Der ehrliche Klappentext

«Wense» von Christian Schulteisz

In seinem Debutroman nähert sich Christian Schulteisz dem seltsamen Leben des Jürgen von der Wense. «Wense» porträtiert den in Vergessenheit geratenen Privatgelehrten als Sonderling, derin Nazideutschland zwischen Rebellion und Anpassertum schwankte. Ein verblüffendes Buch über einen verblüffenden Menschen.
Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Freitag, 11. September 2020

Es gab nichts, wofür sich Jürgen von der Wense nicht interessierte. Der Autodidakt komponierte Musikstücke, verfasste Gedichte und Aphorismen, schrieb Essays über so abseitige Themen wie das Schaukeln und das Stehen, begeisterte sich für Meteorologie, Astrologie und Kartografie ebenso wie für afrikanische und südamerikanische Mythen. Wense war ein Genie der Vielseitigkeit, ein unersättlicher Allesverschlinger, der aus über hundert Sprachen und Dialekten übersetzte, Tausende von Briefen und Tagebuchseiten schrieb und ein beachtliches fotografisches Werk hinterliess. Vor allem aber war Wense ein obsessiver Wanderer; rund 40000 Kilometer soll er auf seinen zahllosen Streifzügen zwischen Rhein und Elbe zu Fuss zurückgelegt haben.

Eine Phantasiefigur, könnte man meinen. Aber Jürgen von der Wense existierte wirklich. Der Abkömmling eines verarmten niedersächsischen Adelsgeschlechts kam 1894 in Ostpreussen zur Welt, brach sein Studium ab und arbeitete zeitweise als Buchhändler in Berlin. Die finanzielle Zuwendung einer Gönnerin erlaubte ihm, das bescheidene Leben eines Privatgelehrten zu führen, ohne je eine grössere Publikation vorzuweisen. Wense sah sich als Dichter und Rebell; ein bürgerliches Leben mit seinen Festschreibungen lehnte er ab. Lieber durchstreifte er das hessische Mittelgebirge, betrieb geologische und archäologische Studien oder zog sich in die Bibliothek zurück, um Verse eines Beduinen-Dichters zu übersetzen.

Als Wense 1966 starb, war er in Deutschland nahezu unbekannt. Erst allmählich werden seine Schriften wiederentdeckt; so veröffentlichte der Matthes & Seitz-Verlag vor einigen Jahren Teile des rund 30000 Manuskriptseiten umfassenden Nachlasses.

Eine literarische Annäherung an diesen Freigeist hat nun der deutsche Autor Christian Schulteisz mit seinem Romandebut «Wense» gewagt. Der schmale Band beschränkt sich auf einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben des Privatgelehrten, nämlich das Jahr 1943, als Wense in Göttingen lebt und in einer Siemens-Fabrik Kriegsersatzdienst leisten muss. Schulteisz begleitet seinen Protagonisten durch den tristen Alltag der von Armut, Hunger und Zerstörung geprägten Kriegszeit. Wense wohnt in einer mit Büchern vollgestellten Klause zur Untermiete, prüft tagsüber in der Fabrik Radiosonden für den militärischen Wetterdienst und beschäftigt sich daneben mit allerlei intellektuellen Vorhaben, die er kaum je zu einem Ende bringt.

Schulteisz schildert einen Sonderling, der ganz in seinen Forschungen aufgeht und sich doch rührend um seine kranke Mutter kümmert. Als Intellektueller und Homosexueller war Wense in der NS-Zeit gleich doppelt gefährdet. Es gehört zu den Stärken des Buches, dass es ein differenziertes Bild von Wenses Haltung gegenüber dem Regime zeigt. Eindrücklich beschreibt es etwa das Versteckspiel, das ihm aufgenötigt wird: Den französischen Kriegsgefangenen Roger, der ihm in der Fabrik zur Hand geht, kann Wense nur heimlich begehren. Anderseits ist er zu befremdlichen Anpassungsleistungen fähig. So überlegt er sich, in der Siemens-Fabrik Karriere zu machen, und zwei polnische Kriegsarbeiterinnen schwärzt er wegen kommunistischer Propaganda bei seinem Vor­gesetzten an.

Trotz diesem düsteren Hintergrund ist «Wense» auch immer wieder komisch. Besonders die trockenen Dialoge überzeugen. In einer Szene unterhält sich Wense mit seinem Vermieter, dem Kunsthistoriker Vitzthum, und dessen Frau. Vitzthum berichtet von seinem verstorbenen Vetter, einem Milbenforscher, der mit seinem Buch über sämtliche Spinnenarten nie fertig wurde, weil es immer noch eine weitere Spinne zu entdecken gab. Frau Vitzthum kommentiert dies lakonisch: «Immer wenn man denkt, man sei fertig, kommt noch was angekrabbelt.»

«Wense» ist ein gelungenes Debut, reich an kraft-vollen und genauen Beschreibungen, etwa von dem völlig zerbombten Kassel oder den Arbeitsabläufen in der Fa-brik. Auch wenn das Bild von Wense etwas gar skizzenhaft und fragmentarisch bleibt, macht das Buch Lust, sich mit diesem zu Unrecht vergessenen «Universaldilettanten» näher zu befassen.

 

Christian Schulteisz: «Wense». Berenberg, Berlin 2020; 128 Seiten; 25 Franken.