
Und sie wird in Ruanda ein Königreich für die Frauen errichten», heisst es im Roman «Sister Deborah» von Scholastique Mukasonga, der dieser Tage in einer deutschen Übersetzung von Jan Schönherr erscheint – und gleich für den neuen Spiegel-Buchpreis nominiert wurde.
Der 168 Seiten starke Text beginnt mit einer Vision: «In den nächsten Tagen wird eine himmlische Dame auf einer Wolke kommen und über ganz Ruanda ein Wunderkorn verstreuen», berichtet die Ich-Erzählerin. Sie hört auf den Namen Ikirezi und wandelt sich in der erzählten Handlung vom kränklichen Dorfkind zur erwachsenen Frau, die nach ihrem Studium zurückkehrt, um die Geschichte der Prophetin «Sister Deborah» festzuhalten.
Und diese hatte einen Plan, der es in sich hat: Um das Volk zu befreien und «das neue Königreich der Frauen in der gebotenen Eile zu begründen», muss jeder und jede eine neue Taufe empfangen, denn die Taufe, die sie einst durch die Hand eines Mannes bekommen hatten, die zählte nun nicht mehr. Dafür musste man «splitterfasernackt in einer Iriba, einer Rindertränke, untertauchen und sich danach ein frisches Tuch umwickeln».
Darauf gingen die Frauen nicht mehr aufs Feld zum Arbeiten, lachten über die Drohungen ihrer Männer. Und natürlich weckt die Beliebtheit der amerikanischen Missionarin alsbald auch das Interesse der Häuptlinge, der Soldaten – das Unglück nimmt seinen Lauf.
Mukasonga schreibt in knappem, direktem Stil. Der Ton schwankt zwischen Satire und Reflexion über Kolonialismus und Mission. Dabei spielt der Text auf verzweigte Weise mit Erinnerung, Archiv und Mythos.
Die Perspektiven wechseln, es bleibt offen, was denn nun «wirklich war» und wo sich Legende und Erzählung mischen.
Doch vielleicht ist das nicht das erste Kriterium, eher bleiben starke Bilder der dörflichen Gesellschaften und Rituale im Gedächtnis. Etwa, als die Erzählerin von den Hausmittelchen ihrer Mutter berichtet: «Zu rituell festgelegten Tagen und Stunden sammelte sie also, die passenden Beschwörungsformeln murmelnd, Kräuter, Blätter, Wurzeln, Früchte und Knollen. Bestimmte Orte galten für diese Sorte von Arznei als besonders günstig: die kleine, den Ahnen geweihte Hütte hinter den Bananenstauden, das heilige Wäldchen, wo einst ein aus den sterblichen Überresten eines alten Königs geborener Python lebte.»
Mukasonga arbeitet mit verschiedenen Stimmen und widersprüchlichen Perspektiven. «Selbst gesehen habe ich es nicht, nur davon gehört, von diesem oder jenem, oder aus dem Mund meiner Mutter. Was ich erzähle, sage also nicht ich, sondern die Legende.» Was zwar mehrere Deutungsebenen ermöglicht, aber leider wird die eigentliche Hauptfigur des Romanes, Sister Deborah, nicht wirklich greifbar.
Dies äussert sich auch in einer Erzählstimme, die selbst nicht mehr weiss, wer sie denn ist: «Ikirezi, das kränkliche Mädchen aus Nyabikene, oder Miss Jewels, die renommierte Afrikanistin, die geradezu unverschämt gut gekleidet ist, sogar noch besser als die eleganten weissen Frauen?» Und so machen sie sich beide vereint auf die Spuren der legendären Prophetin, tauchen ab, Frau und Mädchen, das sie einst war, um eine Geschichte zu erzählen, deren Zauber gewaltiger ist, als sie ahnen. Für einen Augenblick wagt die Autorin den Ausblick auf die Ankunft einer Religion, in einer Gesellschaft, die so sehr nach Hoffnung verlangt.
Scholastique Mukasonga wurde in Ruanda geboren. Seit 1992 lebt sie in Frankreich. Beim Völkermord an den Tutsi im Jahr 1994 wurde ein Grossteil ihrer Familie, die in der ruandischen Stadt Nyamata verblieben war, umgebracht. In «Die Heilige Jungfrau vom Nil», erzählt Mukasonga die Geschichte einer Mädchenschule, sie spielt kurz vor dem Völkermord. Der Roman gewann 2012 den renommierten Prix Renaudot und wurde verfilmt.
Scholastique Mukasonga: «Sister Deborah». Claassen-Verlag, Berlin 2025; 176 Seiten; 29.90 Franken.