

Walter De Maria, The Vertical Earth Kilometer, 1977, detail view. © Estate of Walter De Maria. Photo: Nic Tenwiggenhorn.
1000 Meter senkrecht in die Erde: Das hat der Land-Art-Künstler Walter De Maria 1977 mit seinem Werk «The Vertical Earth Kilometer» realisiert. Anlässlich der Kunstschau documenta 6 in Kassel liess er eine lotrechte Bohrung vornehmen und versenkte darin 167 je 6 Meter lange, miteinander verschraubte Messingstäbe von 5 Zentimeter Durchmesser.
Der Prime Tower in Zürich ist 126 Meter hoch, der höhere der beiden Roche-Türme in Basel 205 Meter. Nur damit man eine Vorstellung erhält, was das heisst: 1000 Meter.
De Marias «Earth Kilometer» ist eines der verwegensten Kunstwerke, die ich kenne; schon fast frech. Dieser unglaubliche Aufwand, Kosten von damals 750 000 Deutschen Mark, und dann ist da nicht mehr zu sehen als eine unscheinbare runde Metallscheibe von 5 Zentimeter Durchmesser am Boden, umgeben von einer Sandsteinplatte. Punkt.

Walter De Maria, The Lightning Field, 1977. Longterm installation, western New Mexico. © Estate of Walter De Maria. Photo: John Cliett, courtesy Dia Art Foundation, New York.
Dabei kann De Maria auch anders. Im selben Jahr hat er in einem maximal abgelegenen Landstrich New Mexicos auf einem Feld von einer Meile mal einem Kilometer 400 auf Hochglanz polierte Chromstahlpfähle von gut 6 Metern Höhe installiert: alle nach oben hin zugespitzt und in regelmässigen Abständen verteilt. Die Pfähle sind so aufeinander abgestimmt, dass ihre Spitzen trotz des unebenen Geländes genau dieselbe Höhe erreichen und deshalb eine Platte tragen könnten, die sich in absolut waagrechter Lage befände.
Es ist eine Erfahrung purer Schönheit, wie diese Stäbe das Sonnen- oder Mondlicht in der menschenleeren Steppenlandschaft reflektieren, betörend hell aufleuchten oder geheimnisvoll matt in der Nacht glänzen. Das Werk heisst «The Lightning Field» und ist eine der intensivsten Natur- und Kunsterfahrungen, die ich gemacht habe.
Das Wissen darum, wie der Künstler die ästhetische Wahrnehmung einer Landschaft intensivieren kann, steigert die Radikalität des im Erdboden versenkten Kilometers in Kassel. Diese Arbeit bringt im wahrsten Sinn des Wortes auf den Punkt, wodurch sich Kunst auszeichnet: Im Gegensatz zum Kunsthandwerk oder zum Design ist sie nicht auf Nützlichkeit, nicht auf Gebrauch angelegt, sondern in hohem Masse zweckfrei. Sie ist einfach, was sie ist – und eröffnet gerade dadurch Räume der Reflexion, lädt mich ein, neu oder anders zu sehen und nachzudenken. «The Vertical Earth Kilometer» ist in herausfordernder Offensichtlichkeit zu absolut nichts nutze.
Und auch, dass Kunst ein dialogisches Geschehen ist und das Werk nicht ohne Betrachterin entsteht, sondern dadurch, was sich zwischen ihm und ihr ereignet, macht «The Vertical Earth Kilometer» deutlich. Der weitaus grösste Teil dieser Arbeit bleibt unsichtbar und entsteht nur in meiner Vorstellungskraft. Ich «schaffe» als Betrachter das Werk mit.
Vielleicht ist das mit ein Grund, weshalb die Arbeit mich als Theologen anspricht: Weil es auch in der Theologie um die Auseinandersetzung mit Dingen geht, die sich der Sichtbarkeit und der Verfügbarkeit entziehen, von denen ich einzelne Spuren kenne, die mich auf ein Mehr und Grösser verweisen, die jedoch ohne mich (meinen Glauben) nicht wirksam werden können. Ich taste mich glaubend durch eine Wirklichkeit, der ich mehr zutraue, als sie mir vordergründig gerade hinhält. Der ich ein Surplus zutraue, das mich nicht auf Nützlichkeit und Zweck reduziert, sondern mir Freiräume der Zweckfreiheit eröffnet.