Rutger Bregman: «Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit». Rowohlt, Hamburg 2020; 480 Seiten; 22 Franken.
Der ehrliche Klappentext

«Im Grunde gut» von Rutger Bregman

Krieg, Gewalt und Unterdrückung: Die Menschheitsgeschichte ist voll davon. Rutger Bregman argumentiert in «Im Grunde gut» für das Gute im Menschen und übt zugleich Kritik am heutigen Menschenbild
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Samstag, 13. Februar 2021

Im Zweiten Weltkrieg machten nur etwas mehr als zehn Prozent der US-Soldaten von ihrer Waffe Gebrauch. Die meisten schossen absichtlich zu hoch oder gar nicht. Und aus dem Ersten Weltkrieg ist bekannt, dass sich deutsche und französische Soldaten Briefe schrieben, um sich gegenseitig vor den Angriffen zu warnen. Es sind solche Geschichten, die der niederländische Historiker Rutger Bregman für sein Buch «Im Grunde gut» ausgegraben hat. Seine These: Von Natur aus sind wir Menschen kooperativ und hilfsbereit. Um dies zu untermauern, zieht er zahlreiche Studien heran.

So verdanke der heutige Mensch seine Existenz dem kooperativen Verhalten unserer Ahnen aus der Vorzeit, argumentiert Bregman. Ohne solidarisches Zusammenleben hätten die Jägerinnen und Sammler als Spezies nie überlebt. Aber auch in neuerer Zeit wird der Autor fündig. Als Beispiel nennt er die Bewohner der Pazifikinsel Ifalik: Das vorsätzliche Töten war ihnen unbekannt. Als ihnen Marinesoldaten das erste Mal Hollywoodfilme zeigten, sollen sie sichtlich verstört gewirkt haben. Das Ermorden eines Menschen war für sie schlicht unbegreiflich.

Wie aber erklärt sich Bregman, dass Gewalt für den Rest der Welt an der Tagesordnung ist? Ihre Entstehung bringt er mit dem Sesshaftwerden des Menschen und der ersten Landwirtschaft vor 12 000 Jahren in Verbindung. Mit der Urbarmachung von Land und dem Bau von Wohnstätten kam die Idee von Eigentum auf, was zu Ungleichheit unter den Menschen führte und die Entstehung von Gewalt begünstigte.

Die Folgen dieser Umwälzung waren weitreichend, denn Ungleichheit und Macht veränderten das Verhalten der Menschen. Einflussreiche Menschen würden nachweislich weniger Mitgefühl an den Tag legen, zitiert Bregman eine neuere Studie. Hinzu komme das Ungleichgewicht von Informationen. Von jeher werde Berichten über Verfehlungen, Korruption und Mord sehr viel mehr Platz eingeräumt als den guten Taten. Diese Dominanz führte in der Menschheitsgeschichte zur Akzeptanz von Hierarchien und von Strafe statt Versöhnung.

Bregman legt eine kluge, wissenschaftlich fundierte Kritik am heutigen Menschenbild vor. Mit seinen Überlegungen steht der Autor in der Tradition des französischen Aufklärers Jean-Jacques Rousseau. Dieser war der Ansicht, dass erst die Zivilisation den in seiner Natur guten Menschen zu Egoismus, Unterdrückung und Mord gebracht habe. Doch kann Bregman die Frage, wie Gewalt denn überhaupt möglich ist, nicht ganz beantworten. Wie etwa konnten die Greuel der Nationalsozialisten passieren? Er erklärt dies mit der Kooperation der Soldaten.

Die Wehrmacht habe wie keine andere Armee auf Kameradschaft gesetzt und so ihre Soldaten dazu gebracht, alles füreinander zu tun – und damit auch bis zum Letzten zu kämpfen. Leider belässt er es bei diesen Berichten über das Militär der Nazis. Das System der Konzentra­tionslager behandelt sein Buch nicht.

So drückt er sich um die Frage, wie der geplante Massenmord möglich wurde. Spätestens bei Auschwitz kommt die Frage auf, ob seine These vom guten Menschen so einfach stimmen kann: Angenommen, dass es so etwas wie die Natur des Menschen gibt, müsste mit Blick auf die Shoah nicht auch seine Fähigkeit zum Töten dazugehören?

Rutger Bregmans Essay liest sich trotz diesem Einwand gut. Das liegt auch daran, dass er seine Aussagen ausführlich belegt und geschichtenreich erklärt. Das Buch gefällt aber auch, weil es dem weitverbreiteten Pessimismus einiges an Zuversicht entgegensetzt: So versammelt der Autor zahlreiche Beispiele für auf Versöhnung und Miteinander ausgerichtetes Verhalten heute.

Das liberale Gefängnissystem in Norwegen, ein niederländisches Pflegeunternehmen ohne Vorgesetzte oder die basisdemokratische Gemeinde Torres in Venezuela, um einige zu nennen. «Im Grunde gut» regt an, das negative Menschenbild zurechtzurücken – und mehr auf das Gute im Menschen zu setzen.

Rutger Bregman: «Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit». Rowohlt, Hamburg 2020; 480 Seiten; 22 Franken.