Leichte Sprache*

«Weihnachten im Sommer ist eine gute Idee.»

Auszüge von Kurt Martis Wortbeitrag in «Ist Weihnachten ‹ zerzählt › ». Die Radiosendung wurde am 26. Dezember 2004 im Kulturprogramm des Südwestrundfunks ausgestrahlt. Der verschriftlichte Wortlaut hält sich eng an die gesprochene Sprache des Predigers und Lyrikers.
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Freitag, 18. Dezember 2020

«In der Theologie wird oft gesagt: Es ist eine Auszeichnung des Menschen, dass Gott Mensch wird. Ich vermute eher das Gegenteil.»

Bald feiern wir Weihnachten. An Weihnachten hat Jesus Geburtstag. Jesus ist der Sohn von Gott. Aber Jesus wurde als Mensch geboren. Deshalb sagen wir: An Weihnachten wurde Gott zum Menschen. Aber warum wollte Gott zum Menschen werden? Darüber haben Theologen verschiedene Meinungen. Theologen sind Wissenschaftler. Sie denken über Gott und Religion nach. Viele Theologen sagen: Gott hat den Menschen lieber als andere Lebe-Wesen. Deshalb wollte Gott zum Menschen werden. Aber das glaube ich nicht.

«Dass Gott ein Mensch werden wollte, ist eine Notaktion, weil der Mensch im Begriff ist, die irdische Schöpfung kaputtzumachen. Deshalb wäre Weihnachten wichtig: Gott greift ein, um den Menschen davon abzuhalten –durch das Beispiel Jesu, durch seine Verkündigung, durch die Bergpredigt. Er will uns davon abhalten, so weiterzumachen, wie wir das in der letzten Zeit ganz besonders machen, indem wir die Luft, das Wasser, die Meere, die Wälder, den Boden – eigentlich alles – aus Raub- und Profitgier kaputtmachen.»

Ich glaube: Gott wollte den Menschen etwas sagen. Denn Gott hat gesehen: Die Menschen wollen von allem immer mehr haben. Deshalb machen die Menschen alles kaputt. Sie machen die Luft, das Wasser und die Meere kaputt. Und sie machen die Wälder und den Boden kaputt. Darum hat Gott seinen Sohn zu den Menschen geschickt. Jesus sollte den Menschen zeigen: Wir können auch anders leben. Und er sollte ihnen sagen: Wir müssen Sorge tragen zur Natur.

«Meine Frau und ich feiern Weihnachten kaum mehr. Ab und zu kommt ein Besuch. Aber wir machen keine grosse Familienzusammenkunft, so dass unsere Gäste deswegen noch gezwungen wären, hier zu bleiben, wenn sie doch in die Ferien gehen mögen, in dieser Zeit. Wir sind da und machen uns Gedanken und wissen nicht, wie die realisiert werden könnten.»

Viele Menschen feiern Weihnachten in der Familie. Dann gibt es ein grosses Familien-Fest. Meine Frau und ich feiern kein grosses Familien-Fest. Manchmal besuchen uns Verwandte an Weihnachten. Aber wir laden nicht alle Verwandten ein. Denn an Weihnachten möchten viele lieber in die Ferien fahren. Deshalb sind meine Frau und ich an Weihnachten oft allein. Dann denken wir über viele Dinge nach. Aber wir finden meistens keine Antwort.

«Der Castro hat ja Weihnachten einmal auf den Sommer verlegt. Dahinter steckt dieser Überdruss an dieser Weihnächtlichkeit, die langen Nächte und der Winter und leise rieselt der Schnee, all dieses sentimentale Drum und Dran. Schön wäre es mitten im Sommer, dann müssten wir Weihnachten neu erfinden. Diese winterliche und häusliche Stimmung bei uns hat auch auch etwas Muffiges und Sentimentales.»

Bei uns feiern wir Weihnachten im Winter. In dem Land Kuba hat man Weihnachten auch schon im Sommer gefeiert. Diese Idee hatte Fidel Castro. Fidel Castro war lange der Chef von Kuba. Weihnachten im Sommer feiern ist eine gute Idee. Denn Weihnachten im Winter feiern ist anstrengend. Warum? Im Winter sind die Nächte lang. Dann müssen wir ganz lange feiern. Und wir müssen viele Gefühle haben. Und wir singen kitschige Lieder. Im Sommer sind die Nächte viel kürzer. Dann müssen wir nicht so lange feiern. Und wir können immer an die frische Luft.

«Bei der Geburt von Jesus rieselte ja kein Schnee. Es war auch kein Familienidyll. Da waren Tiere dabei und schauten zu, voller Hoffnung. Sie dachten, jetzt kann Gott mit seinem Sohn die Menschen doch noch auf einen guten Weg bringen. Die Tiere als Zeugen der Geburt sind Symbole der ökologischen Weihnachtsauslegung. In der Bibel steht, dass Jesus nach seiner Taufe in die Wüste gegangen sei, um bei den Engeln und den Tieren zu sein. Er ging auf Distanz zu den Menschen, die sich so katastrophal verhalten haben. Er hatte eine Beziehung zu den Tieren und Engeln.»

Jesus wurde vor langer Zeit geboren. Damals hatten nicht alle so viele schöne Gefühle. Die Eltern von Jesus hatten kein Zuhause mehr. Darum kam Jesus in einem Stall zur Welt. Bei der Geburt von Jesus waren auch Tiere dabei. Die Tiere freuten sich sehr über Jesus. Sie hofften: Wegen Jesus sind die Menschen bald besser zu uns. Aber Jesus merkte schnell: Die Menschen waren nicht besser zu den Tieren. Und er merkte auch: Die Menschen ändern sich nicht so schnell. Darum ist Jesus in die Wüste gegangen. Denn er brauchte eine Pause von den Menschen. In der Wüste lebte Jesus mit den Tieren und den Engeln.

«Der Mensch ist der Störfaktor in der Schöpfung von Engeln und Tieren. Der Mensch ist der Unruheherd. Deshalb wird Gott Mensch, um eine Korrektur und eine Umkehr zu ermöglichen. Aber da Gott in Jahrtausenden denkt, geht das nicht so schnell. Vielleicht hätte Gott die Elefanten als Herren der Schöpfung einsetzen sollen, dann wäre es besser geworden.»

Gott hat die Menschen, die Engel und die Tiere gemacht. Die Engel und die Tiere haben friedlich miteinander gelebt. Aber die Menschen haben diesen Frieden gestört. Deshalb hat Gott gesagt: Jetzt muss ich selber zum Menschen werden. Dann kann ich die Menschen ändern. Und wann ändern sich die Menschen? Das geht leider nicht so schnell. Denn Gott hat viel mehr Zeit als die Menschen. Darum hat Gott keine Eile. In der Bibel haben die Menschen eine wichtige Aufgabe. Die Menschen sollen die Tiere und die Pflanzen schützen. Aber das hat nicht so richtig geklappt. Vielleicht hätten die Elefanten unsere Natur schützen sollen. Dann wäre alles besser gekommen.

* Religionen und Theologie tun sich oft schwer, ihre Botschaft in einfache Worte zu fassen. Die leichte Sprache leistet Übersetzungshilfe: Sie macht Schwieriges verständlich. Das ist manchmal auch entlarvend.