Der ehrliche Klappentext

«Mutter. Chronik eines Abschieds» von Melitta Breznik

Die eigene Mutter in den Tod begleiten: Die Ärztin und Autorin Melitta Breznik legt mit « Mutter. Chronik eines Abschieds » einen subtilen und zugleich schonungslosen Text vor, der unter die Haut geht. Ein Buch für alle mit alternden Eltern.
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Autorin: Christina Caprez
Freitag, 09. Oktober 2020

Der Fall ist aussichtslos: Die Mutter der Autorin ist 94jährig, der todbringende Tumor in der Bauchspeicheldrüse verbreitet sich sehr rasch. Der Arzt gibt ihr noch wenige Wochen. Die Sterbende wohnt in Österreich, die Tochter, eine Ärztin, lebt weit entfernt in der Schweiz. «Ich möchte anwesend sein, wenn der Tod kommt», schreibt Breznik. « Ich möchte Mutters Hand halten, möchte ihr auf Wiedersehen sagen (…) und ihr die Augen schliessen. » Das klingt verklärend. Doch was folgt, ist alles andere als romantisch: Die Autorin reist zu ihrer Mutter in die Steiermark und sieht fortan dabei zu, wie ein Körper von Tag zu Tag schwächer wird. Ein Zuschauen, das ihr, auch angesichts des eigenen, unausweichlichen Zerfalls, Angst macht. Worte für diese existenzielle Erfahrung zu finden ist Brezniks Rettung.

Die Handlung verlässt die kleine Wohnung der Mutter praktisch nicht. Nur selten schaut der Bruder oder die Nachbarin vorbei. Es ist ein ruhiger Alltag, strukturiert durch die Bedürfnisse der Mutter: Morgentoilette, Medikamente, Schlafen, einen Löffel Haferbrei essen, dann wieder Schlafen. Der Radius der Tochter verkleinert sich mit dem der Mutter. Schliesslich kocht sie nicht einmal mehr für sich selber, aus Sorge, der Geruch des Essens könnte die Mutter stören. Auch Telefonate mit der Aussenwelt führt sie aus Pietät keine mehr: « Dieses Leben ist aktuell zurückgestellt. Die Zukunft ist die Zeit nach Mutters Tod. Wie soll ich darüber reden, ohne Mutter zu verletzen ? » Das Schreiben wird zur einzigen Tätigkeit ausserhalb der Fürsorge für die Mutter.

Breznik schildert den physischen Zerfall der Mutter aus einer dreifachen Perspektive: mit der Zärtlichkeit der Tochter, dem analytischen Auge der Ärztin und dem literarischen der Autorin, die ihre Erfahrung als relevant auch für andere erkennt. « Chronik eines Abschied s», wie es im Untertitel des Buches heisst, passt aufgrund der einfachen, direkten Sprache und des autobiografischen Hintergrunds besser als « Roman », den der Klappentext ebenfalls verspricht.

Dennoch ist das Buch mehr als ein simples Protokoll. Die Perspektive der Sterbebegleiterin erweist sich als fruchtbarer Boden für grundsätzliche Reflexionen. Etwa, dass das heutige Leben keinen Platz für die Erfahrung des Todes vorsieht – schon gar nicht im Krankenhaus: « Man fühlt als Betroffener Scham, wenn man den Ablauf der Routine des Heilens mit den Belangen des Todes stört. »

Dann und wann blitzen in der Erzählung Erinnerungen an ein schwieriges Familienleben auf: Der Vater ertränkt seine Kriegserfahrungen im Alkohol, die Mutter wagt erst mit sechzig die Scheidung. « Ausser meiner Katze, den Wellensittichen und später dem Hund hatte ich niemanden, mit dem ich mich gegen die Schwermut meiner Eltern verbünden konnte », schildert Breznik die Einsamkeit in ihrer Kindheit lapidar.

Entsprechend befremdlich wirkt es stellenweise, wenn die erwachsene Erzählerin mit beeindruckender Gelassenheit und Zärtlichkeit der sterbenden Mutter begegnet. Bitterkeit oder Wut ? Kaum spürbar. Sehr gut nachvollziehbar sind dafür die Schilderungen, was es mit einem macht, wochenlang auf einen engen Raum und wenige Tätigkeiten verwiesen zu werden: Wie die Wahrnehmung für das Hier und Jetzt geschärft wird und Demut aufkommt, gleicht der Erfahrung des Corona-Lockdowns.

Der schmale Band regt zum Nachdenken über den Umgang mit dem Sterben nahestehender Menschen an. Bei aller Enge in dieser kleinen Wohnung, die man mit der Autorin und ihrer dem Tod entgegendämmernden Mutter spürt: Breznik gelingt es, das Einzigartige dieses Moments begreiflich zu machen. Das Existenzielle dieser Erfahrung hat auch etwas Anziehendes. Die Lektüre vermittelt den Eindruck, man hätte etwas verpasst, wäre man nicht dabei gewesen.

Melitta Breznik: «Mutter. Chronik eines Abschieds». Luchterhand, München 2020; 160 Seiten; 26.90 Franken.

Christina Caprez ist Soziologin und freie Autorin in Zürich