Der ehrliche Klappentext

«Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute» von Frank Trentmann

Das Verlangen danach, immer mehr Dinge zu besitzen, ist älter, als man meint: Bereits in der frühen Neuzeit waren die Menschen verschwenderisch, schreibt Frank Trentmann in seinem Buch «Herrschaft der Dinge». Darin erzählt der Historiker 500 Jahre Konsumgeschichte – kritisch und fesselnd zugleich.
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Autorin: Corinne Holtz
Freitag, 01. September 2017

In Grossbritannien gab es 2013 sechs Milliarden Kleidungsstücke; ein Viertel davon hat den Kleiderschrank nie verlassen. In Überflussgesellschaften besitzt ein Mensch im Durchschnitt zehntausend Gegenstände. Statt Krieger oder Arbeiterinnen wie in den vergangenen Jahrhunderten sind wir mehr denn je Konsumenten. In der reichen Welt werden Identität, Politik, Wirtschaft und Umwelt grundlegend von dem bestimmt, was und wie wir konsumieren. «Geschmack, Erscheinung und Lebensstil definieren, wer wir sind (oder sein wollen) und wie andere uns sehen», bringt es der Autor Frank Trentmann auf den Punkt.

Dafür nehmen wir in Kauf, dass auf den Weltmeeren pro Quadratkilometer 18 000 Kunststoffteile an der Oberfläche treiben und der Handel mit giftigen Elektroabfällen floriert. Im Recyclingzentrum der chinesischen Provinz Guandong etwa schmelzen Arbeiter Leiterplatten über glühenden Kohlenfeuern ein, um Mikrochips aus dem flüssigen Blei zu lösen. Die Mehrheit der Kinder dieser Region leidet unter Atemwegserkrankungen.

Die Innenansicht der Konsumgesellschaft des 21. Jahrhunderts ist ungemütlich, keine Frage. Doch sie verweist auch auf Verhaltensweisen, die älter sind, als wir gemeinhin annehmen. Konsum ist ein Grundbedürfnis. Wenn der Mensch konsumiert, deckt er sein Verlangen nach Überlegenheit – als «Geltungskonsum» ist dieser Umstand schon in der Antike diskutiert worden. Auf dieser These basiert Trentmanns Monografie über die Herrschaft der Dinge. Der Historiker rollt darin 500 Jahre Konsumgeschichte auf. Wir begegnen unterschiedlichen Konsumkulturen und erfahren, dass die Konsumgesellschaft nicht erst in Zeiten des Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit entstanden ist. Die Forschung verortet sie bereits im spätmittelalterlichen England, als Bier und Rindfleisch den Markt eroberten.

Auch der Überfluss ist älter als die Moderne. Zwischen 1300 und 1600 wurden überall in Europa Luxusgesetze erlassen. Zunächst zielten sie auf verschwenderische Festmahle und Geschenke bei Hochzeiten und Begräbnissen. Im 15. Jahrhundert verschob sich das Augenmerk auf die Kleider. Sie signalisierten Stand, Rang, Alter und Geschlecht und regelten die soziale Ordnung. In Nürnberg waren Seide, Pelze und Perlen den Adeligen, Kirchenfürsten und geachteten Berufsleuten vorbehalten, während die Beschränkungen in Venedig Patrizier und Bürger gleichermassen betrafen. In den norditalienischen Stadtstaaten herrschte ohnehin mehr Gleichheit als überall sonst. So gab es in Florenz keine scharf voneinander getrennten Kulturen mit einer Elite einerseits und einer homogenen Unterschicht anderseits.

Auch Massenkonsum existierte lange vor der Massenproduktion. So boomten Kleider und Porzellan erstmals im 17. Jahrhundert, während die westliche Nachfrage nach indischer Baumwolle und chinesischem Porzellan bereits vor der industriellen Revolution explodierte.

Trentmann rahmt seine Geschichte des Konsums mit den wechselvollen Bedeutungen des Begriffs. So bedeutete Konsum im 12. Jahrhundert noch «Verbrauch und Zerstörung», im 18. Jahrhundert aber «Ziel und Zweck aller Produktion» zum Wohle einer ganzen Nation. Ab 1900 trat der Konsument und Käufer als «Zwilling des Bürgers» auf die politische Bühne, um mit seinem Geld Sozialreformen zu fördern. Erst in der Zwischenkriegszeit «machten Unternehmen und Werbefachleute den Kunden zum König des Markts». Heute konsumieren wir auch Gefühle, Erlebnisse und Erfahrungen.

Was tun gegen diesen «Geltungskonsum»? Statt die Polarisierung zwischen Konsumkritik und Neoliberalismus zu bedienen, fordert uns der Autor zu einem nachhaltigeren Lebensstil auf. Weniger sei mehr: Ein Mantel sei eigentlich erst dann «konsumiert», wenn sein Stoff sich auflöse. Trotz vollgestopften Schränken und Garagen gibt es laut Trentmann Hoffnung: Die Überflussgesellschaft, so der Historiker, liest beispielsweise wieder mehr als vor zehn Jahren. Vielleicht auch sein über tausendseitiges Buch. Lesenswert ist es.

Frank Trentmann: Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15.Jahrhundert bis heute. DVA; München 2017; 1104 Seiten; 45 Franken.

Corinne Holtz ist Publizistin und lebt in Zürich