Der ehrliche Klappentext

«Überleben» von Frederika Amalia Finkelstein

Die junge Französin Frederika Amalia Finkelstein beschreibt in Überleben eine Gegenwart, die von Terror, Ängsten und Zwängen beherrscht ist. Ihr radikaler Roman gibt einer Generation eine Stimme, die trotz medialer Dauerbeschallung und Smartphone einsam ist und zwischen Paranoia und Lethargie schwankt.
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Autorin: Gisela Feuz
Freitag, 01. März 2019

Als im November 2015 im Pariser Konzertlokal Bataclan 130 Menschen erschossen wurden, war die junge französische Schriftstellerin Frederika Amalia Finkelstein in der Nähe vom Tatort mit Freunden unterwegs. Und auch wenn sie die grausige Tat nicht direkt miterlebte, so hatte sie einschneidende Folgen für die 27jährige. Das Ereignis habe sie in einen Schockzustand versetzt, sagte Finkelstein unlängst in einem Interview, und alles, was sie fortan zu schreiben versucht habe, hätte sich falsch und unnötig angefühlt. Nach und nach habe sich bei ihr das Gefühl eingestellt, über die Geschehnisse schreiben zu müssen. Das Resultat ihres Bedürfnisses liegt nun im Buch Überleben vor.

Die Protagonistin in Finkelsteins Roman ist eine 25jährige Pariserin namens Ava, die wie die Autorin mit den terroristischen Ereignissen im Bataclan hadert, obwohl sie selbst kein Opfer ist. Als Ava ihren Job im Apple-Store verliert, irrt sie ziellos, aufgewühlt und doch seltsam abgestumpft durch die Strassen von Paris und versucht, der Welt zumindest ein Quentchen Sinn abzutrotzen. Nachts plagen sie Albträume und trotzdem kann die junge Frau nicht anders, als sich obsessiv mit den Bildern des Anschlags zu beschäftigen, die sie auf seltsame Weise in Bann ziehen. Regelmässig taucht sie ein in den Strom von Videos und Fotos, die sich online finden lassen. Sie geht sogar so weit, Bilder von Opfern des Bataclan-Blutbads auszudrucken und bei sich zuhause aufzuhängen. Gleichzeitig wünscht sie sich aber auch, aus diesem Albtraum endlich aufzuwachen.

Finkelsteins Roman Überleben setzt sich auf mehreren Ebenen mit einer Gegenwart auseinander, in der Terroranschläge zum medialen «Genuss» geworden sind. Geschickt hinterfragt die junge Französin dabei den Zusammenhang zwischen Terrorismus und der medialen Berichterstattung und kommt zum Schluss, dass sich ersterer letzterer gekonnt zu bedienen weiss. Zudem seziert sie den Seelenzustand einer Generation, die abgestumpft von Enthauptungsvideos im Newsfeed zwischen psychischer Versehrtheit, Paranoia und Lethargie schwankt. Zum einen hat Ava ein starkes Bedürfnis nach Stille, Einsamkeit und Struktur, zum anderen verfügt sie über einen stark ausgeprägten Voyeurismus, der sie schon fast zwanghaft nach den neusten Fotos und Videos von Toten und Bombenattentaten in Ankara oder Burkina ­Faso suchen und Listen von terroristischen Attentaten auswendig lernen lässt. «Ich muss damit aufhören», sagt Ava an einer Stelle, «ständig füttere ich meine Furcht und damit den Tod und damit den Hass.»

Das Smartphone ist der «alltägliche Verbündete» dieser egozentrischen und auf sich selbst zurückgeworfenen Generation. «Ich kann die Einsamkeit nicht ertragen – ständig warte ich darauf, von einer Begegnung verändert zu werden», hält Ava fest und formuliert damit das Dilemma, in dem sie feststeckt: Sie ist verängstigt durch die omnipräsente Gewalt und vereinsamt in einer virtuellen Welt, von der sie sich doch eigentlich Veränderung und Erlösung erhofft.

Frederika Amalia Finkelsteins Überleben ist ein radikales Stück Literatur, das nicht nur die enge Verflechtung von Terror und Medien behandelt, sondern auch menschliche Ängste und Zwänge beleuchtet sowie die Frage, was die digitale Terrorwelt mit uns anstellt. ­Finkelstein schickt ihre Protagonistin auf eine Odyssee durch die Abgründe der menschlichen Seele, doch ganz am Ende schlägt sie versöhnliche Töne an. «Allmählich wache ich auf», sagt Ava, wobei allerdings unklar bleibt, woraus genau. Aus dem Schock, dem Albtraum, der virtuellen Terrorwelt? Hoffentlich aus allem zusammen.

Frederika Amalia Finkelstein: Überleben. Suhrkamp, Berlin 2018; 146 Seiten; 22.90 Franken.