Kuratiert von Reinhard Schulze

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Freitag, 09. Oktober 2020

Visualisierung der Diriya Gate Development Authority, Saudiarabien 2020.

Auf den ersten Blick erinnert mich diese Fotomontage an eine europäische, orientalistische Szene aus Kairo im 19. Jahrhundert. Angefertigt wurde die Visualisierung aber für das Dir‘īya-Tor-Projekt in Saudiarabien. Die Stadt soll im Laufe des kommenden Jahrzehnts in der Oase Dir‘īya, dem Geburtsort des Gründers der islamischen puritanischen Tradition der Wahhabiten, Muhammad Ibn ‘Abdalwahhāb, entstehen.

Bis vor wenigen Jahren war der Ort die Hochburg wahhabitischer Prediger, Richter und Gelehrte, deren moralischen Kontrolle die saudische Gesellschaft unterstellt war. Das 16 Milliarden Franken teure Bauvorhaben wird die Oase, aber auch die wahhabitische Tradition fundamental verändern.

Bei genauerer Betrachtung ist der tiefgreifende religiöse Wandel auf dem Bild unübersehbar: So fehlt die Moschee, die sonst allenthalben gezeigt würde. Ebenso sind keine islamischen Gelehrten und frommen Gläubigen zu sehen. Dafür hüten Männer ihre Kinder und fotografieren Touristen das Weltkulturerbe. Die Frauen tragen islamische Kleider, sogenannte Abayas, die allem Anschein nach von der in der Stadt ansässigen Modedesignerin Masha’il Al Faris entworfen wurden. Was auch auffällt: Männer und Frauen schreiten nebeneinander über den Platz. Beleuchtet wird die orientalistische Szene, welche die saudische Tradition als Teil einer globalen, westlich orientierten Moderne darstellt, von sanftem Abendlicht.

Geht es nach dem Projektbeschrieb der staatlichen Agentur, dann werden in dem dereinst grössten Kulturerbe der Welt bis zu 100 000 Menschen Platz finden: reguläre Einwohner, Studentinnen und Touristen. Das Tor soll zum Ausflugsziel von jährlich 25 Millionen kulturell interessierten Besuchern werden und sich zu einem zukunftsweisenden, zugleich traditionellen und urbanen Raum wandeln.

Die verklärt-romantische Vision, die das Bild transportiert, weist in die Zukunft: Die radikalen Puritaner, denen in der Gesellschaft lange Zeit eine tragende Rolle zukam, verlieren an Einfluss. Die islamische Tradition in Saudiarabien soll, eingepackt in einen ästhetischen Orientalismus, zum Ausstellungsstück einer Weltkultur werden.

Reinhard Schulze ist Islamwissenschaftler und beschäftigt sich vorwiegend mit dem Islam in der Moderne. Bis zu seiner Emeritierung war er Professor am Institut für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie der Universität Bern. Seit 2018 ist er Direktor des Forums Islam und Naher Osten der Universität, das Forschung für Behörden und die Öffentlichkeit zugänglich macht.