Der ehrliche Klappentext

«Permanent Record» von Edward Snowden

Edward Snowden machte das Ausmass der Überwachungstätigkeit der USA publik. Nun legt der ehemalige CIA-Mitarbeiter seine Autobiografie vor. «Permanent Record» ist Protokoll eines Skandals und eindrückliches Plädoyer für Demokratie und Freiheit in einem.
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Freitag, 15. Mai 2020

Im Juni 2013 kam es für die National Security Agency (NSA), einer Abteilung der amerikanischen CIA, zu einem veritablen GAU. Einer ihrer engsten Mitarbeiter reichte den Medien Tausende streng geheimer Dokumente weiter. In mehreren Artikeln machten Journalisten im britischen «Guardian» und in der «Washington Post» publik, dass die NSA während Jahren ein flächendeckendes Überwachungsprogramm führte.

Dieses erlaubte ihnen, fast jede Person auf der Welt auszuspionieren und mit den gesammelten Daten eine «Permanent Record», eine ständige Aufzeichnung, an­zulegen. Die Behörde begründete das Datensammeln damit, dass so Terroranschläge verhindert werden könnten. Noch im selben Monat gab der Whistleblower im Hongkonger Exil seine Identität preis. Sein Name: Edward Snowden.

Der ehemalige CIA-Mitarbeiter sorgte mit den Enthüllungen für einen der grössten Spionageskandale der jüngsten Geschichte. In seiner Autobiografie spart Snowden nicht mit intimen Einblicken in sein Leben und in eine der geheimsten Organisationen der Welt.

Ausführlich beschreibt er seinen Werdegang: Das Kind eines Küstenwache-Offiziers und einer Gerichts­beamtin wuchs zum Computernerd heran und wurde schliesslich Kadermitarbeiter der amerikanischen Sicherheitsorganisation. Als Systemadministrator mit höchster Top-Secret-Einstufung hatte er Zugriff auf die geheimsten Informationen. Seine Laufbahn liest sich spannend, macht aber nicht den Reiz der Lektüre aus.

Viel interessanter sind die Zeugnisse seiner inneren Wandlung, die er im Laufe seiner Tätigkeit in der NSA vollzieht. So zeichnet er nach, wie er sich vom über­zeugten Patrioten, der sich nach den Anschlägen des 11. September freiwillig zur Armee meldete, zum regierungskritischen CIA-Mitarbeiter wandelte.

Die Abkehr setzte ein, als er das Ausmass der Spionagetätigkeit erfasste: «Vor meinem inneren Auge formierten sich die zahlreichen Möglichkeiten einer missbräuchlichen Überwachung zu einer beängstigenden Zukunftsvision (…) Ich dachte: Hab Mitleid mit diesen armen, netten, unschuldigen Menschen. Sie sind Opfer, überwacht vom Staat, überwacht von den Bildschirmen.»

Deutlich wird die zunehmende Ernüchterung auch dort, wo Snowden über seinen Aufenthalt in der US-Botschaft in Genf schreibt. So hält der ehemalige CIA-Mitarbeiter mit Kritik an Schweizer Banken nicht zurück: «Während der Rest der Welt immer ärmer wurde, florierte Genf, und obgleich Schweizer Banken nur in geringem Masse an den riskanten Handelsgeschäften beteiligt gewesen waren, die den Crash verursacht hatten, versteckten sie nun frohgemut das Geld der Leute, die von dem Leid profitierten, ohne je dafür zur Verantwortung gezogen zu werden.»

Allerdings muss Snowden der Entschluss, die Dokumente über die Massenüberwachung an Journalisten zu übergeben, alles andere als leichtgefallen sein. Dem damals 30jährigen war bewusst, dass er sich für immer von einem privilegierten Leben würde verabschieden müssen. Besonders die Aussicht, für längere Zeit von seiner Freundin Lindsay getrennt leben zu müssen, habe ihn belastet, schreibt er. Wie seine heutige Ehefrau selbst mit dieser Situation umging, zeigen ihre Tagebuchein­träge, die im Buch ebenfalls Eingang gefunden haben.

Seit mehr als fünf Jahren lebt Snowden nun in Moskau. Nicht freiwillig, wie er stets betont. So sperrten die USA seinen Pass just in dem Moment, als er sich auf der Reise von Hongkong in einen sicheren Drittstaat befand. Da ihm einzig Russland Asyl bot, nahm er es gezwungenermassen an. Von hier aus will Snowden seinen Kampf für den Schutz der Privatsphäre und die Freiheit des Internets weiterführen – Kritik an Russland inbegriffen.

Was «Permanent Record» lesenswert macht, ist nicht nur die akribische Aufzeichnung der Massenüberwachung, sondern auch Snowdens Appell an Demokratie und Freiheit. Die Autobiografie zeigt auf eindrückliche Weise auf, was einen jungen Menschen dazu bewegt, sein Leben für seine Ideale zu opfern.

 

Edward Snowden: «Permanent Record – Meine Geschichte». S. Fischer, Deutschland 2019; 432 Seiten; 30 Franken.