Der ehrliche Klappentext

«Queen Victoria in der Schweiz» von Peter Arengo-Jones

Queen Victoria regierte dreiundsechzig Jahre, sieben Monate und zwei Tage und prägte eine ganze Epoche. Im August 1868 reiste die damals mächtigste Frau der Welt für einen Monat in die Schweiz und suchte am Vierwaldstättersee zu genesen. Sie kam als gezeichnete Witwe und ging als Geläuterte, so Peter Arengo-Jones, der Autor des Sachbuchs Queen Victoria in der Schweiz.
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Autorin: Corinne Holtz
Freitag, 16. November 2018

Zwei Lieblingsponys, drei Kutschen, das eigene Bett, eine passgenaue Auswahl an Hausrat, drei ihrer neun Kinder, der bevorzugte schottische Highland-Diener John Brown, ein Leibarzt, drei weitere «Highlander» sowie Stallburschen und Gehilfen: mit dieser Entourage reist Victoria im August 1868 in die Schweiz.

Bisher ist Queen immer in standesgemässen Familienresidenzen abgestiegen, in der Schweiz jedoch erklärt sie eine private Pension zu ihrer Residenz. Sie mietet für einen Monat Gebäude, Park und die gesamte Belegschaft der Pension Wallis.

Der Ort gilt als exquisite Adresse an traumhafter Lage, auf dem Gütsch über Luzern gelegen, mit Panoramablick über den See in die Alpen. Diese Vorzüge wiegen offensichtlich schwerer als die zweifelhafte Vergangenheit des Hausbesitzers.

Die Pension gehört dem britischen Lithografen Robert Wallis. Er ist mit einer Schweizerin verheiratet und auf Kriegsfuss mit der «Pfaffenherrschaft» der Katholisch-Konservativen. Wallis wird deswegen mehrmals verhaftet, einmal gar «in Nachtrock und Filzschuhen fortgeschleppt». Er arbeitete nämlich früher den liberalen Freischärlern zu, stieg 1849 im Aufstand Italiens gegen Österreich in den Waffenhandel ein und kam damit zu Vermögen. Wallis erweiterte sein Geschäftsfeld und eröffnete 1866 eine «intime Pension» an vielversprechender Lage. Ob die Monarchin weiss, dass sie Ferien im Haus eines ehemaligen Freischärlers und Waffenhändlers verbringt, «ist nicht überliefert».

Die Reise der Queen ist gut dokumentiert. Einerseits durch die Schweizer Medien und Zeitzeugnisse von Menschen, die der Königin begegnet sind, andererseits durch das Tagebuch der Monarchin und ihre anrührenden Landschaftsaquarelle. Das Tagebuch liegt allerdings nur in einer Abschrift der jüngsten Tochter Victorias vor. Die Königin selber hatte verfügt, das Tagebuch nach ihrem Tod zu verbrennen. So dürfte diese Quelle zensiert worden sein. Ausserdem finden sich unzählige Zeitdokumente in Archiven über Europa und Übersee verstreut.

Der Autor Peter Arengo-Jones war ursprünglich Altertumswissenschaftler und hat die Schweizer Zeit von Victoria über Jahre recherchiert. Die Obsession für sein Thema wird dann zum Nachteil, wenn er die Quellen über Gebühr für sich selbst sprechen lässt. So finden sich viele Zitate, die bis eine halbe Seite lang sind und den Lesefluss hemmen. In solchen Momenten verschwindet der Autor als Erzähler und überlässt das Feld seinen Protagonisten: vor allem der Königin selber. Sie wird dadurch greifbar, könnte man entgegenhalten. Nur spricht immer zuerst die Monarchin, die Person selbst versteckt sich hinter dem Anspruch, die Rolle zu wahren. Hier wäre der Autor gefragt, der Deutungsangebote macht und die Figur in ihrer Zeit für die Gegenwart erschliesst.

Die Königin wird in diesem Buch als grosse Liebende dargestellt. Sie kam in «anhaltender Trostlosigkeit» über den frühen Tod ihres Gatten Prinz Albert von Sachsen-Coburg in die Schweiz, im Trauerflor, übergewichtig, gezeichnet. Die Erschütterung dieses Verlusts machte aus der «extrovertierten, lebensfrohen» Königin in den Jahren nach 1861 eine psychisch angeschlagene Frau. Die Reise trat sie in Erinnerung an Albert an, der ihr seinerzeit begeisterte Briefe von seiner Schweizreise geschickt hatte. Sie wiederum konnte sich in der Schweiz erstmals wieder dem Leben öffnen. Daran waren die grandiose Landschaft und ihr «freier Souverän» – das Schweizervolk – beteiligt. Wie vermochten wir «so viele Jahrhunderte lang ohne die Schweiz zu existieren», was wären die Engländer ohne den Drang, wie ein «Heringschwarm» in die Schweiz zu strömen? Diesen Lobgesang, im Namen ihrer Majestät verfasst, liest man am 11. September 1868, nach ihrer Rückkehr, in der Londoner Times.

Peter Arengo-Jones: Queen Victoria in der Schweiz. Hier und Jetzt, Baden 2018; 287 Seiten; 39 Franken.

Die Publizistin Corinne Holtz lebt in Zürich.