Der ehrliche Klappentext

«Unorthodox» von Deborah Feldman

Das Buch «Unorthodox» ist ein Glücksfall: Für­ die Autorin Deborah Feldman, die sich mit diesem Werk ihren Weg aus der Gemeinde der Satmarer bahnte. Und für die Leserinnen, die damit Einblick in die sonst kaum zugängliche Welt der jüdischen Orthodoxie erhalten. Der Ausbruchsroman kommt dabei ganz ohne Pathos aus.
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Autorin: Claudia Kühner
Freitag, 08. Juli 2016

Es ist eine verschlossene Welt, jene der strenggläubigen, chassidischen Juden. Dennoch dringt immer wieder einmal etwas von ihr nach aussen, durch ein Buch oder einen Film von «Aussteigern». Einen geradezu sensationellen Erfolg landete unlängst die New Yorkerin Deborah Feldman mit der Schilderung ihres Aufwachsens in der Gemeinde der Satmarer, den rigidesten unter den Chassiden, und ihres Ausbruchs. Nun ist das Buch auf Deutsch erschienen.

Was «Unorthodox» so lesenswert macht, ist der Blick, den es auf diese Welt erlaubt, ohne dass die Autorin negativen Gefühlen freien Lauf liesse. Ihr Stil ist nüchtern, aber gleichzeitig sehr anschaulich. Hier lesen wir das eindrückliche Zeugnis einer jungen Frau, die schutzlos Demütigungen ausgesetzt war, einer alles beherrschenden sozialen Kontrolle und einer radikalen Abschottung gegen aussen. Und die schliesslich ­allen Mut zusammennahm, um dem Ganzen zu entkommen­.

Die Satmarer stammen aus dem rumänischen Satu Mare. Die wenigen unter ihnen, die den Holocaust überlebt hatten, folgten später ihrem geistigen Oberhaupt nach Brooklyn. Die meisten führen dort ein ärmliches Leben, sprechen nur Jiddisch, haben so viele Kinder wie möglich und lehnen Israel als weltliches Projekt ab.

Deborah Feldman wächst in dieser Gemeinde bei ihren Grosseltern auf. Denn: Ihr Vater ist psychisch krank, die Mutter verlässt die Familie. Es zeigt sich früh, dass Deborah Feldman Auswege sucht aus dieser Enge, unter der die Frauen und Mädchen am allermeisten zu leiden haben. In der Schule wird ihnen nur rudimentäres Wissen­ vermittelt. Als Heranwachsende aber entdeckt Feldman, dass es noch andere als religiöse Texte gibt. Sie fährt heimlich zur öffentlichen Bibliothek und versteckt die Bücher unter der Matratze.

Nicht ganz fassbar macht Deborah Feldman allerdings ihren psychischen Weg ins Freie. Immer wieder fügt sie sich in das Diktat der so streng ausgelegten Gebote. Dies wird besonders deutlich, als es um ihre Verheiratung geht. Der Heiratsvermittler findet auch für sie einen Bräutigam, obwohl Feldman als Tochter eines Geisteskranken und einer verschwundenen Mutter keine «gute Partie» ist. Dies alles nimmt sie erstaunlich gefügig auf sich. Sie freut sich sogar auf die Hochzeit mit Eli, den sie kurz zuvor zum ersten Mal zu Gesicht bekommen hat, wie es die Sitte will. Diese Ehe scheint in offensichtlichem Widerspruch zur Freiheit, nach der sich die bücherlesende Schülerin doch sehnt. Und in der Tat wird die Ehe zum nächsten Gefängnis: Gegen die konstante Beobachtung selbst intimster Vorgänge durch Familie, fremde Frauen (etwa im Ritualbad) oder den Rabbiner rebelliert Deborah Feldman, die so ahnungslos wie alle anderen in die Ehe gegangen ist. Sie reagiert mit psychosomatischen Störungen und wird erst nach längerer Zeit Mutter eines Sohnes. Die Ehe zerbricht am Ende.

Inzwischen hat sich Deborah Feldman zum «Weg ins Freie» entschlossen, wie hoch der Preis auch immer sein mag. Was ihr hilft, ist der Besuch eines Colleges. Hier entdeckt sie ihre Begabung für das Schreiben, und das eröffnet ihr eine Perspektive. Die Satmarer und ihre ­Familie verstossen sie. Ohne den Halt ihrer «Gemeinschaft» muss Deborah Feldman nun als alleinerziehende Mutter zurechtkommen. Sie hat es dennoch geschafft. Die heute dreissigjährige Autorin lebt mit ihrem Sohn inzwischen ein freies Leben in Berlin.

Deborah Feldman: Unorthodox. Secession-Verlag 2016; 319 Seiten; 23.90 Franken.

Claudia Kühner ist Journalistin und lebt in Zürich.