Kuratiert von Armin Kerber

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Autor: Armin Kerber
Freitag, 18. März 2022

«San Zaccaria, Venedig 1995», Fotografie von Thomas Struth. BILD: © THOMAS STRUTH

Nein, mit diesem Bild «San Zaccaria, Venedig» von Thomas Struth möchte ich nicht die alte Debatte aufwärmen: künstlerische Pracht von katholischen Gotteshäusern versus Bilderarmut von refor­mierten Kirchen. Und es geht mir auch nicht um die Spannung zwischen sakraler und weltlicher Kunst. Als ich diese grossformatige Fotografie zum ersten Mal Mitte der 90er Jahre im Kunsthaus Zürich gesehen habe, war ich gerade aus Hamburg nach Zürich gekommen, um am Theaterhaus Gessnerallee zu arbeiten. Das Bild dieser venezianischen Kirche erwies sich dabei als Wegweiser.

Die grosse Kunst – in diesem Fall Bellinis wunderbare Madonna «Sacra Conversazione» – hat sich, obwohl im Zentrum des Geschehens, fast bescheiden in eine Nische zurückgezogen. Statt der Kunst selbst rücken die Zuschauer, Betrachterinnen, Gläubige, Konsumentinnen, Anbeter in den Vor­dergrund, scheinbar planlos und profan, aber doch in einer präzisen Choreografie sitzend, stehend, kniend über den sakralen Raum verteilt.

Dieser neue Blick hat mir unmittelbar eingeleuchtet: Die Teilhabe an der Kunst erhält denselben Stellenwert wie die Kunst selbst, ohne diese damit zu entwerten. Und wird man nicht manchmal von einer besonderen Person, die in einem Museum ein Frida-Kahlo-Bild ansieht oder in einer Marthaler-Aufführung ein paar Reihen weiter vorn sitzt, genauso gefangengenommen wie von dem Kunst­werk oder der Inszenierung selbst? Die Kunst ist nichts ohne den Ort ihrer Begegnung, sei es in der Kirche, im Kino, im Museum, im Theater oder zuhause an der Wand. Nur im Safe einer Bank begegnet ihr das Nichts.

Es war wieder Venedig, gut zwanzig Jahre später, auf der Kunstbiennale 2019, das mir eine ähnlich richtungsweisende Erfahrung bot. Bekanntlich hilft dort die Flüsterpropanda, über viele Kanäle laufend, sich zu orientieren im Labyrinth von Tausenden von Kunstwerken und Zehn­tausenden von Besuchern. In diesem Jahr hiess der ultimative Tip: «Litauischer Pavillon», und tatsächlich, die Schlange davor war beeindruckend. «Drinnen gibt’s gar keine Kunst zu sehen, nur Menschen am Strand», so eine Kollegin am Frühstücksbuffet im Hotel. Man kann es mit diesem einen Satz zusammenfassen, man könnte aber auch stundenlang staunen und nachdenken nach dieser dreiviertelstündigen Betrachtung von – ja, von was? Von Kunst? Von Künstlern? Von Menschen?

Litauischer Pavillon mit der Performance «Sun & Sea» an der Biennale Venedig 2019. BILD: JEAN-PIERRE DALBÉRA

Zu sehen waren Menschen an einem künstlichen Strand, Zuschauerinnen, Betrachter, Konsu­mentinnen, Anbeter der Sonne und des Meeres, die scheinbar planlos und profan, aber doch in einer präzisen Choreografie stehend, kniend, sitzend, laufend, liegend, singend, spielend vom Pavillon Besitz ergreifen. Und je länger man diesem banalen Beach-Life zusieht, umso mehr stellt sich ein Leer­lauf ein, mit dem sich der Unterschied auflöst zwischen den Menschen am Strand, die sich ent­spannen, und uns, den Menschen auf der Galerie, die diese Performance betrachten. Egal ob Kunst-Gläubige oder Kunst-Ignoranten – am Ende sind wir alle Touristen, die lustvoll Zeit totschlagen und Müll anhäufen. Besonders in Venedig, aber nicht nur da. Auch das kann uns Kunst zeigen.

Armin Kerber war Künstlerischer Leiter am Theaterhaus Gessnerallee Zürich, Kurator am Paul-Klee-Museum Bern und Redaktor beim «DU»-Magazin. Er lebt in Zürich und arbeitet als freier Dramaturg vorwiegend in Griechenland und Skandinavien.

  • N° 2/2022

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