Kuratiert von Lukas Niederberger

Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Freitag, 14. August 2020

Aline Kundig, 2005, «Kreuz in der Krippe»

In einer Ausstellung moderner Kreuzesinterpretationen sprang mir diese Weinkiste ins Auge, gefüllt mit Stroh und einem blau leuchtenden Neonkreuz. Eine Kiste mit Stroh assoziiert der geneigte Betrachter in der Regel mit Jesu Geburt an Weihnachten. Und selbst Freidenkerinnen verbinden das Kreuzsymbol mit der Passion Jesu am Karfreitag und mit der Auferstehung an Ostern. Die 2005 entstandene Installation «Kreuz in der Krippe» der Genfer Künstlerin Aline Kundig verstört und fasziniert zugleich.

Das Neonkreuz in der Bordeauxkiste greift künstlerisch die Spannung auf, die existenziell in der Person Jesu Christi steckt (beziehungsweise in dem, was in den letzten 2000 Jahren aus dem Gottmenschen gemacht wurde). An Weihnachten erzeugt das Jesulein in der Krippe wie jedes Baby den typischen Jööö-Effekt. Gerührt besingen zahllose Gläubige «in reinlichen Windeln das himmlische Kind, viel schöner und holder als Engel es sind». Der 33jährige Rebell hingegen, der Marktstände im Tempel umwirft und den römischen Machthabern die Ankunft eines Königreichs verspricht, in dem Vergebung und Feindesliebe regieren, eckt noch heute an.

Der erwachsene Nazarener stört, verunsichert und erzeugt Widerstand. Dass das süsse Jesulein im Stroh und der unbequeme Jesus am Kreuz ein und dieselbe Figur sind, macht den Glauben unbequem. Die existenzielle Spannung zwischen dem «holden Knaben im lockigen Haar» und dem blutüberströmten Propheten mit der Dornenkrone wird uns durch den künstlerischen Kontrast von Krippe und Kreuz vor Augen geführt.

Literarisch wird das in der Geschichte vom vierten König verarbeitet, der jahrelang auf der Suche nach dem Jesuskind ist und es erst findet, als es als erwachsener Mann am Kreuz hängt. Das fahle blaue Licht des Kreuzes in der Krippe strahlt jedoch nicht das Ende des radikal Liebenden aus, sondern verweist auf etwas geheimnisvoll Neues, auf eine unaussprechliche Sphäre, wo Wissen und Fragen übergehen in Vertrauen und Hoffnung.

Der ehemalige Jesuitenpater Lukas Niederberger war mehrere Jahre in der Leitung des Lassalle-Hauses tätig, dem jesuitischen Bildungszentrum oberhalb von Zug. 2007 verliess er den Orden. Heute ist er Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft, die unter anderem Freiwilligenarbeit fördert. Daneben schreibt er Bücher und bietet Ritualbegleitungen an.

Der ehemalige Jesuitenpater Lukas Niederberger war mehrer Jahre in der Leistung des Lassalle-Hauses tätig, dem jesuitischen Bildungszentrum oberhalb von Zug. 2007 verliess er den Orden. Heute ist er Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft, die unter anderem Freiwilligenarbeit fördert. Daneben schreibt er Bücher und bietet Ritualbegleitungen an.