Als Anne Spoerry 1999 in Nairobi starb, war die Anteilnahme riesig. Zur Trauerfeier in Kenias Hauptstadt strömten über 1000 Menschen aus der ganzen Welt, darunter Minister, Diplomaten, Kaufleute, Mütter mit Kleinkindern, gebrechliche alte Menschen.
Viele nannten sie nur «Mama Daktari», «Mutter Doktor». Fast fünfzig Jahre lang hatte sie als Ärztin in Kenia gearbeitet, zeitweise jährlich über 20 000 Patientinnen und Patienten versorgt und Tausende von Kindern geimpft. Die Pocken, so hiess es, habe sie in Kenia fast im Alleingang ausgerottet.
Auch in den USA und in Europa war sie bekannt. Seit den 1970er-Jahren hatten Dokumentarfilme und Porträts den Ruhm der unerschrockenen Schweizer Ärztin in die Welt hinausgetragen. In einem Nachruf pries der Londoner «Independent» Spoerrys Tatkraft und ihr «Herz aus Gold».
Was damals nur wenige wussten: Anne Spoerry hatte ein dunkles Geheimnis. Im Zweiten Weltkrieg war sie als Mitglied der Résistance von den deutschen Besatzern in Paris verhaftet und ins Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück deportiert worden. Dort, so sagten ehemalige Mithäftlinge aus, soll sie furchtbare Verbrechen begangen haben.
Der amerikanische Autor und Dokumentarfilmer John Heminway, Jahrgang 1944, war mit Anne Spoerry befreundet. Er hat sie mehrmals in Kenia besucht, sie porträtiert und einen Film mit ihr gedreht. Als er nach ihrem Tod erstmals von den schweren Vorwürfen gegen «Mama Daktari» erfuhr, war er schockiert.
Fast zehn Jahre lang recherchierte er und veröffentlichte 2018 eine Biografie, die jetzt auf Deutsch erschienen ist: «Schuld im KZ, Sühne in Kenia». Heminway schildert darin ein Leben, das auch grosse theologische Fragen aufwirft – Fragen nach Schuld, Vergebung und einer Gerechtigkeit über den Tod hinaus.
Eine junge Frau schliesst sich der Résistance an
Anne Spoerry, 1918 in Cannes geboren, stammte aus einer wohlhabenden französisch-schweizerischen Industriellenfamilie. Sie wuchs zusammen mit ihrem älteren Bruder François und zwei jüngeren Schwestern im elsässischen Mulhouse auf, zu Hause sprach man Französisch. Die Familie besass auch ein Landgut in Männedorf ZH und einen Wohnsitz in Südfrankreich.
Als Teenager galt Anne als «garçon manqué», als Wildfang. Sie besuchte die Schulen im Elsass sowie ein Internat in London, 1937 begann sie ein medizinisches Grundstudium an der Faculté des Sciences in Paris. Sie wollte Ärztin werden. Ihr Bruder François, Zeit ihres Lebens der einzige wirklich Vertraute, studierte gleichzeitig Architektur.

Im Jahr 1937 verbringt die 19-jährige Anne Spoerry Zeit mit Verwandten im französischen Ort La Bastide.
Im Frühsommer 1940 überrannten Hitlers Truppen in einem «Blitzkrieg» die Niederlande, Belgien und Luxemburg und besetzten Paris. François schloss sich der Résistance an und leitete bald ein geheimes Netzwerk von Widerstandskämpferinnen und -kämpfern. Anne studierte zunächst weiter und absolvierte ein Praktikum im Pariser Hôpital Pitié-Salpétrière, ehe sie sich im Dezember 1942 ihrem Bruder anschloss.
Sie hatte unter anderem den Auftrag, sichere Unterkünfte für britische Agenten in Paris einzurichten. Doch schon bald flog das Netzwerk auf, am 21. April 1943 wurde Anne von der Gestapo verhaftet und – gleich wie ihr Bruder – ins Gefängnis Fresnes gebracht.
Im Februar 1944 erfolgte die Deportation ins KZ Ravensbrück nördlich von Berlin. François kam ins KZ Buchenwald, er überlebte mehrere Lager, wurde am Ende des Krieges befreit und baute später unter anderem das Ferienresort Port Grimaud an der Côte d’Azur.
Der «Schwarze Engel» von Ravensbrück
Ravensbrück war das einzige Frauen-KZ der Nazis, es wurde im Mai 1939 eröffnet und 1945 von russischen Truppen befreit. Die Zustände im Lager waren katastrophal. Ursprünglich für 3000 Häftlinge geplant, fasste es 1944 rund 27 000 Frauen. Alle waren ausgehungert, krank, verzweifelt, völlig erschöpft. Täglich starben rund 50 Gefangene an Unterernährung, Durchfall, Tuberkulose und anderen Krankheiten.
Hunderte von Frauen mussten in der nahegelegenen Siemens-Fabrik in Zwölfstundenschichten Kupferspulen, Schalter oder Telefonteile für Hitlers Kriegsmaschinerie herstellen. Wer nicht mehr arbeitsfähig war, wurde «selektiert». SS-Ärzte verabreichten kranken Häftlingen gewohnheitsmässig tödliche Injektionen, Tausende wurden vergast. Man schätzt, dass in Ravensbrück zwischen 40 000 und 50 000 Menschen ermordet wurden.
Neben Anne Spoerry waren mindestens 44 weitere Schweizerinnen im KZ Ravensbrück. Insgesamt wurden zwischen 1933 und 1945 über 400 Schweizerinnen und Schweizer in den Konzentrationslagern des Dritten Reichs inhaftiert. Etwa die Hälfte von ihnen starb in der Haft oder unmittelbar danach. Hinzu kamen mindestens 340 Frauen, Männer und Kinder, die in der Schweiz geboren worden waren, aber nie die Schweizer Staatsbürgerschaft besessen hatten. Von ihnen starben etwa 260 im KZ. Unter den Opfern waren Jüdinnen und Juden, Widerstandskämpferinnen, Sinti und Roma, Zeuginnen Jehovas, Homosexuelle, sogenannte Asoziale oder auch Schweizer, die in Deutschland verbotenerweise Radio Beromünster gehört hatten. Die meisten Schweizer KZ-Häftlinge wurden während des Kriegs im von Deutschland besetzten Frankreich verhaftet. Andere hatten in Deutschland, den Benelux-Ländern, Polen oder Italien gelebt.
Im KZ traf Anne Spoerry, damals 26, auf eine weitere Schweizerin – die Arzttochter Carmen Mory aus Adelboden. Die zwölf Jahre ältere Frau zog Spoerry in ihren Bann. «Ich war wie verhext, vollkommen närrisch», sagte Spoerry später einmal.
Mory war im Herbst 1944 die wohl mächtigste Gefangene im Lager, und auch die gefürchtetste. Man nannte sie «Schwarzer Engel» oder «Hexe». Mory, skrupellos und manipulativ, hatte zuvor als Agentin für die Gestapo gearbeitet, dabei den eigenen Verlobten denunziert und sich später mit den Nazis überworfen. Nun war sie «Blockälteste» des Blockes 10.
Die SS-Lagerleitungen setzten solche «Funktionshäftlinge» gezielt ein, um die Gefangenen zu überwachen und zu kontrollieren. Sie waren Teil eines perversen Systems von Belohnung und Bestrafung. Rudolf Höss, Kommandant in Auschwitz, erklärte einmal: «Je heftiger die Machtkämpfe unter den Häftlingen, umso leichter lässt sich das Lager führen. Teile und herrsche.»
Die Funktionshäftlinge genossen Privilegien wie mehr Essen, bessere Kleider, ein eigenes Bett. Solange sie ihre Aufgabe zur Zufriedenheit der SS erledigten, überlebten sie. Doch das konnte sich jederzeit ändern.
Die Medizinstudentin wird zur «Hilfsärztin»
Im Block 10 waren die Tuberkulosekranken und die psychisch kranken Frauen, die «Idioten», untergebracht. Carmen Mory hatte ein abgesondertes kleines Zimmer, in dem auch Anne Spoerry schlief. «Zwischen mir und Carmen Mory hatte sich eine Freundschaft entwickelt, aber ohne sexuelle Untertöne», sagte Spoerry nach dem Krieg. «Was uns verband, war die Tatsache, dass wir beide Schweizerinnen waren. Ausserdem hatte ich Mitleid mit ihr.» Die meisten Mitgefangenen hielten Mory und Spoerry jedoch für ein Liebespaar, weil sie Geschenke austauschten und im selben Bett schliefen.
Die junge Medizinstudentin Spoerry, im Lager bald als «Dr. Claude» bekannt, fungierte unter Morys Anleitung als «Hilfsärztin» im Block 10. Dabei «tat sie alles, was Carmen Mory verlangte», sagte die ehemalige Mitgefangene Violette Lecoq gegenüber dem Spoerry-Biografen John Heminway.
So wies Mory bei Besuchen im «Idiotenstübchen» Spoerry zum Beispiel an, «Unruhestifterinnen» im Winter mit eiskaltem Wasser zu überschütten, was häufig zum Tod führte. Violette Lecoq hielt 1947 in einer eidesstattlichen Erklärung fest: «Ende Dezember 1944 wurde eine bucklige Frau in den Toilettenbereich gebracht. Dort verabreichte ihr Anne Spoerry eine Injektion ‹intracardiaque›, die zu ihrem Tod später am selben Tage führte.»
Nach dem Krieg warfen ehemalige Mitgefangene Mory und Spoerry weitere tödliche Injektionen sowie die Beteiligung bei der Auswahl von Gefangenen zur Vergasung sowie Schläge mit Lederriemen, Ohrfeigen oder Tritte vor. Was Spoerry genau getan hat, lässt sich nicht mehr feststellen, auch weil sich die Zeugenaussagen nicht immer deckten. Für John Heminway aber steht fest: «Ihr Verhalten in Ravensbrück war entsetzlich. Es war diabolisch, extrem bösartig.»
Aus der Täterin wird eine Pflegerin
Wie, so fragt man sich, konnte aus einer jungen Widerstandskämpferin, einem Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung, eine so brutale Täterin werden? Die französische Ärztin Louise Le Porz war zusammen mit Mory und Spoerry im Block 10 inhaftiert. Sie sagte zu Heminway: «Anne hatte unglaublich viel Angst, Angst vor Misshandlung oder Hinrichtung. Ich glaube, sie war nicht in der Lage, die Sache zu durchschauen und zu erkennen, dass Carmen Mory durch und durch böse war.» Annes Neffe Bernard Spoerry sagt: «Anne hätte sicher nicht überlebt, wenn sie nicht getan hätte, was Carmen Mory ihr sagte.»
Doch stimmt das so absolut? Louise Le Porz weigerte sich, Mitgefangenen tödliche Injektionen zu verabreichen. Ein anderes Beispiel für Widerstand im KZ ist der Schweizer Marcel Nussbaumer. Er lehnte in einem Nebenlager des KZ Hinzert den Posten eines Funktionshäftlings ab. Ohne spürbare Folgen.
Doch welchen Mut, welche Kraft brauchte es dazu! Wer weiss schon, wie man sich selbst in einer solchen Extremsituation verhalten hätte?
Anfang Januar 1945 wurde Spoerry in einen anderen Block verlegt, fern von Carmen Mory. Hier wurde sie zu einer aufopfernden Pflegerin, die Berichte über den Zustand von Patientinnen fälschte, um sie vor der Selektion zu retten, die den sicheren Tod bedeutete: durch Erschiessen oder Vergasen.
Wenige Wochen später kam sie dank den Bemühungen von Graf Folke Bernadotte und des Schwedischen Roten Kreuzes frei. Sie hatte überlebt. Doch zu welchem Preis?
Spoerry soll ein Versprechen abgegeben haben
Am 30. April 1945, dem Tag von Hitlers Selbstmord, traf Spoerry auf dem Familiensitz in Männedorf ein. Sie zog weiter nach Paris und nahm ihr Studium wieder auf, wollte ihre Ausbildung zur Ärztin abschliessen. Doch die Vergangenheit holte sie ein. Im Mai 1946 nahm sie an einem Treffen ehemaliger Widerstandskämpfer in Paris teil, das sich als Ehrengericht herausstellte – ein nicht-staatliches Gericht zur Wahrung der Ehre der Résistance.
Spoerry wurde beschuldigt, sich im KZ als Ärztin ausgegeben und Injektionen mit Evipan, einem Mittel zur Einleitung von Narkosen, und Luft verabreicht zu haben, was zum Tod von mindestens einer Patientin geführt habe. Eine Augenzeugin sagte später, Spoerry habe zunächst alles abgestritten, sei dann aber zusammengebrochen. «Sie sagte, sie sei froh, endlich gestehen zu können. Sie gab eine Injektion zu, sagte aber, sie habe sie auf Befehl von Carmen Mory verabreicht.»
Danach soll sie die Anwesenden gebeten haben, ihr zu verzeihen und ihr dabei zu helfen, ein gutes Leben zu führen. Sie soll versprochen haben, sich für den Rest ihres Lebens der Pflege von Leprakranken zu widmen. Das Ehrengericht befand sie für schuldig und verbannte sie aus Frankreich, was rechtlich aber nicht verbindlich war.
Carmen Mory kommt vor Gericht
Auch Carmen Mory hatte das KZ überlebt. Sie wurde im Herbst 1945 festgenommen und musste sich danach vor einem britischen Militärgericht in Hamburg für ihre Taten in Ravensbrück verantworten. Mory versuchte, Spoerry als Entlastungszeugin nach Hamburg zu holen, schob aber zugleich alle Schuld auf sie ab.
Mehrere Augenzeuginnen erwähnten vor Gericht «Dr. Claude», also Anne Spoerry, als Mittäterin von Carmen Mory. Sie figurierte auch auf einer Liste der Alliierten mit mutmasslichen Kriegsverbrecherinnen.
Am 12. Januar 1947 wurde Spoerry in Lenzerheide verhaftet und in Meilen in Untersuchungshaft gesetzt. Die Schweizer Zeitungen berichteten ausführlich, was der Familie äusserst ungelegen kam.
Carmen Mory wurde am 4. Februar 1947 in Hamburg wegen der Misshandlung und Tötung von Mitgefangenen zum Tode verurteilt. Sie entzog sich der Vollstreckung des Urteils durch Suizid. In einem Abschiedsbrief schrieb sie Anne, sie hege keinen Groll gegen sie.
Spoerry sass zu diesem Zeitpunkt noch immer in Meilen in Haft. Bei den Einvernahmen gab sie zu, in Ravensbrück Häftlinge geschlagen und mit kaltem Wasser überschüttet zu haben. Die tödlichen Injektionen und die Beteiligung an der Selektion für die Vergasungen stritt sie ab.

Am 4. Februar 1947 wird Carmen Mory in Hamburg wegen der Misshandlung und Tötung von Mitgefangenen zum Tod verurteilt. (Bild: Keystone)
Heminway schreibt in seinem Buch, Spoerry sei in der Schweiz vor Gericht gestellt worden. Doch das ist vermutlich ein Missverständnis. Gestützt auf die Akten im Staatsarchiv des Kantons Zürich schrieb die «Neue Zürcher Zeitung» 2021, dass die Ermittlungen gegen Spoerry Ende 1947 «mangels schlüssigen Schuldbeweises» eingestellt worden seien. Offensichtlich, so die «NZZ», hatte die Schweizer Justiz wenig Interesse daran, Spoerrys Wirken aufzuarbeiten.
Anne Spoerry kam frei. Was sie in den folgenden Monaten machte, lässt sich nicht mehr exakt rekonstruieren. Sicher ist, dass sie im Mai 1948 am Schweizerischen Tropeninstitut in Basel das Diplom für Tropenmedizin erhielt. 1950 nahm die Université de Paris ihre Abschlussarbeit an, was ihr das Tragen des Doktortitels erlaubt hätte. Der Dekan hielt das Diplom jedoch zurück, vermutlich weil es Hinweise auf ihre Vergangenheit in Ravensbrück gab.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Anne Spoerry Europa bereits verlassen. Sie hatte sich 1948 in Marseille eingeschifft und liess sich, nach Aufenthalten im Jemen und in Äthiopien, 1950 in Kenia nieder. Sie selbst erzählte später, dass sie als junge Frau das Abenteuer gelockt habe. John Heminway sieht das anders. Die Reise nach Afrika, schreibt er, sei eine Flucht gewesen. «Es war der zwanghafte Wunsch, die Vergangenheit zu verschleiern.»
Die ersten Jahre verbrachte Spoerry als Ärztin in Ol Kalou, im Hochland nördlich von Nairobi. Zu ihren Patienten zählten sowohl Einheimische wie weisse Siedler. Kenia war damals eine britische Kolonie, in der 40 000 Weisse über das Schicksal von sechs Millionen Schwarzen bestimmten. Das änderte sich erst mit dem sogenannten Mau-Mau-Aufstand, der 1952 begann und 1963 schliesslich zur Unabhängigkeit Kenias führte.
Spoerry, die als ziemlich exzentrisch und aufbrausend galt, hatte während des Aufstands auf Seiten der Siedler gestanden, nun verliessen fast all ihre Freunde Ol Kalou, und ihre afrikanischen Patienten blieben der Praxis fern.
Die erste fliegende Ärztin der Welt
Spoerry musste sich neu erfinden. Sie beschloss, Flugstunden zu nehmen, und absolvierte schon nach wenigen Wochen ihren ersten Alleinflug. 1964 kaufte sie ihren ersten Flieger und begann, bei den «Flying Doctors» zu arbeiten. Die «Fliegenden Ärzte», die bis heute unter dem Namen Amref weiterbestehen, wurden 1957 gegründet, um die Bevölkerung in den weit entfernten ländlichen Gebieten medizinisch zu versorgen. Anne Spoerry, die halbwegs fliessend Suaheli sprach, war die erste fliegende Ärztin der Welt; pro Jahr legte sie mit ihrer Piper über 60 000 Kilometer zurück. Jährlich behandelte sie rund 10 000 Patientinnen und Patienten und impfte gegen 30 000 Menschen, insbesondere Kinder.

Kurz bevor sie weiterfliegt, verteilt Anne Spoerry Medikamente.
Zuweilen stellte sie ihren Behandlungstisch neben dem Flugzeug auf. Ihre Stärke waren die schnelle Diagnose und ihr energisches Handeln; ihre Patienten verehrten sie, auch wenn die gedrungene Frau oft barsch und wenig einfühlsam wirkte. Sie verarztete Hyänenbisse, richtete Knochenbrüche, zog eitrige Zähne, verteilte Medikamente. Schwere Fälle flog sie ins Spital.
Unermüdlich arbeitete sie zum Wohl ihrer Patientinnen und Patienten. Anfang der 1980er-Jahre war ihr Einsatzgebiet so gross wie England, Schottland und Wales zusammen. Oft flog sie drei Touren à vier bis fünf Tage pro Monat. Mit jedem Jahr habe sie sich mehr abverlangt, schreibt John Heminway. «Sie fand Trost und Vergessen in übermenschlichen Leistungen.»
«Das Thema ist tabu, verdammt nochmal»
Versuchte sie auf diese Weise auch, mit ihren Schuldgefühlen fertig zu werden? Magdalene Frettlöh, emeritierte Professorin für Theologie an der Universität Bern, hat sich in ihrer Schrift «Wo war Gott in Buchenwald?» (2010) eindrücklich mit dem Holocaust auseinandergesetzt. Sie sagt: «Ich vermute, dass Anne Spoerry extrem gelitten hat. Dieses unendliche Bemühen, Leben zu retten, scheint die Kehrseite ihrer Schuld gewesen zu sein.»
Soweit wir wissen, hat sich Spoerry in all den Jahren kaum gegenüber jemandem geöffnet. «Dabei wäre es so hilfreich gewesen, eine Seelsorgerin oder einen Psychologen zu haben, die ihre Schuld ein Stück mitgetragen hätten», sagt Frettlöh.
Wenn Journalisten Spoerry auf den Krieg ansprachen, explodierte sie. «Unser Gespräch ist vorbei», fauchte sie einmal John Heminway an. «Ich habe Ihnen doch gesagt, das Thema ist tabu. Verdammt noch mal.» In ihrer Autobiografie «Man nennt mich Mama Daktari», die 1994 in Paris erschien, schrieb sie zu Ravensbrück nur ein paar Sätze: «Ich selbst kam ins KZ Ravensbrück und wurde dort am 25. April 1945 befreit (…). Über das, was in Ravensbrück geschehen ist, wird in Germaine Tillions Buch ‹Ravensbrück› alles gesagt. Dem habe ich nichts beizufügen.»
Tillion, Mitglied der französischen Résistance, wurde wie Spoerry nach Ravensbrück deportiert. In ihrem Buch, das sie nach der Befreiung aus dem KZ geschrieben hat, kombiniert sie ihre persönlichen Erlebnisse mit wissenschaftlicher Analyse.

In Ileret, Kenia, macht Anne Spoerry im März 1980 Visite bei einem Patienten in den letzten Tagen seines Lebens.
Finanziell plagten Spoerry keine Sorgen, insbesondere als sie nach dem Tod ihres Vaters ein beträchtliches Vermögen erbte. Sie erwarb eine Farm mit zahlreichen Angestellten in Subukia, etwas westlich von Ol Kalou, wo sie Kaffee und Melonen anpflanzte und Rinder züchtete. Zugleich führte sie eine kostenlose Arztpraxis.
Trotz dem Reichtum trug sie weiter ihre ausgeblichenen Safarijacken und alten Jeans. Bis ins hohe Alter arbeitete sie unaufhörlich weiter, auch wenn sie kaum mehr etwas hörte, unter dem Grauen Star litt und beim Landen zweimal vergass, das Fahrwerk auszufahren. «Sie fühlte sich nur gut, wenn sie arbeitete», sagte ihr Neffe Bernard.
Die französische Ärztin Louise Le Porz und Anne Spoerry waren drei Monate gemeinsam im Block 10 von Ravensbrück gewesen. Für Le Porz bestand kein Zweifel, dass Anne bewusst nach Afrika gegangen war, «um für ihre Sünden zu büssen». Auch John Heminway spricht von einer «Busse». Bei Spoerrys Tod, so der Autor, würden die vielen geretteten Leben in Afrika aufgerechnet werden gegen all die Getöteten von Ravensbrück.
Was, wenn es keine Gerechtigkeit mehr geben kann?
Die evangelische Theologin Magdalene Frettlöh kann diese Ansicht nicht teilen. Man dürfe die beiden Dinge nicht gegeneinander verrechnen, sondern müsse sie für sich betrachten. «Man kann das, was Spoerry vermutlich in Ravensbrück getan hat, nicht ungeschehen machen oder aufheben.»
Aber kann man durch gute Taten Gott zumindest etwas milder stimmen? Es gehe nicht darum, Gott milder zu stimmen, sagt Frettlöh. Diese Annahme würde sich mit dem Bild eines strafenden Gottes verbinden, das ihr fremd sei. «Es geht darum, dass Beziehungen zurechtgebracht werden. Dass ein Mensch nicht für den Rest seines Lebens auf getanes Unrecht reduziert wird.»
Sühne sei durchaus möglich, wenn sie auf eine Versöhnung hinauslaufe, so Frettlöh. Aber Versöhnung könne nur dann gelingen, wenn die Opfer verzeihen würden, was aber nicht als selbstverständlich erwartet werden dürfe. «Selbst Gott vergibt nicht über die Köpfe der Opfer hinweg, sondern nur unter dem Vorbehalt der Vergebensbereitschaft der Betroffenen.»
Doch wenn die Opfer tot sind, kann es in diesem Leben keine Gerechtigkeit mehr geben. Deshalb, so sagt Magdalene Frettlöh, sei einer ihrer Forschungsschwerpunkte die Eschatologie, die Lehre von einer Hoffnung über den Tod hinaus.
Die traditionelle Vorstellung vom Jüngsten Gericht als Gottesgericht, dem sich alle stellen müssen und das darüber entscheidet, wer in die Hölle und wer in den Himmel kommt, lehnt sie ab. «Für mich ist das, was wir als Jüngstes Gericht bezeichnen, ein Forum der Zurechtbringung aller und der Heilung von Lebensgeschichten und Beziehungen, gerade auch zwischen Opfern und Tätern oder Täterinnen.»
Eine versöhnliche Note
Frettlöh hätte es Anne Spoerry gewünscht, dass sie sich mit den Opfern oder deren Familien hätte aussprechen können – so wie das in den Wahrheitskommissionen nach dem Ende der Apartheid in Südafrika geschehen sei. Aber offenbar habe sie alles mit sich selbst ausgemacht. «Sie fand keinen Ort, um ihre Untaten und Verfehlungen Gott klagen oder den Mitmenschen gestehen zu können.»
Wie bei vielen Überlebenden des Holocausts kehrten am Ende des Lebens auch bei Anne Spoerry die schrecklichen Erlebnisse im KZ zurück. Sie begann, Skizzen aus dem Lager zu zeichnen. Und ein Vertrauter erzählte, dass er den Eindruck hatte, sie fürchte jemanden.
Zumindest Heminways Biografie endet mit einer versöhnlichen Note. Im Alter änderte die französische Ravensbrück-Überlebende Louise Le Porz ihr vernichtendes Urteil über Anne Spoerry. Was sie in Afrika getan hat, sei bewundernswert, sagte Le Porz zu Heminway. «Angesichts ihres Leids und in dem Wissen, wie viel sie für die Menschheit getan hat, würde ich sie heute umarmen.»
Zum Weiterlesen: John Heminway: «Schuld im KZ, Sühne in Kenia. Die Schweizer Ärztin Anne Spoerry» (Echtzeit-Verlag).
Balz Spörri, René Staubli, Benno Tuchschmid: «Die Schweizer KZ-Häftlinge. Vergessene Opfer des Dritten Reichs» (NZZ Libro-Verlag).


