Kuratiert von Jörg Scheller

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Freitag, 18. Oktober 2019

Im September dieses Jahres besuchte Jörg Scheller zusammen mit dem Schweizer Fotografen David Willen den internationalen Bodybuilding-Wettkampf Mr. Olympia, der jährlich in Las Vegas stattfindet. Das Bild entstand im Rahmen einer Reportage. David Willen ist bekannt für seine präzise Still-Life-Fotografie.

Wenn wir an Werke der bildenden Kunst denken, denken wir meist an unbelebte Objekte – Gemälde, Skulpturen, Installationen, Bildschirme. Warum eigentlich? In seinem Spätwerk fragte sich der Philosoph Michel Foucault: «Aber könnte nicht das Leben eines jeden Individuums ein Kunst-werk sein? Warum sind ein Gemälde oder ein Haus Kunstobjekte, aber nicht unser Leben?» Die Fluxuskünstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erklärten zwar das Leben zur Kunst. Doch ihr erweiterter Kunstbegriff blieb eng verbunden mit dem Kunstbetrieb, seinen Institutionen und seinen Diskursen.

Wer eine wirkliche Synthese von Kunst und alltäglichem Leben sucht, die sich bis in die Tiefe des menschlichen Körpers hinein erstreckt, muss sich an so unwahrscheinliche Orte begeben wie das Orleans Hotel & Casino in Las Vegas. Dort findet traditionell im Herbst der Mr.-Olympia- Wettbewerb statt, auf dem der weltbeste Profi-Bodybuilder gekürt wird. Bodybuilder sind keine Sportler im eigentlichen Sinne, sondern Menschen, die sich sportlicher Methoden bedienen, um ihre Körper – und damit ihr Leben – in Kunst­-werke zu verwandeln. Im Alltag setzen sie alles daran, diese zu konservieren.

Beim mehrtägigen Spektakel in Las Vegas präsentieren diese Body­builder ihre hypertrophen Körper, die radikal geformt und genormt sind. Die stunden­langen Posierrunden beim Mr. Olympia mögen in ästhetischer Hinsicht zwar eher monoton sein – aber das gilt auch für Ausstellungen mit Werken der Zürcher Konkreten wie Max Bill. Gerade die Monotonie schärft den Blick fürs Detail und die Achtsamkeit für minimale Abstufungen.

Ist der Wadenmuskel des Bodybuilders Brandon Curry, der den Titel dieses Jahr gewann, tatsächlich voluminöser als der seines Konkurrenten Dexter Jackson? Ist die Definition der Rückenmuskulatur der Bodybuilderin Julia Föry wirklich schärfer und klarer als die ihrer Mitbewerberinnen? Hier wird eine formalistische Kunstauffassung buchstäblich verkörpert. Bodybuilder müssen Foucault nicht gelesen haben, um seine erste Frage mit Ja zu beantworten.

Jörg Scheller ist Kunstwissenschaftler, Journalist und Musiker. Er lehrt an der Zürcher Hochschule der Künste und beschäftigt sich unter anderem mit Körperkultur. Seine Doktorarbeit schrieb er über Arnold Schwarzenegger.