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Autor: Oliver Demont
Freitag, 06. Oktober 2017

Aus dem ganzen Kantonsgebiet sind die Bündner Pfarrerinnen und Pfarrer an diesem heissen Sommertag nach Ilanz angereist. Wenige zu Fuss, einige mit dem Auto, die Mehrheit mit der Bahn. Das Städtchen Ilanz liegt ziemlich genau in der Mitte der Bahnstrecke Chur–Disentis und dient als Touristen-Verteilzentrum. Wer hier aussteigt, steigt in der Regel gleich in eines der vielen Postautos, das ihn in die Therme Vals, zum Skifahren nach Obersaxen oder in ein abgelegenes Dorf in der Surselva bringt.

Dabei stand Ilanz vor rund fünfhundert Jahren im Zentrum von machtpolitischen Auseinandersetzungen. Deren Auswirkungen prägen Kirche und Kanton bis heute. Der eigentliche Schauplatz war die Kirche Sankt Margrethen in der Altstadt von Ilanz. Nach den Disputationen zwischen den Adlaten des Churer Bischofs und den «Neugläubigen» war der Weg frei, dass die Gemeinden darüber abstimmen konnten, zu welcher Konfession sie künftig gehören wollten. Lesen Sie auch Graubündens wechselvolle Reformationsgeschichte.

491 Jahre später steht die angereiste Pfarrschaft vor derselben Kirche. Gleich beginnt die Pfarrsynode. Die Einheimischen wissen: Für die nächsten fünf Tage sind die reformierten Pfarrhäuser im Kanton verwaist. Wer eine Taufe, ein Seelsorgegespräch oder einen Trautermin vereinbaren will, muss warten. Die Telefonnummern, die auf den Anrufbeantwortern der Kirchgemeinden genannt werden, gelten nur für Notfälle.

Unter den anwesenden Pfarrern scheint jeder jeden zu kennen, alle duzen sich. Und für den Fall, dass man trotzdem einmal ein Gesicht sieht, das man nicht kennt, dann kann dieses später im Panini-Album der Bündner Pfarrschaft ausfindig gemacht werden. Es zeigt alle Pfarrer mit Foto, Name und Kirchgemeinde.

Die Pfarrsynode ist bis heute weit mehr als eine unverbindliche Zusammenkunft von Pfarrern. Die Teilnehmer verfügen über eine Befugnis, die es so in keiner anderen reformierten Kirche der Schweiz gibt: darüber zu befinden, wer künftig im Kanton als Pfarrer arbeiten darf. In der reformierten Welt ist das eine ziemlich ungewohnte Machtfülle, allerdings eine lange erprobte: Seit 480 Jahren übt die Bündner Pfarrschaft dieses Recht aus.

Pfarrerin Ina Weinrich: «Die Bündner Kirche ist klein, unbedeutend und arm. Genau darin liegt ihre Stärke. Egos können hier nicht unbegrenzt wachsen.»

Auf der Steinbank vor der Kirche sitzt Pfarrer Pietro Leutenegger. Er ist längst in Pension. Angereist ist er aus Cazis, einem Dorf nahe der Viamalaschlucht. Seit seiner Aufnahme in die Bündner Pfarrschaft 1986 begibt er sich jedes Jahr zu Fuss an die Synode. In diesem Jahr war er zwei Tage unterwegs. Es waren aber auch schon vier Tage, als er noch im Bergell arbeitete und die Pfarrer in Flims tagten. Auf die Frage, warum er auch noch im Ruhestand die weite Reise auf sich nehme, um mit Kollegen über Fragen zur Konfirmation oder Rituale für Geschiedene zu diskutieren, antwortet er: «Weil ich dies in Graubünden auch im Alter von 86 Jahren noch darf.»

Tatsächlich bleibt jeder Pfarrer lebenslang Mitglied der Synode, inklusive Stimmrecht. Eine Handvoll ist gar seit über sechzig Jahren Mitglied. Die jährliche Zusammenkunft schaffe untereinander ein grosses Zusammengehörigkeitsgefühl, sagt Leutenegger. «Ich kenne das aus keiner anderen Landeskirche.» In jungen Jahren war er auch Pfarrer im Aargau und in Zürich.

Vielleicht ist das Gefühl des Miteinanders in einem Kanton wie Graubünden mit 150 Tälern, 937 Berggipfeln, 615 Seen und 341 Postleitzahlen auch wichtiger als anderswo. Die Pfarrsynode als Ort der Vergewisserung, nicht gottseelenallein zu sein, irgendwo in einem Dorf ganz hinten im Tal oder knapp unter der Baumgrenze.

Das Synodenprogramm ist durchgetaktet wie der Stundenplan einer Mittelschulklasse für Hochbegabte. Wie lange die Dekanin zur Eröffnung spricht oder der Chor Mischedau Suraua singt, das unterliegt einer Planung, die als kleinste Einheit fünf Minuten hat.

Pfarrer Patrick Brand: «Der Nationalpark, die Schönheit der Kirchen, das Rätoromanische und natürlich die Möglichkeit zum Wintersport: Graubünden hat eine grosse Anziehungskraft auf mich gehabt.»

Der Alpenmythos der Zugereisten

Am zweiten Tag diskutieren die Pfarrerinnen unter Ausschluss der Öffentlichkeit die Aufnahme neuer Kollegen. Als Grundlage dienen ein von den Kandidaten vorgetragener Lebenslauf und die vor der Pfarrschaft gehaltene Predigt. Danach müssen auch sie die Kirche verlassen.

Patrick Brand steht jetzt vor der Türe. Seit Herbst vergangenen Jahres arbeitet er als Pfarrer in Zernez im Unterengadin. In seinem Vollzeitpensum betreut er die Dörfer Brail, Susch, Lavin und Zernez. Insgesamt fünf Kirchen mit knapp neunhundert Kirchenmitgliedern. Es gibt Tage, an denen er in vier Kirchen Gottesdienst hält. Noch ist er nicht offiziell in den Bündner Kirchendienst aufgenommen. Erst wenn die Synode seine Aufnahme bestätigt, wird er Pfarrer der Evangelisch-reformierten Landeskirche Graubünden sein.

Aufgewachsen ist Brand in Zollbrück im Emmental in einer Arbeiterfamilie. Dort liess er sich konfirmieren, später half er dem Pfarrer bei der Leitung von Konfirmationslagern. «Dann und wann gingen wir als Familie auch in die Kirche. Überdurchschnittlich religiös waren wir aber nicht», erinnert er sich. Ihn interessierten die grossen Menschheitsfragen. Am letztmöglichen Tag schrieb er sich für das Theologiestudium an der Universität Bern ein. Nach dem Abschluss liess er sich zum Pfarrer in der Kirchgemeinde Lützelflüh ausbilden.

Und jetzt also Zernez. Warum zieht ein 27jähriger ein Pfarramt in den Bergen einem Pfarramt in seiner Heimat Bern vor? Ausschlaggebend sei gewesen, dass er als Snowboardlehrer bereits die Region kenne, sagt Brand. Der Nationalpark, die Schönheit der Kirchen in den Bergen, das für ihn neu zu erlernende Rätoromanisch und natürlich auch die Möglichkeit zum Wintersport hätten eine grosse Anziehungskraft auf ihn gehabt.

Pfarrer Pietro Leutenegger: «Graubünden hat mich in meinem Glauben liberal gemacht. Momente in der Natur und Betrachtungen der Landschaft führten bei mir eine Art geistige Wende herbei.»

Es sind seit je die Zugereisten, die den Mythos Graubündens pflegen. Auch die Anzahl Künstlerinnen, die sich von der Landschaft Graubündens überwältigen liessen, ist beträchtlich: Sonja Sekula, Richard Wagner, Marcel Proust, Annemarie Schwarzenbach, Hermann Hesse, Arthur Schnitzler, Kurt Tucholsky und natürlich Thomas Mann; sie alle und noch viele mehr waren da. Friedrich Nietzsche liess sich in einem Brief an seine Schwester gar zu diesen Zeilen hinreissen: «Mir ist es, als wäre ich im Lande der Verheissung. Zum ersten Male ein Gefühl der Erleichterung. Hier will ich lange bleiben.»

Pfarrer Leutenegger, geboren in Kilchberg bei Zürich, ist ebenfalls ein Zugereister. Auch er liess sich vom Mythos Graubündens gefangennehmen. So sei er früher sehr glaubensstark gewesen und habe sehr genau gewusst, was es heisse, «richtig zu glauben». Bis er nach Graubünden kam. «Hier wurde ich liberal. Und hier habe ich gelernt, dass es nicht das eine richtige Denken gibt, sondern nur verschiedene Denkarten.» Es seien Momente in der Natur Graubündens gewesen, Betrachtungen der Landschaft. Sie hätten in ihm etwas Grösseres ausgelöst. «Eine Art geistige Wende.» Dadurch sei er wohl noch näher zum reformierten Kern, an die Freiheit des Denkens auch im Glauben, vorgestossen.

Ina Weinrich ist Pfarrerin im Safiental. Im ehemaligen Siedlungsgebiet der Walser ist Deutsch die Amtssprache. Mit ihren drei Kindern und ihrem Mann, ebenfalls Pfarrer, wohnt sie in Valendas am Taleingang. Das Dorf zählt knapp dreihundert Einwohner, in einer halben Stunde Bahnfahrt ist man in Chur. Weinrich, aufgewachsen in Ostfriesland hoch im Norden Deutschlands, studierte in Münster und Edinburgh Theologie. Mit ihrem Mann suchte sie Mitte der nuller Jahre eine gemeinsame Anstellung in der evangelischen Kirche im Rheinland. Ohne Erfolg. Die Suche fiel in eine schwierige Zeit: «Die rheinische Kirche musste damals stark beim Personal sparen. Da halfen auch unsere sehr guten Abschlüsse nichts.» Von Kollegen kam dann der Tip, Bewerbungsschreiben nach Graubünden zu senden.

Seit zehn Jahren lebt das Paar nun hier, bereut hat es den Entscheid nie. «Die Atmosphäre in Graubünden ist einzigartig», sagt Weinrich. Hier kenne wirklich jeder jeden, alle würden sich duzen. Selbst bei Streitereien bleibe der Ton respektvoll. Als Gründe für das gute Miteinander nennt Weinrich den Umstand, dass im Vergleich mit anderen Landeskirchen die Bündner Kirche «klein, unbedeutend und arm» sei. Und genau darin liege auch die Stärke. Egos würden hier nicht unbegrenzt wachsen können, Machtspiele nicht jahrelang ohne Begegnung mit dem Gegner ausgetragen werden. «Dafür ist Graubünden einfach zu klein, und wir sind alle zu sehr aufeinander angewiesen», sagt sie. Ihrer Erfahrung nach gelte dies für die Pfarrschaft, aber auch für den Kirchenrat, das Kirchenparlament und die Behörden.

Pfarrer Theodor Fliedner: «Es war seltsam. Während meiner gesamten Basler Zeit fühlte ich mich wie ein Heimwehbündner.»

Gegen Tränen an der Synode ankämpfen

Ein Zurück nach Deutschland kann sie sich nicht vorstellen. Sie seien hier daheim, ihre Kinder sowieso. In Deutschland habe sie die Kirche sehr formell, distanziert und beamtenhaft erlebt. Selbst Kollegen, mit denen man eng zusammenarbeitete und sich gut verstand, wurden gesiezt, sobald sie im Organigramm eine Stufe höher standen. Sinnbild für diesen Unterschied sei für sie die Riesenverwaltung der rheinischen Kirche in Düsseldorf im Vergleich mit dem bescheidenen Verwaltungssitz der Bündner Kirche in Chur: «Bauten sind immer auch Abbilder von Mentalitäten.»

Ina Weinrich sagt, dass sie die Pfarrsynode ewig mit einem Satz der Dekanin in Verbindung bringe: «Willkommen in unserer Mitte», sagte diese zu den eben aufgenommenen Pfarrerinnen und Pfarrern. «Dieser Satz und das Denken dahinter haben mich nach all den schwierigen Erfahrungen im Rheinland unglaublich stark berührt», sagt Weinrich. Ihr Mann habe in diesem Augenblick sogar mit den Tränen gekämpft.

Die hohe Anzahl an Pfarrerinnen aus Deutschland hat in Graubünden Tradition. Theodor Fliedner, Jahrgang 1937, stammt ebenfalls aus Deutschland. Nach dem Studium in Heidelberg und Bonn waren es die Vorlesungen von Karl Barth, die ihn in die Schweiz führten. Auf Rat eines Basler Professors sandte er eine Blindbewerbung nach Graubünden, wo damals Pfarrermangel herrschte.

1964 startete Fliedner in Davos als Vikar; zwei Jahre später wurde er an der Synode in den Kirchendienst aufgenommen. Dann folgten sechs Jahre Pfarramt in der Gemeinde St. Antönien im Prättigau. Mitte Achtzig verlässt er den Kanton und zieht nach Birsfelden in Baselland. Nach einem Einzelpfarramt in einer kleinen Gemeinde reizte ihn die Arbeit in einem grösseren Team. «In Graubünden waren solche Stellen aber rar.» Fliedner blieb zwanzig Jahre und kehrte 1992 wieder in die Berge zurück, genauer nach Andeer im Schams. Rückblickend sagt er: «Es war seltsam. Während meiner gesamten Basler Zeit fühlte ich mich wie ein Heimwehbündner.»

Eine erneute Aufnahme durch die Synode war auch nach zwanzig Jahren Abwesenheit nicht nötig, sagt Fliedner: «Wenn ein Pfarrer nicht gerade silberne Löffel geklaut hat, dann gilt: einmal aufgenommen, immer aufgenommen.» Heute lebt er in Zillis und gibt Führungen für Gruppen in der romanischen Kirche St. Martin mit den weltbekannten Historienmalereien an der Kirchendecke.

Die doch eher unscheinbare Kirche Sankt Margrethen in der Altstadt von Ilanz ist der geschichtliche Hotspot der Reformation in Graubünden

Er habe als Pfarrer in Basel nie so eine nahe Beziehung zu den Menschen gehabt wie hier in Graubünden. An Weihnachten von Hof zu Hof ziehen, gemeinsam Weihnachtslieder singen, der Himmel blau, darunter die Lärchen, «das ist alles unglaublich schön».

In Fliedners Erzählungen reichen sich Wehmut und Zuversicht die Hand. Letztere besonders, als er sagt: «Als Pfarrer zählt man nur in Graubünden nie ganz zum alten Eisen.» Es sei ein schönes Gefühl, an der Synode auch als Pensionär noch teilnehmen zu dürfen, aber eben nicht mehr zu müssen. Nur für Pfarrer, die noch im Amt sind, gelte eine Entschuldigungspflicht.

Auch wenn das Synodenprogramm stellenweise an ein Konfirmationslager erinnert (Fussball, Gastvortrag, Führungen, Unterhaltungsabend), so ähnelt der Hauptteil eher einem strengen Seminar. In diesem werden Traktanden behandelt oder theologische und liturgische Fragen diskutiert. Mal sachlich, mal zugespitzt, immer respektvoll.

Für Ina Weinrich ist die jährliche Auseinandersetzung der Pfarrschaft mit diesen Themen mitunter auch ein Grund, weshalb die Pfarrsynode ohne gesetzgebende Möglichkeiten trotzdem von Kirchenrat und Kirchenparlament ernst genommen wird. Das bestätigt auch ihr Kollege Fliedner, der seit Jahrzehnten die reformierte Kirche Graubündens kennt: «Die Kolloquien der Synode werden gehört. Über die Synode würde sich im Kanton niemand einfach hinwegsetzen.»

Der Kandidat Patrick Brand übrigens wurde in die Mitte der Bündner Pfarrschaft aufgenommen. Es sollen sich alle einig gewesen sein, dass Patrick in Graubünden gute Arbeit leisten werde.

Eine Ablehnung war aber auch nicht zu erwarten. Denn im Gegensatz zum 15. Jahrhundert, als noch zahlreiche Pfarrer abgelehnt oder ausgeschlossen wurden, geschieht dies heute nur noch sehr selten. Vielmehr ist die Pfarrsynode im Jahr der Reformationsfeierlichkeiten ein Ort von ausgesprochen höflichen und einander zugewandten Menschen. Es reicht, von der eigenen Machtfülle Kenntnis zu haben.

Der Fotograf Roshan Adhihetty lebt in Zürich.

Oliver Demont ist Redaktionsleiter bei bref. Seine Eltern stammen beide aus der Surselva, die Mutter aus dem reformierten Duvin und der Vater aus dem katholischen Sevgein. Die konfessionelle Mischehe wurde in den siebziger Jahren rasch zum Dorfgespräch.