Kuratiert von Harro von Senger

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Freitag, 17. Mai 2019

Reproduktion Bild: Michel Gilgen

Während meines Studiums in Taiwan sagte mein Sprachlehrer einmal: «Sanshiliu ji zou wei shang ji.» Ich übersetzte das damals für mich so: «Von den 36 Plänen ist Wegrennen der beste.» Meine Neugier war geweckt, auch wenn ich nicht wusste, was damit gemeint war. Zwei Jahre später an der Beijing-Universität las ich in einem geheimen chinesisch-englischen Wörterbuch die tatsächliche Bedeutung des chinesischen Ausdrucks «sanshiliu ji»: «36 stratagems», also 36 Listen.

Um solch eine List geht es auf dieser Illustration des Künstlers Li Yuanye. Sie zeigt eine Episode aus der Zeit der Streitenden Reiche um etwa 350 vor Christus. Huiwen, der König des Staates Qin, wird von seinem Berater Zhang Yi davon überzeugt, nicht mit Waffengewalt, sondern mit List eine feindliche Allianz zwischen den Staaten Qi und Chu zu brechen. König Huiwen ist begeistert. Darauf begibt sich Zhang Yi an den Hof des Königs von Chu.

Dort schmeichelt er dem Herrscher und verspricht ihm eine beträchtliche Gebietsabtretung. Chu gefällt das Angebot. In der Folge zerbricht die Allianz zwischen den Staaten Qi und Chu. Als der König von Chu nun das in Aussicht gestellte Land von Qin einfordert, behauptet Berater Zhang Yi, dass er ihm nur ein winziges Gebiet versprochen habe. Erzürnt startet Chu einen Angriff auf Qin, erleidet aber ohne die Hilfe von Qi eine Niederlage. Am Ende klagt der besiegte König von Chu, er sei Zhang Yis Strategem «Hinter dem Lächeln den Dolch verbergen» zum Opfer gefallen.

In China wird die List sehr wichtig genommen, Weisheit und List fliessen hier ineinander. Im westlichen Denken hingegen kommen Listen kaum vor – und wenn, dann bagatellisiert als «Frauenlist» oder «Buebetrickli». Dabei werden sie doch überall auch von Mächtigen angewandt: in der Wirtschaft, in der Politik, in den Medien. Auch der Westen würde gut daran tun, seine Blindheit in Sachen Listen zu korrigieren.

Harro von Senger ist ein Schweizer Sinologe und Jurist. Er lebte und studierte unter anderem in Taiwan, der Volksrepublik China und Japan. Heute ist er emeritierter Professor für Sinologie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau. Von Senger hat sich als erster westlicher Kulturwissenschaftler mit den chinesischen Listen auseinandergesetzt und zahlreiche Bücher dazu veröffentlicht. Das Bild des Illustrators Li Yuanye stammt aus der 1994 erschienenen englisch-chinesischen Publikation Sanshiliu Ji — Thirty­ Six Stratagems.