Kuratiert von Katharina Epprecht

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Freitag, 05. Juli 2019

Wir befinden uns in einer spätgotischen Zelle des ehemaligen Benediktinerinnen­klosters St. Agnes in Schaffhausen. Nach der Reformation wurde der Raum als Spitalzimmer genutzt. Es ist die einzige Zelle des im 11. Jahrhundert gegründeten Frauenklosters, die erhalten blieb und ins Museum zu Allerheiligen integriert wurde. An der Zellenwand hängt ein Aquarell des Malers Johann Jakob Beck aus dem frühen 19. Jahrhundert. Dieses zeigt die Ansicht der Zelle, in der wir uns befinden, sowie fünf weitere Zellen vor ihrem Abbruch 1824. Alle darauf abgebildeten Räume sind auffallend reich geschmückt, was den Status der oft adligen oder aus vornehmen Bürgerfamilien stammenden Nonnen veranschaulicht.

Als der Künstler Yves Netzhammer das weitverzweigte Museum zu Allerheiligen nach geeigneten Orten für seine Interventionen erkundete, betrat er diesen engen Raum. Das Aquarell mit den Erinnerungsbildern der ehemaligen Nonnenzellen inspirierte ihn zu einer Installation, die für mein Empfinden eine unglaubliche Zartheit und Melancholie ausdrückt. Erst dank seiner Intervention verwandelte sich der Raum für mich in ein von Leben erfülltes historisches Zeugnis.

Ausgangspunkt ist ein rechteckiger, in sechs Quadrate unterteilter Holzrahmen, der den Massen des Aquarells entspricht. Diese an einen leeren Fensterrahmen erinnernde Konstruktion liegt in einer mit einer Plexiglashaube geschlossenen Vitrine. Der Rahmen wird an der kurzen Seite verlängert durch einen langen weissen Stoff, der als luftiger Rock mit loser Schleife einen imaginären Frauenkörper verhüllt.

Sechs Ordensschwestern, ihre Herzen verschlossen in ihren Zellen, ihre Jungfräulichkeit und lebensfrohe Mädchenhaftigkeit gefangen im gläsernen Sarg. Dies ist eine Lesart, die vom sechsteiligen Holzrahmen als Oberkörper im starren Korsett ausgeht und Beklemmung auslöst. Geht man hingegen von der Reinheit des zarten Textils und den ansprechenden Interieurs im Innern der Aquarellquadrate aus, stellt man sich eher Frauen vor, die in ihrer Zeit das Glück hatten, ihren Geist bilden zu können, und die im geschützten Rahmen des Klosters ihren Mitmenschen seelischen Beistand leisteten.

Yves Netzhammer animiert uns mit dieser unmittelbar berührenden Arbeit zum Studium der historischen Wirklichkeit. Wie hätten damalige Bewohnerinnen des Klosters wohl auf dieses Werk reagiert? Wie reagieren Nonnen heute?

Bild: Michel Gilgen / zvg

Bild: Michel Gilgen / zvg

Das Museum zu Allerheiligen zeigt Kunst, aber auch archäologische und naturgeschichtliche Bestände. Das Werk ohne Titel in der Nonnenzelle ist ein Geschenk des international anerkannten Künstlers Yves Netzhammer an seine Geburtsstadt. Es ist permanent zu sehen.

Katharina Epprecht ist Direktorin des Museums zu Allerheiligen in Schaffhausen und war zuvor stellvertretende Direktorin am Museum Rietberg in Zürich.