Der ehrliche Klappentext

«Im Gespinst in dem ich wohne» von Endo Anaconda

Endo Anaconda war ein charismatischer Mundartrocksänger – und ein Lyriker. In einem Auswahlband aus seinem Nachlass kann man ihn noch einmal neu entdecken.
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Donnerstag, 09. Oktober 2025

Während Jahrzehnten war Endo Anaconda das markante Gesicht und die unverwechselbare Stimme der Band Stiller Has. Wenn nun drei Jahre, nachdem er an Krebs gestorben ist, ein Gedichtband erscheint, könnte man eine Restenverwertung aus dem Nachlass des Songwriters vermuten.

Doch tatsächlich schrieb Endo Anaconda alias Andreas Flückiger (1955–2022) zeit seines Lebens neben berndeutschen Liedtexten auch hochdeutsche Gedichte und hatte sogar eine Publikation geplant. Seine Hinterbliebenen haben diese nun realisiert.

Entstanden ist ein ergiebiges Buch, dessen Aussagekraft noch verstärkt wird durch die beigelegte CD mit einer Aufnahme vom woerdz-Festival 2020. Darauf trägt Anaconda, begleitet von einer E-Gitarre (Boris Klecic), eine Auswahl seiner Sprechtexte vor und zeigt, wie sehr er auch als Lyriker das Performative mitdenkt.

Mit seiner Stimme im Ohr liest man auch die übrigen Texte des Bandes in erster Linie als lautliche Kunstwerke. Im Gedicht «Mieze» heisst es: «Bin kein Kuschelkater / denn mein Vater war / ein Jaguar / und die Oma / und die Oma / war der Puma / von Montezuma.» Das lässt an ein anderes Tier denken, das sich nach den Methoden eines Dichters zu richten hatte, Morgensterns Wiesel. «Ein Wiesel / sass auf einem Kiesel / inmitten Bachgeriesel».

Es tat es bekanntlich «um des Reimes willen». Auch Anaconda lässt sich unverhohlen von den Reimen leiten. Doch sein Umgang mit den Klangwiederholungen ist raffiniert. Etwa wenn er markante Klänge überraschend als Binnenreime auftauchen lässt, oder wenn er den Leser mit dem Reim von «Marzipan» auf «Manhattan» in eine kleine Falle lockt.

Dass der Lyriker ein Musiker ist, zeigt sich nicht nur an den Klängen, sondern auch an den Formen. Anacondas längere Gedichte verwenden Rondostrukturen oder behandeln ein Thema in Variationen. So etwa «Wolkenlos», ein ernster und zugleich herrlich skurriler Text über das Altern.

«Ich bin ein kahler alter Hund / Pilze nisten mir im Mund / wo die letzten Beisser lehnen / sich nach den Verschwundenen sehnen», lautet eine Selbstbeschreibung des Sprechers. Wer die CD parallel hört, merkt, dass Text- und Bühnenfassungen stark voneinander abweichen.

Anaconda hat seine Texte ständig weiterentwickelt. So gibt es in der Live-Version von «Wolkenlos» zusätzliche Reprisen des Themas. Gegen Ende des Textes, aus dem vielleicht ein abermals gealtertes Subjekt spricht, wird die Klage des körperlichen Verfalls noch erbitterter erhoben:

«In meinen Arsch beisst jeder Hund / Pilze nisten mir im Mund / jedes Weib entwischt behände / weiss und kalt die klauen Hände / faltig müde das Gehänge / meine Brust alt wie die Wände / scharf und struppig bohren sich / Borsten durch die Nasenwände.»

Zu seiner besten Form findet Anaconda, wenn er in ungeschminkter Drastik aus dem Vollen schöpft und seinen masslosen Überschwang ideenreich verwandelt. Er ist geschult und inspiriert durch Expressionismus und konkrete Poesie, scheint sich aber keinen Kopf zu machen über die eigene Position in der literarischen Landschaft.

Das zeigt sein deftiges Liebesgedicht «Wildschwein», wo er in einer seiner Lieblingsgegenden unterwegs ist: im Grenzgebiet von Lust und Ekel: «Ich will dein Wildschwein sein / dein Ringelnatz im Eichelhain / dein Zungenschneck / dein Dattelzeck / dein Nuschelpfund / dein Kuschelgrund / dein Muschelhund im Suppensud / dein Duttenbub / dein geiler Gaul», so beginnt das erotische Gedicht.

Doch während seines behaglichen Blubberns im Gegenüber realisiert das Textsubjekt zugleich, was es alles nicht ist: «Aber ich bin nicht Fisch / ich bin nicht Fromm / ich bin nicht Freud, nicht Fried! / Bin nicht dürr / bin nicht matt / ich bin nicht Bloch / nicht Federspiel / denn ich wieg zu viel! / Ich möcht so gern dein Wildschwein sein …»

Endo Anaconda: «Im Gespinst in dem ich wohne. Schlaflieder, Liebesgedichte, Seuchentexte.» Der gesunde Menschenversand, Luzern 2025; 168 Seiten; inkl. Audio-CD; 38.90 Franken.

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