Warum ist das Kind so traurig?

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Autorin: Ursina Greuel
Freitag, 11. Juni 2021

Die Zürcher Malerin Ottilie W. Roederstein schuf das im Privatbesitz befindliche, 37 × 29,5 cm grosse Ölbild «Kirschenjunge» 1899. Roederstein war zu Lebzeiten genauso bekannt wie ihre Kollegen Hodler, Giacometti oder Amiet, geriet aber nach ihrem Tod 1937 in Vergessenheit. Das Kunsthaus Zürich würdigte das Schaffen der Künstlerin mit einer Retroperspektive.

Warum ist das Kind so traurig ?

Ich bin im Museum. Das Kind schaut mich direkt an. Mit tieftraurigen Augen. Warum ist das Kind so traurig?

Alle Äusserlichkeiten am Kind sind lebensfroh und verspielt.
Die rote Farbe des Pullovers, die knallroten Kirschen über den Ohren. Das beleuchtete Gesicht. Ist es der Hintergrund, der abendlich und daher etwas düsterer wirkt? Ich schaue nochmals genauer in das Gesicht mit dem traurigen Blick, der in seltsamem Kontrast zu den verspielten Kirschen-Ohrringen steht.

Das Bild macht mich traurig und gleichzeitig froh. Weil es so schön ist. Weil es dieses Kind so liebenswert zeigt. Und so eigenständig. Und gar nicht ängstlich. Es schaut in meine Richtung, in meine Welt. Dort scheint es nichts zu sehen, was es glücklich macht. Ich muss an einen Satz meines erwachsenen Sohnes denken: «Die Aufgabe von uns Jungen ist es, die Probleme zu lösen, die eure Generation uns hinterlassen hat.» Da helfen auch keine Kirschen über den Ohren.

Ich zeige das Bild meinem jüngsten Sohn. Seine Reaktion über­rascht mich: «In so einer schönen Landschaft wäre ich auch gerne.» Das Kind, die Kirschen – davon sagt er nichts. Natürlich hat er das Kind nicht übersehen. Ich glaube, er hat sich vielmehr mit ihm identifiziert. Er hat sich vorgestellt, an der Stelle des Kindes in der Landschaft zu sein. Und die Vorstellung hat ihm gefallen. Sein Blick wäre auf mich gerichtet.

Vielleicht ist das Kind auf dem Bild gar nicht traurig? Oder die Traurigkeit ist etwas normales, weil sie zum Leben dazugehört. Vielleicht denken nur die Erwachsenen, dass Kinder immer glücklich sein sollten.

Das Kind schaut einfach in die Welt der Betrachterin. Nicht wertend. Nicht vorwurfsvoll. Und für das, was wir in seinen Blick hineinlesen, tragen wir selber die Verantwortung.

Ursina Greuel ist seit 2018 künstlerische Leiterin des Sogar-Theaters in Zürich. Sie studierte Schauspiel und Regie an der Zürcher Hochschule der Künste und ist Mitherausgeberin der edition spoken script im Luzerner Verlag Der Gesunde Menschenversand.