Der ehrliche Klappentext

«Vergeben. Das Nichtvergebbare und das Unverjährbare» von Jacques Derrida

Wer sich auf Jacques Derridas Texte einlässt, begibt sich in ein Abenteuer. Sein erstmals auf Deutsch erschienener Essay Vergeben führt seine Leser bis an den Rand des Menschlichen – und darüber hinaus. Denn Vergeben, so die Einsicht des französischen Philosophen, ist ohne die Zeugenschaft Gottes nicht möglich.
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Freitag, 04. Mai 2018

Jacques Derrida ist bekannt dafür, dass er die Dinge vom Rand her denkt – und er tut dies auch im Falle des Verzeihens. So stellt er in Vergeben die Frage nach der Vergebung im Kontext des äussersten Vergehens, des Holocaust. Ist Vergebung hier möglich? Und wenn ja, wie sieht sie aus? Gibt es nicht Grenzen des Verzeihlichen, wenn man sich das Unrecht ansieht, das Menschen Menschen antun können und angetan haben? Dem Vergeben, so Derridas überraschende Antwort, ist die Unmöglichkeit eingeschrieben. Für die Menschen, aber auch für Gott. Ein komplexer Gedanke.

Der Autor beginnt seine Überlegungen mit einer unverfänglichen Alltagssituation: «Pardon, ja, pardon.» Vergebung, schreibt Derrida, geschieht jeden Tag, auch in Nebensächlichkeiten. Sie ist ein gewöhnlicher Akt. Man muss es sich mit einem Beispiel vorstellen: Jemand rempelt einen anderen versehentlich auf der Strasse an und entschuldigt sich dafür. Der Angerempelte murmelt als Antwort: «Nicht der Rede wert» – er dankt also. Die Vergebung ist eine Art performative Rede, die zwischen zwei Parteien stattfindet: Vergebung kann gewährt werden oder nicht, aber der Lauf der Dinge geht danach weiter.

Das Wesen der Vergebung jedoch, schreibt Derrida, tritt erst im Extremfall, mit dem Holocaust, hervor. Der Holocaust ist ein Vergehen, das nicht vergeht, ein Rechtsbruch, der nicht verjährt, eine Schuld, die nicht vergeben werden kann, denn die, die vergeben können, sind nicht mehr, wurden ausgelöscht. Derrida bezieht sich auf den Philosophen und Musikwissenschaftler Vladimir Jankélévitch, wenn er schreibt, dass die Vergebung in den Todeslagern gestorben sei. Gestorben ist sie, so der Autor, weil das Mass der Vernichtung alle Kategorien des Menschlichen gesprengt hat.

Alle Möglichkeit der Geschädigten, Vergebung zu gewähren, fehlt. Vergebung ist im Grunde unmöglich geworden, wenn man es von der Möglichkeit des Verzeihens her denkt. Und doch arbeitet Derrida mit Jankélévitch gerade diese Unmöglichkeit als Grundsituation der Vergebung heraus. Denn eine Vergebung, die möglich ist, ist eigentlich keine Vergebung. Sie muss immer mehr sein als das Mögliche, schreibt Derrida: «Ich glaube an die Unermesslichkeit der Vergebung, an ihre Übernatürlichkeit.»

Für diese unmögliche Möglichkeit der Vergebung stehe nun Gott – aber nicht als Richter über Schuld und Sühne, sondern als ein Dritter im Bunde, als Zeuge dieser Unmöglichkeit. Gott bezeuge, dass ein Leben zerstört, ausgelöscht wurde. Das versehrte Leben ist nicht zu retten, aber die Zeugenschaft Gottes bekräftigt, dass ein Bruch, ein Unrecht passierte. Das ist die Vergebung, die Gott eröffnet – und damit eröffnet sich auch die unmögliche Möglichkeit, weiterzuleben: mit der Bitte um Vergebung. Doch alles, was sich hier an Möglichkeiten der Vergebung anschliesst, die Erinnerung an die Namen, die Trauer und Reue, bleibt gezeichnet vom Vergehen und hebt es nicht auf. Die unmögliche Möglichkeit der Vergebung, sie beginnt mit der Bitte – pardon. Und endet, so jedenfalls endet der Essay von Jacques Derrida, mit einem Dank: merci.

Derrida denkt äusserst komplex. Und auch sprachlich verlangt er einiges von den Lesern. Aber wer die Sprache und die Gesellschaft aufbrechen will wie der 2004 verstorbene jüdische Philosoph, wird vielleicht anders nicht an die Grenze gelangen.

Jacques Derrida: Vergeben. Das Nichtvergebbare und das Unverjährbare. Passagen, Wien 2017; 88 Seiten; 12 Franken.

Hans Jürgen Luibl ist Theologe und Medienwissenschaftler.