Leichte Sprache*

«Sein Name klang weich und süss»

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Donnerstag, 13. November 2025

Sprache kann mit Floskeln und Phrasen verschleiern, was tatsächlich gemeint ist. Die Leichte Sprache holt die Botschaft hervor — und auch das, was manchmal zwischen den Zeilen steht. Diesmal: Übersetzung von Auszügen aus Thomas Manns Erzählung «Der Tod in Venedig».*

Tadzio badete. Aschenbach, der ihn aus den Augen verloren hatte, entdeckte seinen Kopf, seinen Arm, mit dem er rudernd ausholte, weit draussen im Meer; denn das Meer mochte flach sein bis weit hinaus. Aber schon schien man besorgt um ihn, schon riefen Frauenstimmen nach ihm von den Hütten, stiessen wiederum diesen Namen aus, der den Strand beinahe wie eine Losung beherrschte und mit seinen weichen Mitlauten, seinem gezogenen u-Ruf am Ende, etwas zugleich Süsses und Wildes hatte: «Tadziu, Tadziu!»

Tadzio schwamm im Meer.

Aschenbach sah ihn zuerst nicht.

Dann sah er seinen Kopf und seinen Arm im Wasser.

Tadzio holte mit dem Arm aus.

Er schwamm weit draussen.

Das Meer dort war flach.

Die Frauen am Strand machten sich schon Sorgen.

Sie standen vor den Hütten.

Die Frauen riefen laut nach Tadzio.

Sie riefen seinen Namen immer wieder.

Am Strand hörte man überall diesen Ruf.

Er schien voller Bedeutung.

Der Name klang weich und süss.

Er klang auch wild.

Der Ruf klang wie: «Tadziu, Tadziu!»

Er kehrte zurück, er lief, das widerstrebende Wasser mit den Beinen zu Schaum schlagend, hintübergeworfenen Kopfes durch die Flut; und zu sehen, wie die lebendige Gestalt, vormännlich hold und herb, mit triefenden Locken und schön wie ein zarter Gott, herkommend aus den Tiefen von Himmel und Meer, dem Elemente entstieg und entrann: dieser Anblick gab mythische Vorstellungen ein, er war wie Dichterkunde von anfänglichen Zeiten, vom Ursprung der Form und von der Geburt der Götter. Aschenbach lauschte mit geschlossenen Augen auf den in seinem Innern antönenden Gesang; und abermals dachte er, dass es hier gut sei und dass er bleiben wolle.

Tadzio kehrte um.

Er stieg aus dem Meer.

Das Wasser spritzte um seine Beine.

Tadzio warf den Kopf nach hinten.

Seine Haare waren nass.

Das Wasser tropfte von seinen Locken.

Er sah sanft und schön aus.

Aber auch ernst und stolz.

Wie ein junger Gott.

Das Bild war wie aus alten Geschichten.

Als alles geschaffen wurde.

Und als die Götter geboren wurden.

Aschenbach schloss die Augen.

Er hörte eine leise Musik in sich.

Es war wie Gesang.

Aschenbach dachte:

«Es ist schön hier.

Ich will bleiben.»

Später lag Tadzio, vom Bade ausruhend, im Sande, gehüllt in sein weisses Laken, das unter der rechten Schulter durchgezogen war, den Kopf auf den blossen Arm gebettet; und auch wenn Aschenbach ihn nicht betrachtete, sondern einige Seiten in seinem Buche las, vergass er fast niemals, dass jener dort lag und dass es ihn nur eine leichte Wendung des Kopfes nach rechts kostete, um das Bewunderungswürdige zu erblicken. Beinahe schien es ihm, als sässe er hier, um den Ruhenden zu behüten –, mit eigenen Angelegenheiten beschäftigt und dabei doch in beständiger Wachsamkeit für das edle Menschenbild dort zur Rechten, nicht weit von ihm. Und eine väterliche Huld, die gerührte Hinneigung dessen, der sich opfernd im Geiste das Schöne zeugt, zu dem, der die Schönheit hat, erfüllte und bewegte sein Herz.

Später lag Tadzio im Sand.

Er ruhte sich vom Schwimmen aus.

Tadzio war in ein weisses Bade-Tuch gehüllt.

Sein Kopf lag auf seinem nackten Arm.

Seine Schulter war frei.

Aschenbach las in einem Buch.

Er schaute nicht zu Tadzio.

Aber Aschenbach wusste:

Tadzio lag nicht weit von ihm.

Er musste nur den Kopf leicht nach rechts drehen.

Dann konnte er Tadzio sehen.

Und er konnte ihn bewundern.

Aschenbach hatte das Gefühl: Er musste Tadzio beschützen.

Aschenbach las.

Aber er blieb aufmerksam.

Tadzio war so perfekt!

Er musste aufpassen auf ihn.

Aschenbach fühlte Zuneigung.

Er fühlte Wärme in seinem Herzen.

Es war wie die Liebe von einem Vater zu seinem Kind.

Aschenbach war von Beruf Schriftsteller.

Als Schriftsteller wollte er Schönes schaffen.

Er quälte sich dafür sehr.

Aschenbach sah diese Schönheit nun: Er fand sie in Tadzio.

Das bewegte ihn sehr.

* Die Novelle «Der Tod in Venedig» gehört zu Thomas Manns berühmtesten Erzählungen. Sie handelt von dem alternden Schriftsteller Gustav von Aschenbach, der eine Reise nach Venedig unternimmt und sich dort in den polnischen Jungen Tadzio verliebt. Die Novelle erschien erstmals 1912. Thomas Mann wurde 1875 geboren. Sein 150. Geburtstag wurde weltweit mit zahlreichen Veranstaltungen gefeiert.

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