Kuratiert von David Streiff

Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Autor: David Streiff
Freitag, 12. Juni 2020

Bild: Unbekannter Künstler: Portrait eines jungen Adligen (spätes 16. Jahrhundert), 35 × 30 cm, Öl auf Holz.

Seit sieben Jahren habe ich einen liebenswerten, pflegeleichten und stummen Gast im Haus, der einige Rätsel aufgibt. Ich weiss kaum etwas von ihm, ausser dass er schätzungsweise 25 Jahre alt ist und aus gutem, wohl adligem Hause stammt. Die Schlichtheit der Darstellung und das relativ bescheidene Format des Gemäldes, auf dem sich sein Portrait findet, lassen auf einen Privatauftrag schliessen. Der Bildträger Holz, die Malweise und die Kleidung machen es zu einem Werk des 16. Jahrhunderts.

Ein auf der Rückseite der Holzplatte befindliches, arg lädiertes Etikett, auf dem nur noch die Worte «THM the silent» zu lesen sind, hilft bei der Suche nach der geografischen Herkunft des Gemäldes nicht weiter. Es muss der Vermerk eines späteren englischsprachigen Besitzers sein. Aus Grossbritannien stammt das Bild allerdings nicht, denn englische Portraits aus dem 16. Jahrhundert sehen anders aus: In ihnen wird immer besonderes Gewicht auf die Pracht der Kleider und auf die Attribute des sozialen Status gelegt.

Das gleiche gilt auch für Frankreich, Deutschland, Italien und, wie ich meine, ebenfalls für die Niederlande, denen man es allenfalls zuordnen könnte. Nur in spanischen Bildern der Zeit finden sich solche Halskrausen, und nur dort entstanden so asketische Portraits. Doch ist mir keines bekannt, in dem das Kleid nur aus einer einzigen schwarzen Fläche besteht und sich alles auf die prächtig gemalte Halskrause und das in aussergewöhnlicher Feinheit gemalte Gesicht konzentriert.

Der Abgleich mit anderen Werken, wie beispielsweise den meisterlichen Portraits von El Greco, erlaubt eine genauere Datierung in die Zeit um 1580. Somit wäre der junge Herr also ungefähr 1555 geboren und damit rund neun Jahre älter als Shakespeare und Galilei, hätte spanisch gesprochen und in den schlimmsten Zeiten der Gegenreformation gelebt.

Meinen Gast scheinen diese Schrecknisse wenig belastet zu haben. Er hat die Nonchalance der Jugend, aber auch Güte und Freundlichkeit gegenüber dem Betrachter. Was mir besonders gefällt: Sein Gesichtsausdruck hat nichts Abweisendes, sondern eine gewinnende Bereitschaft, zuzuhören. Man kann zu ihm leicht Vertrauen fassen, selbst wenn er einen auf den zweiten Blick etwas skeptisch anschauen mag – mit einem Hauch von Überlegenheit, die in seiner selbstsicheren Art, in der Welt zu sein, und in seinem wachen Blick begründet ist. Solcherlei Nuancen des Ausdrucks beweisen die Meisterschaft des unbekannten Malers. Was das Ganze für heutige Augen noch attraktiver macht, sind Kurzhaarfrisur und Bart des Dargestellten, die dem modischen Kanon junger Männer von heute voll entsprechen. Die dazwischenliegenden 420 Jahre: wie weggeblasen.

Wie kam das Portrait zu mir? Ich entdeckte das Werk in der Billig-Abteilung einer Auktion und hatte Glück. Im Kunsthandel gelten Werke ohne Signatur wenig. Trotzdem war ich ein bisschen verwundert, dass niemand sonst Interesse an diesem zauberhaften Bild zeigte. Seither hat der junge Mann in meinem Haushalt einen Ehrenplatz. Manchmal spreche ich mit ihm, und er antwortet.

David Streiff ist ehemaliger Direktor des Filmfestivals Locarno und des Bundesamtes für Kultur. Der Kunsthistoriker verfasste unter anderem Bücher über den Journalisten Manuel Gasser und das fotografische Werk des Bildhauers Karl Geiser.