Linder liest

Mit Robotern am Tisch

«Überlasst das Denken uns», lautet die Botschaft unseres Kolumnisten an die Roboter unter uns.
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Donnerstag, 16. April 2026

Warum empfinde ich den technischen Fortschritt als so ernüchternd? Liegt es an meinem Alter? Ich bin jetzt 42. In einem Alter also, in dem man jeglicher Art von Veränderung skeptisch gegenübersteht. Oder liegt es an meiner technischen Unbegabtheit?

Ich sehe mich an den Geräten der Zukunft sitzen und hilflos die Gebrauchsanweisung studieren. Aber wer von uns ist denn eigentlich fit für diese Zukunft, in der, wie man hört, Roboter die Kontrolle übernehmen? Abgesehen davon verstehe ich auch nicht, warum man so etwas überhaupt wollen sollte.

Wozu? Damit ich nicht mehr selbst Auto fahren muss? Ich habe ja nicht einmal den Führerschein.

Aber zurück zu unserer Ausgangsfrage. Wer von uns wird in ein paar Jahren oder hoffentlich auch erst Jahrzehnten zu den Siegern der Evolution gehören und zusammen mit den Robotern Rummy spielen?

Laut Alex Karp, dem Mitgründer und Chef der Analyse-Software Palantir, wird es in Zukunft nur noch zwei Arten von Menschen brauchen: Handwerker und Neurodivergente – mit letzteren sind Leute gemeint, deren Gehirn anders funktioniert, wie das etwa bei Autismus, ADHS oder Tourette der Fall ist.

Haben Sie etwas bemerkt? In Karps Aufzählung gibt es weder Schriftsteller noch Kolumnisten. Und auch Akademikerinnen scheinen in seiner Welt keine Rolle zu spielen. Skifahrer kommen ebenfalls nicht vor. Tut mir leid, Odi.

Dass Handwerker auch in Zukunft gebraucht werden, leuchtet mir sofort ein. Ich kann keinen Nagel gerade einschlagen, und als ich neulich, um ein Bild (meiner Mutter) aufzuhängen, in die Wand gebohrt habe, assen wir danach zwei Tage im Dunkeln.

Andererseits besteht doch der Charme der KI gerade darin, dass sie uns die sogenannte Drecksarbeit abnimmt. Also all die Dinge, die man selbst nicht machen will, die aber doch getan werden müssen. Das wäre auch meine Botschaft an die Roboter: Überlasst das Denken uns. Hängt einfach unsere Bilder auf.

Offensichtlich hat Alex Karp eine sehr geringe Meinung von Geistesmenschen, während ihm Handwerker egal sind. Und Neurodivergente? Meint Karp damit vielleicht sich selbst, also Menschen mit einem von der Norm abweichenden und damit überlegenen Denken?

Wenn man darüber nachsinnt, erkennt man, dass in seinem Weltbild eigentlich nur noch bestimmte Menschen eine Rolle spielen, nämlich Menschen wie er.

Man kann natürlich verstehen, dass man als aussterbendes Wesen um seine Zukunft besorgt ist. Aber muss man es gleich so kindisch formulieren? «In Zukunft wird es nur Handwerker und Neurodivergente geben» erscheint wie eine Chiffre für «Ich bin unsterblich».

Der Typus Alex Karp ist dieser Tage unter einflussreichen CEOs weitverbreitet. Sie alle sind von der Zukunft besessen. Sie alle haben bizarre Frisuren (Alex Karps Haare sehen aus, als würde sein Hinterkopf von einem Wiesel bewohnt), ölige Lederjacken (Jensen Huang) oder einen Omnibus voller Kinder (Elon Musk), und natürlich sind sie alle männlich.

Solche Gedanken klingen schnell pauschal, aber Frauen scheinen generell weniger daran interessiert zu sein, wer von uns in der Zukunft noch eine Rolle spielen wird. Vielleicht weil sie sich weniger vor dem Tod fürchten?

Mir gefallen jedenfalls Denkerinnen wie die geniale Jill Lepore, die gerade ein 900-seitiges Megawerk über die konstitutionelle Geschichte der Vereinigten Staaten herausgebracht hat. Im Interview mit der «FAZ» sagt sie: «Wenn wir keine dicken Wälzer mehr verteidigen können, was sind wir dann noch bereit zu verteidigen?» Denn genau darum geht es, wenn wir von positivem Fortschritt sprechen: Man erinnert die Leute daran, was ihre Rechte sind, statt sie zu verkaufen.

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