Aus der Herzkammer

Normal

Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Autor: Ramin Nikzad
Freitag, 05. Juli 2019

Ich verwickle meine Eltern in eine Art sokratischen Trialog. Mein Vater ist 1944 und meine Mutter ist 1946 geboren, also altersmässig könnten beide klassische 68er sein. Ich weiss natürlich, dass sie es nicht sind und nie waren, doch in einer wunderbaren Abenddämmerung in der kroatischen Hafenstadt Rovinj und nach ein, zwei gemeinsamen Bouteillen von weissem Malvasia war ich in Diskutierlaune.

«Wie würdet ihr euch eigentlich einordnen? Als eher konservativ oder eher progressiv? Ich mein’, ihr seid ja altersmässig regelrechte 68er.»

Mutter: «… Na ja, also 68er waren wir nie, weder dein Vater noch ich. Ich konnte die Beatles nicht ausstehen. Oder besser gesagt, die Fans von denen. Wie die sich aufgeführt haben. Dieses Fanatische, dieses Hysterische. Mir ist das so auf die Nerven gegangen. Mich hat das so abgestossen. Viele Freundinnen von mir waren denen verfallen, und ich fand das einfach nur blöd …»

Ich: «… Na gut, aber jetzt mal abgesehen von den Beatles, die 68er Bewegung war ja nicht nur eine musikalische Revolution …»

Vater: «… Deine Mutter und ich hatten überhaupt keine Zeit, um uns mit solchen Dingen zu beschäftigen! Deine Mutter hat von früh bis spät gearbeitet, und ich habe von früh bis spät studiert, damit wir unsere Kinder versorgen konnten und damit wir unseren Kindern eine Zukunft bieten konnten, bache-ján, in harfá chie? (mein liebes Kind, was soll das Gerede)? …»

Mutter: «… 1968 hatten wir doch noch keine Kinder, was redest du denn? …»

Vater: «… Wir waren verheiratet! Was macht das für einen Unterschied? Wir haben gekämpft. Wir hatten doch keinen Nerv für Revolutionen, Elfi-ján! …»

Mutter: «… Na und diese Drogen, die diese Leute alle genommen haben, das war überhaupt nicht unser Ding …»

Vater: «… Du hast doch geraucht, als ich dich kennengelernt habe! …»

Mutter: «… Ich habe gepafft! Ab und zu hab’ ich eine gepafft. Nicht mehr …»

Vater: «… Als ich dich damals an der Ampel angesprochen habe, hast du geraucht, und als ich dich später ausgeführt habe, hast du geraucht, und als wir beim zweiten Treffen in Grinzing spazieren gegangen sind, hast du geraucht. Du hast ununterbrochen geraucht …»

Mutter: «… Das stimmt doch nicht! Ich habe vielleicht nach dem Essen oder zum Wein in Grinzing eine gepafft. Ich hab’ nie geraucht, ich hab’ immer nur gepafft. Eh blöd, aber mein Gott, ich war 19 und halt blöd …»

Vater: «… Deine Mutter war eine Kettenraucherin, als ich sie kennengelernt habe, Rámin-ján, aber mir zuliebe hat sie aufgehört mit dem Unsinn …»

Mutter: «… Kettenraucherin, sagt er! Also das ist doch so ein Blödsinn! Ich war doch keine …, na ja egal …, dein Vater hat schon recht. Ich hab’ ihm zuliebe mit der Pafferei aufgehört, und das ist auch gut so. Heute bin ich froh, dass ich das los bin …»

Vater: «… Ich habe deine Mutter zum Besseren verändert! Und sie hat mich zum Besseren verändert! Wir haben uns füreinander zum Besseren verändert! Aus Liebe, verstehst du, Rámin-ján? Aus Liebe! Inshálláh wirst du auch einmal einen lieben Mann kennenlernen, der dich zum Besseren verändert! Aus Liebe! Damit du endlich mit dieser blöden Raucherei aufhörst! …»

Mutter: «… Das hast du sehr schön gesagt, Khashi …»

Ich: «… Das ist wirklich schön, Papa. Aber ich möchte trotzdem gern wissen, wie ihr euch seht. Konservativ oder progressiv? …»

Vater: «… Deine Mutter war immer progressiv, sie hat einen Tschuschen geheiratet, sie hat Vollzeit gearbeitet, auch nach 1971, als wir schon deinen Bruder hatten, damit ich schnell fertigstudieren konnte …»

Mutter: «… Na es blieb’ mir auch nichts anderes übrig …»

Letztlich bin ich nicht schlauer geworden in der Frage: Konservativ oder progressiv? Ich glaube, dass meine Eltern «von Haus aus», wie gesagt wird, sehr konservative Menschen sind, die aus Liebe zueinander und aus Liebe zu ihren Kinder ihre Grenzen überschritten und weitergegangen sind. Weitergegangen sind in ein unbekanntes Terrain. Ins Unbekannte. Ins Ungewisse. Ins Ungeheuerliche. Weit über ihre Grenzen hinaus sind sie in eine ihnen ungeheuerliche und unbekannte und unheimliche Welt hineingegangen. Immer weiter und tiefer in dieses Unbekannte und Ungeheuerliche hineingegangen. 1968 und 1978 und 1988 und so weiter und sofort. Bis heute. Aber vielleicht ist das auch ganz einfach normal. Vielleicht ist es auch ganz einfach normal, dass man weitergeht. Immer weiter und weiter geht.

Wenn man jemanden liebt.

Wenn man jemanden wirklich liebt.