Der ehrliche Klappentext

«Mutter» von Aline Valangin

Der autobiografische Text «Mutter» ist hundert Jahre nach seinem Entstehen nach wie vor aktuell. Das Protokoll einer Mutter-Tochter-Beziehung hat die Westschweizer Autorin Aline Valangin geschrieben.
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Donnerstag, 18. Juni 2026

Der Tod der Mutter ist eine Zäsur. Viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller setzen sich in autobiografischen Texten damit auseinander. Schonungslos ist etwa das jüngst erschienene Buch «Königin der Nacht» von Lukas Bärfuss. Dort heisst es: «Eine Mutter ist, was man nicht loswird. Auch nicht mit dem Tod. Eine Geschichte, die nie zu Ende ist und mit dem Sterben erst beginnt.»

Der Autor schreibt sich die schwierige Kindheit bei dieser «Königin der Nacht» von der Seele, ohne diese anzuklagen. Er weiss um die misslichen Bedingungen, unter denen sie leben musste. Er sieht eine Ursache der fehlenden Mutterliebe in der Lieblosigkeit der Schweiz im Umgang mit sozial Schwachen. Es wirkt wie ein Wunder, dass aus einem obdachlosen Teenager der bekannteste Schriftsteller des Landes geworden ist.

Eine Pionierin in dieser Disziplin ist freilich eine andere, eine zu Unrecht vergessene, brillante Schriftstellerin und Psychoanalytikerin: Aline Valangin. Sie wird 1889 in Vevey geboren. In den 1930er-Jahren lebt sie in Zürich und im Onsernonetal, wo sie Emigranten wie Kurt Tucholsky Unterschlupf bietet.

Ihre Mutter stirbt 1921. Valangin ist beim Sterbeprozess zugegen. Die Feministin avant la lettre ist da 32 Jahre alt. Bald darauf schreibt sie das Bekenntnis «Mutter» in ihr Tagebuch. Sie verarbeitet den Tod mit feiner Feder und voller Bedauern über ihre frühere Ignoranz gegenüber der nun so friedlich erscheinenden Frau.

Die Lektorin Liliane Studer entdeckte das Originalschriftstück in den 1990er-Jahren. Jüngst hat sie den literarischen Schatz im Limmat-Verlag neu aufgelegt und mit historischen Fotografien sowie einem einordnenden Nachwort angereichert.

In «Mutter» schildert die Erzählerin mit eindrücklichen Bildern, wie die Mutter-Tochter-Beziehung von tiefer emotionaler Nähe, aber auch von Manipulation geprägt ist. Die Tochter muss den Vater ersetzen, von dem sich die Mutter distanziert. Das Kind realisiert, dass sie «nicht glücklich waren zusammen». Es schliesst sich der Mutter «mit noch mehr Eifer an». Die beiden teilen alles. Die Erzählerin schreibt, sie habe «zu denken, zu schauen und zu fühlen begonnen wie die Mutter».

Gleichzeitig baut sich bei der heranwachsenden Tochter ein Unbehagen auf. Manchmal tut sie Verbotenes: Sie liest «kitschige» Bücher über die Liebe, die ihr Schulkameradinnen leihen. Sie tut das «mit dem peinlichen Gefühl, mich zu verunreinigen». Die Mutter ertappt sie, die Tochter wird in ihren Augen zur Lügnerin. Nun beginnt die Erzählerin ein Doppelleben: «Eins drinnen mit Mutter, eins draussen mit meinen Freunden.»

Die Mutter kämpft gegen die zweite Seite der Tochter wie gegen einen «Feind». Sie ängstigt sich, allein zu bleiben. Doch die Teenagerin will fort, «unter fremde Menschen». Sie eröffnet es der Mutter. Die liegt zu diesem Zeitpunkt bezeichnenderweise im Bett und wird krank. Die Tochter geht trotzdem.

Sie beginnt eine Beziehung zu einem Mann und besucht die Mutter nur noch selten. Nach einiger Zeit lockt die Mutter die Tochter nach Hause, indem sie ein Telegramm versendet: Sie liege im Sterben. Die Tochter bricht sofort auf. Aber zu Hause findet sie die Mutter «mit frohem Gesicht auf dem Sofa». Nun entwickelt sie einen Hass gegen sie. Jahre später, am Sterbebett, finden die beiden wieder zueinander.

Es ist ein aufrichtiges Protokoll von nur 50 Seiten, auf denen Valangin ihre Versäumnisse und Schuldgefühle schildert. Sie wünscht sich, wiedergutzumachen, was sie «aus trägem Herzen an der Mutter verfehlt».

Valangin beschreibt eine zutiefst persönliche Erfahrung, gleichzeitig stellt sie die Sicht der Mutter nachvollziehbar dar. Nie rutscht sie vom Autobiografischen ins Egozentrische ab. Es ist eine berührende Reflexion über eine universelle Erfahrung. Wer Bärfuss mag, sollte auch Valangin lesen.

Aline Valangin: «Mutter». Herausgegeben von Liliane Studer. Limmat, Zürich 2026; 96 Seiten; 31.90 Franken. 

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