Kuratiert von Daniel Glaus

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Autor: Daniel Glaus
Freitag, 15. November 2019

Der Maler und Grafiker Alfred Glaus wurde 1890 im Bernischen Schwarzenburg geboren. Bergmassive und Felsformationen waren das Hauptmotiv seines Schaffens. Glaus war Ende der 1940er Jahre Mitbegründer und erster Präsident des Kunstmuseums in Thun, wo er 1971 starb. Sein Ölbild Blitzlicht entstand 1956 und ist 60×75cm gross. Es befindet sich im Besitz seines Enkels Daniel Glaus.

Seltsam ist es, in Grossvaters Vergangenheit zu grübeln und Verwandtes zu entdecken. Er war Kunstmaler. Ich bin Komponist. Beide schufen / schaffen wir Bilder; er Bilder zum Betrachten, ich Klangbilder fürs Ohr.

Der Maler stellt in seinen Bildern Zustände, stehende Situationen dar. Der Komponist organisiert in seinen Partituren klingende Zeitstrecken. Der Maler fragt sich vielleicht, wie er Zeit darstellen kann, und der Komponist sinniert darüber, wie Ewigkeit erlebbar werden kann.

Der Blitz erhellt für einen Augenblick, für einen Lidschlag eine Felslandschaft, die sich durch das plötzliche Licht im Auge des Betrachters gewissermassen einbrennt.

Ähnlich ist es im kreativen Prozess des Komponisten, wenn er in einer Art Audition das zu schreibende Musikstück in Nullzeit vor seinem inneren Ohr vernimmt. Die Komposition ist völlig konzentriert, zusammengezogen in eine Punktklangkugel, die es nun in die fliessende Zeit auszurollen und auszubreiten gilt.

Die Maltechnik meines Grossvaters fasziniert mich. Mehrere übereinandergelagerte Farbschichten hat er schwarz übermalt. Mit einem Spachtel machte er danach einige Flächen und Strukturen wieder sichtbar. Die vorangehende Arbeit geschah langsam, bedächtig und sorgfältig. Die Aktion mit dem Spachtel hingegen passierte eruptiv aus dem Moment heraus.

Ganz verwandt ist auch mein Vorgehen beim Komponieren. Zuerst schaffe ich mir ein Klangtotal, Harmoniefelder, Grundstrukturen, grossformale Proportionen, aus denen ich anschliessend Rhythmen, Melodien, Klangfarben, Dynamik und Pausen herausschäle und sie erst dann dem gewählten Instrumentarium zuordne. Meine «Leinwand» ist die Zeit, meine «Palette» sind die Klangfarben.

Ein grosser Unterschied besteht darin, wie ein Bild und eine musikalische Komposition wahrgenommen werden. Die Malerei kann in einem Moment als Ganzheit erfasst werden. Die Musik ist zuerst grafisch fixiert als Partitur, die von den Interpretierenden entziffert, geübt und schliesslich aufgeführt werden muss. Die Hörenden vernehmen sie als Zeitfluss nach und nach. Erst im Nachhinein – als Erinnerung – ergibt sich ein Gesamteindruck, nämlich dann, wenn sich das sukzessiv Gehörte wieder zusammenzieht in einen Punkt.

Daniel Glaus ist Titularorganist und Verantwortlicher für die Kirchenmusik am Berner Münster sowie Professor für Orgel und Komposition an der Hochschule der Künste Bern. Seine Werke werden international von namhaften Künstlern aufgeführt. Glaus engagiert sich auch im Bereich der Orgelbauforschung. So entwickelte er mit seinem Team eine winddynamische Orgel, bei der durch blosse Tastensteuerung die Dynamik, Klangfarbe und Tonhöhe beeinflusst werden kann.