Kuratiert von Beat Schneider

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Samstag, 13. Februar 2021
Bild: Die kleine Schlangengöttin wurde vor 3500 Jahren aus Fayence, einer Art glasiertem Ton, geschaffen. Sie wurde vor über 100 Jahren, zusammen mit einem weiteren Exemplar, aus den Trümmern des Palastes von Knossos auf der heutigen Insel Kreta geborgen.

Die kleine Schlangengöttin wurde vor 3500 Jahren aus Fayence, einer Art glasiertem Ton, geschaffen. Sie wurde vor über 100 Jahren, zusammen mit einem weiteren Exemplar, aus den Trümmern des Palastes von Knossos auf der heutigen Insel Kreta geborgen.

Kuratiert von Beat Schneider

Die Schlangengöttin entdeckte ich im archäologischen Museum von Iraklion auf Kreta. Je länger ich das dreissig Zentimeter grosse Exponat in der Vitrine betrachtete, umso mehr zog sie mich in ihren Bann. Über drei Jahrzehnte ist das nun her. Damals wusste ich noch nicht, wie sehr diese Begegnung mein Leben prägen wird: bei meiner Arbeit als Kunsthistoriker, aber auch ganz persönlich.

Archäologinnen schätzen die Tonfigur auf 3500 Jahre. Zu dieser Zeit standen in unseren Breitengraden Pfahlbauten, und Athen war nichts mehr als eine Holzsiedlung. Anders Kreta: Auf der Insel entstand die minoische Hochkultur, benannt nach dem mythischen König Minos. Die kleine Schlangengöttin ist Zeugin dieser aussergewöhnlichen Epoche und kam vermutlich bei mysterienspielartigen Erscheinungsfeiern der minoischen Muttergottheit zum Einsatz.

Ich stand also im Museum vor der Vitrine und staunte über ihre Anmut. Ihr selbstbewusster Blick forderte meinen Respekt. Ich war aber auch von der naturalistischen Gestaltung der Figur sehr angetan. Sie trägt einen Stufenrock, in der minoischen Kultur das Kleidungsstück einer Priesterin. Die Brüste: nackt. Auf dem Kopf ein Löwe, der eher wie eine bei seiner Herrin Schutz suchende Hauskatze wirkt. Und dann sind da noch die Schlangen. In jeder Hand eine und so gehalten, als wären
sie Zauberstäbe.

Diese Gestalt wurde verehrt. Die Schlange, in der Regel das Symbol für weibliche Verderbtheit und Verführung zum Bösen, ist hier Zeichen göttlicher Macht. Die Brüste feiern die Fruchtbarkeit der Frau und die Erneuerung des Lebens. Weit und breit keine Spur von Scham oder Schande, mit der sonst patriarchale Kulturen das weibliche Geschlecht belegen.

Die kleine Schlangengöttin wurde Anfang des 20. Jahrhunderts aus den Trümmern einer Tempel-Kultkammer in Knossos geborgen, rund fünf Kilometer von ihrem heutigen Standort in Iraklion entfernt. Dass sie die Jahrtausende nahezu unbeschadet überdauerte, ist kolossalen Erdbeben und Feuern zu verdanken. Diese hatten sie unter einer meterhohen Erdschicht begraben.

Bis heute kehre ich immer wieder zur Schlangengöttin auf Kreta zurück. Sie ist der Beweis, dass eine Hochkultur ohne Frauenfeindlichkeit möglich ist.
Ich werde nicht aufhören, davon zu träumen.