Kuratiert von Niklaus Brantschen

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Freitag, 04. Oktober 2019

Das Bild Mädchen mit Taube ist 48 × 64,5 cm gross und markiert den Beginn von Picassos blauer Periode. Von 1974 bis 2011 war das Schlüsselwerk in der Londoner National Gallery zu sehen. Seit 2012 ist es im Besitz des Emirats Katar.

Ein Kind hält eine Taube zärtlich in seinen Händen. Seit meinen Studienjahren begleitet mich dieses Bild. Damals, als junger Philosophiestudent in München, war mir oft mehr nach Poesie und Kunst zumute als nach strenger Kopfarbeit. Von einem Besuch der Neuen Pinakothek brachte ich eines Tages eine preiswerte Reproduktion von Picassos Mädchen mit Taube nach Hause und hängte sie über mein Pult im Studienheim.

Wenn das Staunen der Anfang der Philosophie ist – hier hatte ich Grund dazu. Das Bild stammt aus dem Jahr 1901. Picasso war erst zwanzig, als er das Sujet malte. Wie konnte er als so junger Mensch diese Traurigkeit und Einsamkeit, diese sogenannte spanische Melancholie dermassen treffend in ein Sujet fassen?

Später habe ich erfahren, dass der knapp erwachsene Picasso zu der Zeit, als das Bild entstand, tief erschüttert war vom tragischen Selbstmord seines Freundes Carlos Casagemas. Er muss selbst schutzbedürftig und heimatlos gewesen sein, suchte Geborgenheit und Zuneigung. Diese Sehnsucht bringt das Mädchen mit Taube zum Ausdruck.

Auch heute blickt mir das Mädchen, das das Spiel unterbricht, um der Taube Schutz zu gewähren, aus einem Wechselrahmen auf meinem Pult entgegen. Das Bild ist für mich ein Zeichen. Solange es diese Innigkeit, diese Sorge für das Leben gibt – so lange darf ich hoffen. Trotz allem.

Niklaus Brantschen ist Jesuit, Zen-Meister und Mitbegründer des Lassalle-Hauses bei Zug. Ab den 1970er Jahren setzte er sich während längerer Studienaufenthalte in Japan intensiv mit Zen auseinander und gilt in der Schweiz als Pionier auf dem Gebiet.