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Autor: Reto Sorg
Freitag, 15. Mai 2020

Fotograf: Dominique Uldry

Ich bewundere an Robert Walser, wie er als Schriftsteller von der eigenen Erfahrung und Lebenswirklichkeit ausgeht. Sein Schreiben hat dabei nichts Privates, sondern entfaltet ein Denken und Schauen, das auf die Welt gerichtet ist. Obwohl er notorisch über sich selbst schreibt, tritt seine Person in den Hintergrund. Seine Individualität geht in der poetischen Eigenart seines Werks auf.

Zur Selbst-Camouflage passt, dass er sich gerne hinter Bildern versteckte und lange nur Fotografien von sich kursieren liess, die ihn als Jüngling zeigen. 1928 fängt ihn ein Pressebild als Fünzigjährigen ein. Das Bild, zu dem er gedrängt worden ist, kündet einen neuen Lebensabschnitt an, denn kurz darauf erleidet er einen Zusammenbruch. Fortan verbringt er seine Tage in einer psychiatrischen Anstalt.

Da ihm die Freiheit, über sich und sein Leben zu bestimmen, zunehmend entgleitet, gibt er das Schreiben auf. Am Weihnachtstag 1956 stirbt er 78jährig auf einem Spaziergang im Schnee. Die Fotografien, die die Todesumstände dokumentieren, gelangen an die Öffentlichkeit und brennen sich fest: «Der Schneetod des hier in Rede stehenden Mannes gehört zu den vielen Schönheiten, die dieser unablässig aus dem Ärmel schüttelte. Er ist vielleicht seine grösste», schreibt etwa die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff. Die Totenbilder faszinieren auch den Künstler Thomas Hirschhorn, der Robert Walser liebt und als unbestechlichen Aussenseiter verehrt. 2018 schuf er für eine Ausstellung im Robert Walser-Zentrum das «Robert Walser-Modell».

Die raumfüllende Skulptur stellt die Todesszene nach, durch die der scheue, im Tod derart exponierte Dichter zur Ikone wurde. Die behelfsmässig wirkende Ästhetik verleiht der Sterbesituation eine sperrige Grazie. Zugleich macht sie die Irritation erfahrbar, die vom Todesgeschehen ausgeht. So betont sie die Lücke zwischen der Leiche und den zu ihr hinführenden Fussspuren, die auf einer der Fotografien sichtbar ist.

Die Leerstelle erscheint als Herausforderung: Was ist hier geschehen? Was bedeutet die sinnfällige Unmöglichkeit des Dargestellten? Hirschhorns Arbeit liefert in meinen Augen keine Erklärung. Sie lenkt den Blick dahin, wo viele wegsehen (der Tod, das Rätselhafte), und stellt das Offensichtliche und Klare in Frage (das Dokument, das Plakative). So ist das «Robert Walser-Modell» für mich Lehrstück und Hommage zugleich: Wie Walser die Eigenart und das Schöne verbindet, verbindet Hirschhorns Modell die Kritik der Wahrnehmung mit der Darstellung des Wunderbaren.

Bild: Thomas Hirschhorn: «Robert Walser-Modell» (2018). Die fotografische Dokumentation stammt von Dominique Uldry.

Reto Sorg unterrichtet an der Universität Lausanne und leitet das Robert Walser-Zentrum in Bern.

Soeben hat er eine Dokumentation des «Robert Walser-Modells» von Thomas Hirschhorn herausgegeben. Die Abbildungen stammen vom Fotografen Dominique Uldry. Die Publikation kann für 9 Franken 50 direkt im Robert Walser-Zentrum oder über den Buchhandel bezogen werden.