fingerabdruck oder DNA zweifelsfrei die Identität ermittelt werden konnte, wurde der Tod amtlich bestätigt.

Pfarrer Uwe Rieske

Wie reagieren Menschen, wenn sie mit solch einem Unglück konfrontiert werden? Gibt es so etwas wie eine Typologie von Reaktionen?

Die Bandbreite an Reaktionen ist enorm, eine Typologie gibt es allerdings nicht. Es gibt Menschen, die fassungslos schweigen. Da spüren wir, dass jedes Wort, das gesagt werden könnte, völlig unangemessen wäre. In einer solchen Situation kann man nur gemeinsam das Schweigen aushalten. Dann gibt es welche, die stark in Bewegung gehen, fassungslos schreien. Wieder andere müssen über die über sie hineinbrechenden Emotionen sprechen. Und dann gibt es viele, sehr viele Tränen. Es müssen Menschen da sein, die diesen Schmerz mit aushalten und vielleicht auch andere einfach in den Arm nehmen können, sofern jemand diesen Wunsch signalisiert.

Sie sind ein Vertreter der Kirche. Warum braucht es eigentlich bei solchen Ereignissen die Kirche vor Ort?

Unser Leben gründet auf real existierenden Beziehungen. Mit Menschen, die uns nahe sind, unseren Alltag teilen. Denen wir das Leben verdanken oder denen wir es geschenkt haben. In Situationen wie nach dem Germanwings-Absturz stellt einen der Verlust immer auch vor die Sinnfrage. Es geht in diesen intensiven Krisen auch um die persönliche religiöse Letztbegründung. Da zu sein und die Fragen nach dem Warum auszuhalten, das ist unser Auftrag.

Die Sinnfrage könnte ja aber auch ein Psychologe thematisieren.

Natürlich kann er das – und tut es sicherlich auch. Ich will auch keineswegs die psychologische Begleitung in Abrede stellen. In Akutsituationen wie nach einem Absturz sind etwa die Psychotraumatologie und das damit verbundene Wissen unerlässlich. Uns Notfallseelsorgern kommt aber eine andere Rolle zu. Für uns sind Menschen in dieser Situation erstmal nicht behandlungsbedürftig, sondern einfach traurig. Ihr bisheriger Lebenskontext ist zerbrochen, nichts ist mehr, wie es war.

Wurden Sie auch schon abgewiesen, als ein Betroffener erfuhr, dass Sie von der Kirche sind?

Nein. Aber sollte jemand uns deswegen ablehnen, respektieren wir das natürlich. Um Missverständnissen vorzubeugen: Missionieren und Bekehren liegt uns fern. Es ist völlig klar, dass wir alle Religionen oder weltanschaulichen Prägungen respektieren. Beim Absturz der Germanwings-Maschine stammten die Angehörigen aus siebzehn Nationen, darunter waren Muslime, Juden, Katholiken, Protestanten, Menschen aus Freikirchen oder aus der Kirche Ausgetretene. Wir stellen uns auf diese unterschiedlichen Orientierungen ein. Zunächst geht es um einen Umgang mit akuten Belastungsreaktionen. Nur wenn jemand den Wunsch äussert, gemeinsam zu beten, tun wir das auch.

Woher nimmt die Kirche eigentlich ihren Auftrag, in der Not Hilfe zu leisten?

Da gibt es natürlich viele Begründungen. Mir gefällt die Geschichte des barmherzigen Samariters. Dieser war kein Mann der Kirche, er war kein Christ, er war nicht mal zu der Denomination der Juden zu rechnen, der Jesus angehörte. Aber er liess sich anrühren von der Not des Verletzten. Der Dienst des Samariters endet in dem Moment, als der Mann, der von Räubern ausgeplündert und schwerverletzt liegengelassen wird, wieder selber laufen kann und das Gasthaus verlässt. Dies spiegelt auch unsere Haltung: Wenn Menschen wieder selber gehen können, ist auch unser Dienst als Notfallseelsorger zu Ende. Der barmherzige Samariter steht in der Bibel als Beispiel dafür, wie christliches Verhalten aussehen kann.

Zwei Tage nach dem Absturz, kurz nach Mitternacht mitteleuropäischer Zeit: Die New York Times berichtet, dass einer der Piloten vor dem Sinkflug das Cockpit verlassen und anschliessend vergeblich versucht habe, die Tür zu öffnen, um wieder ins Cockpit hineinzugelangen. Am Mittag bestätigt der leitende Staatsanwalt in Marseille an einer Pressekonferenz den Sachverhalt. Er schildert genau, was auf dem Stimmrekorder zu hören ist. So habe der Flugkapitän den Co-Piloten gebeten, das Kommando zu übernehmen. Danach sei zu hören, wie ein Sitz zurückgeschoben und eine Tür geschlossen wurde. Als der Kapitän wieder ins Cockpit wollte, öffnete der Co-Pilot nicht. Während draussen das Klopfen an die Tür lauter und wütender wurde, habe man drinnen nur das konstante Atmen des Co-Piloten gehört. Er sei demnach bei Bewusstsein gewesen, als er in den Sinkflug ging. Und er sei auch bei vollem Bewusstsein gewesen, als der Flieger acht Minuten später in vollem Tempo in eine Felswand der französischen Alpen krachte.

Ein Mensch steuert ein Flugzeug mit Absicht in einen Berg. Er tötet sich selbst und 149 Menschen. War das Böse am Werk?

Präses Annette Kurschus der evangelischen Kirche von Westfalen formulierte es in ihrer Gedenkansprache treffend: Erst wurde es in einem Menschen finster – und dann in so vielen anderen.

Welche Folgen hatte es für Ihre Arbeit als Notfallseelsorger, dass die Unfallursache nicht ein technisches Versagen war, sondern vom Co-Piloten absichtlich herbeigeführt wurde?

Es klingt vielleicht seltsam, aber für uns ist es in der Begleitung von Menschen nach einer Katastrophe unerheblich, ob die Ursache eine Naturkatastrophe war, ein technischer Defekt, ein erweiterter Suizid oder wie auch immer man das nennen mag. Im Zentrum unserer Arbeit steht das Bedürfnis der Menschen. Es gibt diese schöne Geschichte bei Markus 10,51. Jesus fragt – noch bevor er irgendetwas tut – den Blinden von Jericho: Was willst du, dass ich dir tun soll? Diese Frage trifft unsere Haltung als Notfallseelsorger. Wir schauen zuerst, welches Bedürfnis sich bei einem betroffenen Menschen regt.

Wie nennen die Hinterbliebenen die Tat des Co-Piloten?

Viele sprechen von Mord, einige von Tragik. Andere sagen: Es ist für mich völlig unerheblich, ob es eine Naturkatastrophe oder der Suizid eines verzweifelten Menschen war. Meine Tochter ist tot, und wir müssen mit dem Verlust leben. Es gibt aber auch einige, die sagen: Ich würde gerne die Mutter des Co-Piloten in den Arm nehmen, da auch sie zu uns gehört. Sie sehen, es gibt verschiedene Ansichten, und jede ist individuell wahr.

Und was sagen Sie als Privatperson Uwe Rieske? Wer trägt die Schuld?

Diese Frage stelle ich mir so nicht. Vielmehr begleite ich Hinterbliebene, welche die unterschiedlichsten Schlüsse ziehen, was die Schuldfrage anbelangt. Eine solche Schuldkonstruktion ist für viele sehr wichtig.

Warum?

Mit der Schuldfrage bringt der Mensch wieder ein Stück weit Sicherheit in seine Welt, der er vertrauen muss. Zusammen mit dem Menschen schaut der Seelsorger, welche Konstruktion lebensförderlich ist. Also welche er braucht, um damit möglichst gut weiterleben zu können. Darum ist für mich als Seelsorger die Frage nach der «objektiven» Schuld nicht relevant.

Indem das Foto des Co-Piloten in den Medien veröffentlicht wurde, erhielt in den Medien die Schuld sehr früh ein Gesicht.

Zunächst: Dass Medien nach grossen Unglücksfällen berichten, gehört zu ihrer Aufgabe.

«Es gibt einige Hinterbliebene, die sagen: Ich würde gerne die Mutter des Co-Piloten in den Arm nehmen.»

Das war bei der «Costa Concordia» so, beim Loveparade-Unglück 2010 oder eben auch beim Germanwings-Absturz. Für Betroffene kann diese Berichterstattung, wenn sie angemessen ist, auch hilfreich sein.

Inwiefern?

Betroffene sind dadurch mit ihrem Leid nicht alleine. Sie sehen, dass auch die breite Öffentlichkeit daran teilnimmt. Dass Medien auch über eine mögliche Schuldfrage Ansichten formulieren und verbreiten, gehört ebenfalls zu ihren Aufgaben.

Medien durften also den Co-Piloten mit Gesicht und Namen der Öffentlichkeit preisgeben?

Nein. Damit wurde die Grenze des Respekts und der Achtung vor der Menschenwürde weit überschritten: Ich habe grosse Fragen dazu, ob man die Person, auf die sich dann eine Projektion richtet, so in den Fokus einer medialen Berichterstattung rücken muss. Ich habe aber auch Fragen an die französische Staatsanwaltschaft, welche die Ermittlungen durchgeführt hat und bereits bei der ersten Pressekonferenz am 26. März den Namen des Co-Piloten an die Öffentlichkeit getragen hat. Dies wirkt wie ein Ritus des Anprangerns, den man aus dem Mittelalter kennt. Ob dies tatsächlich im öffentlichen Interesse nötig war, sei dahingestellt. Für seine Familie hat es aber mit Sicherheit bis heute verheerende Folgen.

Stehen Sie in Kontakt mit ihr?

Sie hat ebenfalls Begleitung.

An dieser Stelle hätte man noch sehr viel mehr wissen wollen. Fragen zur Familie des Co-Piloten, ob sie bedroht wurde und wie man als Eltern mit solch einer Situation weiterlebt – oder einfach nur überlebt. Jetzt aber: schweigen. Irgendwie scheint jede Frage unpassend. Vielleicht auch, weil Uwe Rieske sowieso keine Antwort geben würde.

Warum er für seinen Job als Notfallseelsorger so geeignet ist, wird im Gespräch klar. Rieske, ursprünglich Kirchenhistoriker mit Doktortitel, vereint den Beamten und Buddha in sich: ein bisschen spröde, aber zugleich sehr gelassen. Spontane Antworten sind nicht seine ­Sache. Wenn er spricht, dann mit einem beruhigenden Timbre in der Stimme und druckfertig.

Hinter Uwe Rieske im Schrank stehen bunte Ordner, sie füllen zwei Regale. Beschriftet sind sie mit Unglücksfällen und Jahrestagen. Das Unglück an der Loveparade in Duisburg liegt 6 Jahre zurück, jenes vom Germanwings-Unglück jährte sich vor einigen Tagen. Ende Februar in diesem Jahr fand das fünfte Treffen von Angehörigen statt. Organisiert von Rieske und seinem Team.

Ihre Kirche hat bereits zwei Wochen nach dem Unglück ein Treffen organisiert, an dem sich Angehörige sehen konnten.

Von früheren Unglücken wissen wir, dass es für viele Menschen wichtig ist, eine Schicksalsgemeinschaft zu bilden. Dort werden Kontakte geknüpft und Informationen ausgetauscht – aber letztlich geht es einfach auch darum, sich nicht alleine zu fühlen. Zum ersten Treffen kamen rund siebzig Personen aus ganz Deutschland, teilweise auch aus dem Ausland.

Wie läuft ein solches Treffen ab?

Die Leute tauschen sich in kleinen oder grösseren Runden aus. Da werden Fragen gestellt, Informationen weitergegeben, und es wird natürlich erzählt, wie es einem so geht. Das sind sehr intensive Begegnungen, das Schicksal lässt alle nahe zusammenrücken. Ich bin oft gerührt, wenn ich sehe, wie aus unseren Treffen Freundschaften, ja fast familiäre Kontakte entstehen.

Gibt es Rituale?

Ja, die gibt es. Wir bieten Andachten an. Darin zündet jeder eine Kerze an und sagt laut, für wen er sie anzündet. Dann werden sie im Kreis aufgestellt.

«Als ich an einem Sarg einer Schülerin ein ursprüngliches Willkommensplakat entdeckte, konnte ich meine Tränen nicht mehr steuern.»

So sind die Menschen, die in der Unglücksmaschine sassen, im Tod miteinander verbunden – aber auch die Angehörigen. Solche Rituale haben religiöse Qualität und können ein Impuls sein, um das Geschehene ins Leben zu integrieren.

An welcher Stelle merken Sie bei einer Person: Das ist ein Wendepunkt, jetzt geht es aufwärts?

Ein gutes Zeichen ist, wenn Menschen sagen, dass es ein Zurück in die Normalität vor dem Unglück nie wieder geben wird, sich für sie aber allmählich eine neue Normalität öffnet. In diesem neuen Lebensvollzug hat ein Verlust seinen bleibenden Platz, und die ­Erinnerung setzt eine Kraft fürs jetzige Leben frei.

Was antworten Sie eigentlich jemandem, der fragt, wo Gott war, als das Flugzeug abstürzte?

Darauf gibt es keine menschliche Antwort. Das einzige, was ich sagen kann: Gott sass bei den Menschen im Flugzeug.

Wie meinen Sie das?

Im entsetzlichen Schmerz stirbt auch Gott ein Stück weit und wird solidarisch mit denen, die leiden. Im Leiden und im Tod verbirgt sich die Lebensmacht Gottes, dessen Liebe an diesen Grenzen nicht endet.

Mit Verlaub, das ist ziemlich abstrakt.

Ein Beispiel: Am letzten Treffen von Angehörigen erzählte eine Mutter aus dem Iran, dass sie seit dem Absturz die Seele ihres Sohnes fühle. Sie spüre seine Gegenwart ständig. Nun sei es ihr Auftrag, dass seine Seele nicht traurig werde. Deshalb wolle sie sich dem Leben zuwenden und Dinge tun, die sie ins Leben hineinführen. Und deswegen wolle sie für sich selbst und für jene, die um sie herum seien, besonders gut sorgen. Damit auch die Seele ihres Sohnes nicht leiden müsse oder von ihrem Schmerz und ihrer Trauer heruntergezogen würde. In solchen Erfahrungen ist Gott.

Ein Leichenwagen-Konvoi fährt die Särge der 16 Schülerinnen und Schüler an ihren Wohnort Haltern in Nordrhein-Westfalen. «Als ich am Flughafen die Särge der Schulklasse beeinander sah, musste ich weinen», sagt Uwe Rieske. Er ist selbst Vater von sechs Kindern.

Gibt es auch Fälle, wo Sie sehen: Diese Menschen sind gebrochen, da gibt es kein Aufwärts?

Ja. Die gibt es. Manchmal ist die Trauer über den Verlust eines Menschen so schmerzhaft, dass die Kräfte einer Person nicht ausreichen. Es bricht ihr dann buchstäblich das Herz.

Wann haben Sie das letzte Mal bei einem Einsatz geweint?

Das war am 10. Juni 2015, als 41 Särge aus Frankreich nach Düsseldorf überführt wurden. Ich stand am Flughafen und sah die Särge der Schulklasse beieinander. Am Sarg einer Schülerin war ein ursprünglich gemaltes Willkommensplakat angebracht. Als ich dieses entdeckte, konnte ich meine Tränen nicht mehr steuern.

Warum wurden Sie exakt in diesem Moment von Ihren Gefühlen übermannt?

Wohl weil die Situation nahe an meiner eigenen Lebensgeschichte dran war. Ich habe selber sechs Jahre an einer Schule als Pfarrer gearbeitet, war mit Schülern auch regelmässig auf Klassenfahrten. Und ich bin selber Vater von sechs Kindern und habe diese auch oft am Flughafen abgeholt.

Wie reagierten Sie auf Ihre Tränen in diesem Moment?

Ich suchte eine Kollegin auf und sagte ihr, dass mich das jetzt gerade sehr stark berührt hat. Nach einem Glas Wasser hatte ich mich wieder gefasst. Solche Situationen sind aber selten. Es ist klar, dass Notfallseelsorger in den allermeisten Fällen die notwendige Standfestigkeit haben, um für die betroffenen Menschen da zu sein. Das lernt man auch in der Praxis und zusammen mit Fachleuten und Kollegen. Als Notfallseelsorger ist es unerlässlich, Nähe und Distanz gut zu tarieren. Das kann auch zur Folge haben, dass ein Vater von Kleinkindern nicht in einen Einsatz geht, wo kleine Kinder betroffen sind.

Menschen, die wie Sie am Arbeitsplatz mit viel Leid konfrontiert sind, sagen oft, dass sie das Erlebte nicht mit nach Hause nehmen. Wie sorgen Sie dafür?

Ich muss nicht dafür sorgen, meine Kinder schaffen das sehr schnell. Wenn ich die Haustür öffne, bin ich auf einen Schlag in einem völlig anderen Kontext. Es macht mich glücklich, dass das, was ich von meiner Arbeit nach Hause bringe, erstmal überhaupt keine Rolle spielt.

Was sagen eigentlich Ihre Kinder, was der Vater tagsüber macht?

Papa begleitet Menschen in Krisen.

Sie haben das Leid der Menschen als Berufsalltag gewählt. Wieso?

Ich wurde auch schon humorvoll von Kollegen gefragt, ob ich strafversetzt wurde. Aber ernsthaft: Die Frage lässt sich am ehesten mit dem begründen, was ich täglich erfahre. Mit einem tollen Team Menschen an wichtigen Stationen im Leben begleiten zu dürfen berührt mich enorm und macht mich demütig. Das Vertrauen, das mir da entgegengebracht wird, ist oft so hoch, dass ich rausgehe und denke: Ich bin nicht derjenige, der hier etwas anzubieten hat, sondern bin derjenige, der bereichert nach Hause geht.

Was treibt Sie an?

Wenn mir Betroffene nach einem Jahr sagen, dass das seelsorgerliche Angebot ihnen am meisten geholfen habe – und sie selber überrascht seien, dass ausgerechnet die Notfallseelsorge in dieser Zeit für sie so wichtig war.

Oliver Demont ist Redaktionsleiter bei bref.
Die Fotografin Thekla Ehling lebt in Köln.

Auf dem Gebiet der rheinischen Kirche kümmern sich über 1000 Mitarbeitende, Hauptamtliche und Ehrenamtliche, in 51 Teams um Betroffene von Krisen, Unglücksfällen und Katastrophen. Seit 2004 hat die Notfallseelsorge zusätzlich eine Stiftung ins Leben gerufen, obschon Leute wie Uwe Rieske von der evangelischen Kirche im Rheinland angestellt sind. Damit entsteht die Chance, auch für andere Kooperationspartner offen zu sein. Finanziert wird die Stiftung aus Zuwendungen von Unternehmen, Einzelpersonen, der Kirche und von staatlichen Behörden, um Hilfsangebote zu ermöglichen. Regelmässig spenden aber auch Hinterbliebene, welche die Notfallseelsorge in Anspruch genommen haben. Das Team der Stiftung Notfallseelsorge unterstützt regionale Teams nach grossen Unglücksfällen, etwa bei Angehörigentreffen oder bei der Begleitung an Unglücksorte. Unglücksfälle wie der Germanwings-Absturz sind aber eher selten. In den meisten Fällen erfolgen die Einsätze der Notfallseelsorge bei plötzlichen Todesfällen im häuslichen Kontext, etwa wenn Menschen einen Herzinfarkt erleiden oder Suizid begehen. dem