
Wo kaufst du dein Brot? Es gibt Fragen, mit denen man ein ganzes Volk blossstellen kann. Doch der Reihe nach. Ich hätte mich beinahe an meinem artisanalen Biobauernbrot verschluckt, als ich neulich in der Zeitung las, dass die hiesigen Discounter den Brotpreis unter die Frankengrenze gesetzt haben. 99 Rappen für ein Pfünderli. Das darf doch wohl nicht wahr sein!
Und es ist ja auch nicht ganz wahr. Denn wie ebenfalls zu lesen war, finanzieren die Discounter ihr Billigbrot über andere Produkte, die von den Kunden gekauft werden, nachdem sie von dem unschlagbaren Pfünderli-Preis in den Laden gelockt wurden. Für Bäcker ist das eine bedrohliche Situation. Wie sollen sie ihre aufwendig produzierte Ware finanzieren? Sollen auch sie andere Produkte anbieten? Würste aus dem Puschlav. Wein aus dem Centovalli. Bücher von Lukas Linder.
Während die Leser seltsam gechillt blieben, folgte eine Flut von Artikeln zu dem Thema. Die mediale Empörung hatte dabei nicht nur mit dem Preis zu tun. Es ging ums Brot, das immer schon mehr war als nur ein Lebensmittel. Es ist auch ein Symbol für Reichtum und Sorglosigkeit – und für deren Vergänglichkeit.
In Polen etwa war es bis vor kurzem noch üblich, ein Kreuz in den Laib zu ritzen. Damit sollte das Brot geehrt werden und an jene düsteren Tage erinnern, als die Menschen arm waren und Hunger litten. Das tägliche Brot soll keine Selbstverständlichkeit sein. Auch hierzulande kennt man diesen sorgsamen Umgang. Ich erinnere mich aus meiner Kindheit, dass Brot nie weggeworfen werden durfte. War es trocken, verarbeitete man es zu Paniermehl oder brachte es dem Bauern, der es seinen Tieren gab.
Brot hatte einen moralischen Kern, der aus der Zeit rührte, als Konsum noch kein Volkssport war und die Menschen pro Familie jährlich 236 Kilo davon vertilgten. Irgendwann war Brot nur noch eine Salatbeilage oder etwas, das man im «Rössli» lustlos in seine Suppe brockte.
Während der Pandemie feierte es dann eine fulminante Rückkehr. Auf einmal backten alle ihr eigenes Brot. In diesen kranken Tagen wurde es zum Symbol für Unabhängigkeit: Gott ist tot und der Bäcker ist krank. Also gebe ich mir mein tägliches Brot halt selbst.
Doch der Weg zur Freiheit ist lang. Das musste damals auch ich erfahren. Im Internet war ich auf ein Rezept für bekömmliches Sauerteigbrot gestossen, das ich für meine darbende Familie backen wollte. Nach fünf Tagen war der Teig immer noch am Aufgehen. «Papa», röchelte mein Sohn entkräftet. «Wann können wir endlich essen?» Ich schaute im Rezept nach und antwortete: «Vielleicht lauf’ ich schnell rüber zum Discounter.»
Nein! Eben nicht zum Discounter! Und doch ist es eine schmerzhafte Wahrheit, dass ein Grossteil der Bevölkerung das Brot nicht beim Bäcker, sondern bei einem Grossverteiler kauft. In all der Empörung in all den wunderbaren Artikeln, die in diesen Tagen über den Brotpreis geschrieben werden, kommt dieser Fakt nur am Rande zur Sprache. Weil er eben nicht so recht ins Bild passt.
Lieber macht man es wie der «Blick» und zitiert den Chef von Lidl Schweiz zum Interview, der in dieser Geschichte ganz offensichtlich als Buhmann dienen soll. Dabei sind wir die Kunden. Wir müssen nicht dort einkaufen. Natürlich, das Leben in der Schweiz ist teuer und es gibt viele, die sich kein Biobrot vom Bäckermeister leisten können. Darüber müsste man sprechen. Gutes Brot für alle! Subventioniert vom Bund, mit einer Brotverbilligungsprämie.
Wahr ist aber auch, dass jeder gerne spart. Der Kapitalismus ist ein Rattenfänger, der uns bei diesem Bedürfnis abholt. Die Empörung in all diesen Artikeln kommt mir daher seltsam herbeigeschrieben vor. Sie überdeckt ein anderes Gefühl: die Scham, dass wir uns so leichtfertig den Verlockungen der Zeit ausliefern. Deshalb: Mir nach zum Bäcker!