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Freitag, 06. Oktober 2017

Drei Jahre genügten, um die Machtverhältnisse im Freistaat Drei Bünde, wie das Gebiet des Kantons Graubünden damals hiess, völlig neu zu ordnen. Die Ereignisse der Jahre 1523 bis 1526 prägen den Bergkanton bis heute.

Was geschah? In rascher Folge setzte der Bundstag der Drei Bünde, so hiess die Versammlung der damaligen Gemeinden, eine Reihe von Reformen durch, welche die Machtverhältnisse in Rätien völlig umkrempelten. Nach und nach erlangten so die Bündner gegenüber dem Landesherrn, dem Bischof von Chur, politische Mitbestimmung, nachdem die Abgaben für Grundbesitz und die kirchliche Willkür bei der Bevölkerung für immer grösseren Unmut gesorgt hatten. Gewinner dieses Prozesses waren die Gemeinden; auf der Verliererseite stand der Bischof von Chur. Er musste zentrale Befugnisse abgeben. Diese Machtverlagerung vom Bischof zu den Gemeinden bereitete den Boden für die Reformation im Freistaat.

Das Wirken von frühen Reformatoren wie Jakob Spreiter, Ulrich Bolt, Blasius Prader und vor allem Johannes Comander fiel von Anfang an auf fruchtbaren Boden. Der Churer Stadtrat hatte seit 1519 das Pfarrwahlvorschlagsrecht und wählte 1523 den aus Maienfeld stammenden Comander zum neuen Stadtpfarrer. Doch damit nicht genug: Die Stadt Chur verabschiedete im selben Jahr mit anderen Gemeinden der Drei Bünde 18 Artikel, die kirchliche Missbräuche wie Wucher und unsittliches Verhalten einschränken sollten. Diese Artikel wurden 1524 in Ilanz auch vom Bundstag des Freistaats akzeptiert und in erweiterter Form publiziert. Das neue Artikelwerk ging als Erste Ilanzer Artikel in die Geschichte ein.

Die Antwort des Churer Domstiftes auf den Versuch der Drei Bünde, seine Privilegien zu beschneiden, liess nicht lange auf sich warten. Angesichts der fortschreitenden Reformation in Chur bezichtigten Abt Theodul Schlegel und das Domkapitel vor Weihnachten 1525 den Stadtpfarrer Johannes Comander und seine Mitstreiter beim Bundstag der Drei Bünde der Ketzerei. Woraufhin die Versammlung beschloss: eine Glaubensdisputation, angesetzt auf den 7. Januar 1526, solle die theologischen Differenzen zwischen den beiden Lagern bereinigen.

Allerdings kam es bereits im Vorfeld der Ilanzer Disputation zum Skandal. Denn Comander als Wortführer der Neugläubigen fasste seine Position in 18 in Augsburg gedruckte Thesen. Diese sorgten bei den Katholiken für Empörung, weil vieles davon der herkömmlichen Kirchenlehre widersprach. Zudem hatte die altgläubige Seite den Versammelten die Legitimation abgesprochen, inhaltliche Fragen zu diskutieren. So blieb es bei der Diskussion weniger Thesen. Das Ziel des Domkapitels, die neue Lehre zu verbieten und Johannes Comander zu verurteilten, blieb unerreicht. Neugläubige Geistliche durften weiterhin frei predigen.

Die folgenreichsten Einschnitte in angestammtes Kirchenrecht sollten aber noch kommen. Im März 1526 proklamierte der Bundstag die individuelle Religionsfreiheit. Alle Menschen in den Drei Bünden hatte von nun an das Recht, frei zwischen den beiden Religionen zu entscheiden. Und nur drei Monate später entmachtete der Bundstag den Churer Bischof in weltlichen Dingen endgültig: Ehemals bischöfliche Rechte wurden in den Zweiten Ilanzer Artikeln den Gemeinden übertragen. Darunter auch das im 13. Artikel festgehaltene Recht, «ainen Pfarrer ze setzen und entsetzen, wan es sy guett beduckt», nach Gutdünken einen Pfarrer zu wählen oder abzusetzen.

Insbesondere dieser Artikel war der finale Schleusenöffner für die Reformation. Die Gemeinden konnten nun frei wählen, ob sie am alten Glauben festhalten wollten oder einen neugläubigen Pfarrer wünschten. Bereits nach wenigen Jahren waren die neugläubigen Gemeinden auf dem einstmals einheitlich katholischen Hoheitsgebiet in der Überzahl.

Für den Kirchenhistoriker und Pfarrer Jan-Andrea Bernhard war dieser Artikel auch verantwortlich für die bis heute typische religiöse Topografie Graubündens: «In diesem Pfarrwahlrecht liegt schliesslich der Grund für die einzigartige Konfessionslandschaft in Graubünden, dass nämlich eine Gemeinde katholisch blieb, die Nachbargemeinde aber reformiert wurde, oder – in Einzelfällen – bei nennenswerten Minderheiten auch paritätische Gemeinden entstanden sind.»

Für die neu reformierten Dörfer waren damit aber nicht alle Probleme gelöst. Die Loslösung vom Bischof stellte die Frage nach der eigenen Organisation. Comander und seine Anhänger trugen deshalb 1537 vor dem Bundstag den Wunsch vor, der «evangelischen Pfarrerschaft» das Recht zu übertragen, im Amt stehende Pfarrer zu prüfen, sie zu ermahnen sowie Pfarrkandidaten auf ihre Eignung hin zu testen. Diese sogenannte Rezeptions- und Zensurgewalt, die vom Bundstag verliehen wurde, war die Geburtsstunde der bis heute stattfindenden Pfarrsynode.

Seither kommt die Synoderegelmässig zusammen, um Pfarrkandidaten auf ihren Glauben hin zu prüfen und ins Amt einzusetzen – oder umgekehrt zu ermahnen und im schlimmsten Fall aus der Kirchengemeinschaft auszuschliessen. In den ersten Jahren fanden die Versammlungen vor allem in Chur statt, erst später auch in anderen Gemeinden. Allmählich wuchsen die Aufgaben der Synode, und es wurde nötig, synodale Ämter zu schaffen. Dem Leiter der Synode, dem Dekan, standen dabei zwei Vizedekane zur Seite. Es sollte aber noch bis ins Jahr 2014 dauern, bis mit Cornelia Camichel Bromeis die erste Bündner Dekanin gewählt wurde.

Heimito Nollé ist Redaktor bei bref.