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Donnerstag, 19. Juni 2025

Elias-Canetti-Platz in der bulgarischen Stadt Russe: Eine Bücher-Bronzeplastik an einer Hausfassade erinnert an den Literatur-Nobelpreisträger von 1981 (Bild:: Karl Bühlmann)

Es ist neun Uhr morgens, ein grauer Tag, es regnet. Die Eisheiligen und die kalte Sophie künden sich an. 300 Kilometer von der bulgarischen Hauptstadt Sofia entfernt, stehe ich durchnässt in Russe, auch Ruse oder Rousse genannt, in der Ulica Slavanskaja, vor dem Gebäude mit dem Buchstaben C an der Fassade. Hier war also der Handelskontor von Grossvater Canetti.

Der sephardisch-jüdische Kaufmann hatte sich, aus dem türkischen Edirne herkommend, in den Siebzigerjahren des 19. Jahr-hunderts in Russe niedergelassen. Rustschuk hiess der Ort damals, er war die grösste Stadt Bulgariens. Weiter oben, an der Kreuzung der Slavanskaja mit der Alexandrovska, stehe ich auf dem menschenleeren kleinen Elias-Canetti-Platz. Eine Information in einer mir verständlichen Sprache ist nicht zu entdecken. Eine Stele mit kyrillischer Inschrift macht auf den berühmten Sohn der Stadt aufmerksam. Am sanierungsbedürftigen Gebäude würdigt eine Bücher-Bronzeplastik das Schaffen des Literatur-Nobelpreisträgers von 1981.

Die Fassade bröckelt: An der Ulica General Gurko 13, ein paar Strassenzüge vom Elias-Canetti-Platz entfernt, liegt das Geburtshaus des Schriftstellers (Bild Karl Bühlmann).

Warum stehe ich morgens als einziger da, draussen im Regen in der heute fünftgrössten Stadt Bulgariens? Unser Schiff hat im Hafen, wo die Donau mehrere Hundert Meter breit ist, einen Halt eingelegt, damit Kulturinteressierte die Welterbe-Felsenkirchen von Ivanovo besuchen können. Ich hatte mich auch dafür angemeldet, doch tags zuvor war mir plötzlich die erst- und einmalige Begegnung mit Elias Canetti eingefallen.

Dies war an einer Lesung in Zug, in den 1980er-Jahren. Der Schriftsteller mit dem unvergesslichen Charakterkopf: grauer Schnauz, schwarze Brille, dichtes graues, gewelltes Haar und ein Mund, der nie lächelte, hatte am Schluss dem Publikum ein paar Fragen zugestanden. Ich kannte den ersten Satz aus seinem Essay «Masse und Macht», er taucht noch heute hie und da in meinem Kopf auf: «Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes.» Ich wagte den Autor zu fragen, ob diese Sentenz wirklich am Anfang des Schreibprozesses stünde oder erst später an diese prominente Buchstelle, quasi als Dogma und Fazit, hinzugefügt worden sei.

Wie und ob überhaupt Canetti meine Frage beantwortet hat, weiss ich nicht mehr. Nicht vergessen habe ich aber, dass ich anderntags «Die Blendung» kaufte, Canettis epochales Erstlingswerk, und mich in einem Zug durch die 500 Seiten las. Die bizarre Geschichte schildert, wie der weltfremde Sinologe Peter Kien seine unbedarfte Haushälterin Therese heiratet und wegen der neuen Umstände und der Frau dem Wahnsinn verfällt.

Elias Canetti verbrachte nur die ersten fünf Jahre in Russe, 1912 verliessen Eltern und Kinder das Land. Lange Jahre lebte der Schriftsteller in Zürich, wo er 1994 auch starb.

Mich interessiert in Russe das Geburtshaus des Autors im einstigen jüdischen Viertel. Canetti hat die Stadt, einst «Klein-Wien» genannt, nach dem Wegzug nur noch einmal besucht und so beschrieben: «Rustschuk, an der unteren Donau, wo ich zur Welt kam, war eine wunderbare Stadt, an einem Tag konnte man sieben oder acht Sprachen hören. Es wird mir schwerlich gelingen, von der Farbigkeit der früheren Jahre in Rustschuk eine Vorstellung zu geben.»

Mit Glück finde ich die kleine Ulica General Gurko mit der Nummer 13. Die Fassade des einstöckigen, blass-ockerfarbenen Hauses bröckelt, Unkraut wuchert. Ein verschlossenes schmiedeisernes Tor versperrt den Eintritt aufs ungepflegte Grundstück. Auf der linken Seite liegen Hölzer und Autoreifen. Rechts ginge es gemäss Reiseführer zum Hinterhaus, wo eine Plakette darauf hinweisen soll, dass hier am 25. Juli 1905 Elias Canetti geboren wurde.

Unverständlich, wie Stadt und Land mit dem einzigen Nobelpreisträger aus Bulgarien umgehen. Oder berufen sich die Verantwortlichen für ihre Ignoranz auf Canetti? «In einer schönen Stadt lässt sich nicht leben – sie nimmt einem die Sehnsucht.»

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