Der ehrliche Klappentext

«In Schopenhauers Gegenwart» von Michel Houellebecq

Der französische Skandalautor Michel Houellebecq sucht die literarische Begegnung mit Arthur Schopenhauer, dem philosophischen Menschenfeind des 19. Jahrhunderts. In Schopenhauers Gegenwart ist dabei genauso ein Kommentar zu Houellebecq selbst wie zu seinem philosophischen Vorbild. Beim Lesen erwächst mehr und mehr Widerstand gegen die selbstgefällige Apathie des Zynikers Houellebecq. Und das ist gut so.
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Freitag, 16. Februar 2018

Die Romane Michel Houellebecqs sind Kult. In der ihm eigenen nüchternen Sprache beschreibt der französische Schriftsteller Menschen, die mittendrin sind im Getriebe der Zeit – am Arbeitsplatz, in der Gesellschaft, beim Sex –, die mitmachen, unterworfen sind und darin einsam bleiben. Houellebecq liebt die Provokation, wie etwa mit seinem Roman Soumission aus dem Jahr 2015, wo aus der allgemeinen Zwangsgesellschaft die Option der Unterwerfung unter den Islam wird. Dabei setzt er Ängste gekonnt in Szene. Houellebecq – ein literarischer Terrorist, die Avantgarde der Neuen Rechten?

Nun hat der Autor das Genre gewechselt. Sein neues Buch In Schopenhauers Gegenwart ist kein Roman über den pessimistischen Lebensphilosophen des 19. Jahrhunderts, sondern ein Kommentar zu dessen Werk. Im Zentrum steht Schopenhauers Buch Die Welt als Wille und Vorstellung. Wie kam es dazu?

Mit Mitte zwanzig stiess Houellebecq auf Schopenhauer. Für den jungen Literaten, der noch um eine eigene Haltung rang, war es eine Entdeckung. In Schopenhauer fand er die Ehrlichkeit, das Leben zu sehen und zu beschreiben, wie es ist: ausgeliefert der Schwerkraft zum Tode, die spürbar wird in jedem Moment des Lebens, wenn man nur den Mut hat, sie wahrzunehmen. Schopenhauer, der philosophische Menschenfeind, der die Vorstellungen der Welt durchschaut und in kalter Neugierde in ihr Getriebe blickt, wird zum literarischen Befreier für Houellebecq: «Denn alles Streben entspringt aus Mangel, aus Unzufriedenheit mit seinem Zustande, ist also Leiden, solange es nicht befriedigt ist. Das Streben sehen wir überall vielfach gehemmt, überall kämpfend. Solange also immer als Leiden: kein letztes Ziel des Strebens, also kein Mass und Ziel des Leidens.» So schreibt es Schopenhauer, und auf dieser Spur folgt ihm Houellebecq – zunächst in seinen Romanen, nun in seinem Buch zu Schopenhauer in der Form eines philosophisch-literarischen Kommentars.

Hier begegnen sich Philosoph und Schriftsteller und besichtigen gemeinsam die Welt. Die Welt, die es eigentlich nicht gibt – das ist das Erbe der aufgeklärten Vernunft: die Welt an sich und in sich ist nicht zu erkennen. Was bleibt, sind unsere Vorstellungen von ihr: «Die Welt ist meine Vorstellung», so das Duo Schopenhauer / Houellebecq. Damit aber gibt es zumindest einen Zugang zur Welt: die eigene Wahrnehmung, die eigenen Augen und Gefühle. Die Konsequenz davon ist, den Dingen mit aufmerksamem Blick zu begegnen. Es bleibt die Betrachtung, die «ruhige, von aller Reflexion und aller Begierde losgelöste Betrachtung der Dinge».

Houellebeqcs Blick ist kühl. Sein Buch ist kein Kampf gegen das Leid und kein Appell für das empathische Mitleiden, auch kein Rezept, Leiden erträglich zu machen. Ist das tröstlich? Der Trost, so Houellebecq, liegt in der distanzierten Beschreibung der Banalität des Menschlichen. Und dieser Schreib- und Lebensstil kann Heiterkeit eröffnen, zumindest «kleine Momente unvorhergesehenen Glücks, kleine Wunder», wie Houellebecq Schopenhauers Lebensphilosophie in die Lebenskunst des Literaten übersetzt.

Neu oder besonders kreativ ist Houellebecqs Schopenhauer-Kommentar nicht. Aber er kann als Kommentar zu dessen eigenem Werk gelesen werden. Insofern ist die Form sicherlich nicht zufällig gewählt, schafft der Kommentar durch das nüchterne, mitleidlose Nachdenken doch immer auch Distanz. Dennoch wächst bei der Lektüre gerade dadurch Widerspruch – und etwas Wut über die selbstgenügsame und selbstgefällige Apathie, mit der Houellebecq seine Figuren und Texte erschreibt.

Michel Houellebecq: In Schopenhauers Gegenwart. Dumont, Köln 2017; 80 Seiten; 26.90 Franken.

Hans Jürgen Luibl ist Theologe und Medienwissenschaftler.