Der ehrliche Klappentext

«Gustloff im Papierkorb» von Guy Marchal

Der unlängst verstorbene Historiker Guy Marchal stiess wenige Jahre vor seinem Tod auf die Nazivergangenheit eines Onkels und begann zu recherchieren. «Gustloff im Papierkorb» ist Fachbuch und Krimi in einem. Vor allem aber zeigt das Buch, welch Abenteuer Geschichtswissenschaft sein kann.
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Freitag, 12. Juni 2020

Guy Marchal steht inmitten seiner Universitätslaufbahn als Geschichtsprofessor, als sein Vater ihm 1987 einige gelbe Umschläge überreicht, die dessen persönliche Geschichte dokumentieren. Zwei davon betreffen die dreissiger Jahre: eine historisch belastete Zeit, als die Grenzstadt Basel, der Lebensort der Familie, plötzlich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Dritten Reich lag. Marchal schenkt dem Inhalt wenig Aufmerksamkeit, seine Fachgebiete sind das Mittelalter und die frühe Neuzeit.

Dreissig Jahre später und mittlerweile emeritiert, hält er die Umschläge wieder in den Händen. Nun schaut er sich ihren Inhalt genauer an. Dabei stösst Marchal auf Dokumente, die einen brisanten Schluss zulassen: Max Saurenhaus, der aus Deutschland stammende Schwager und damalige Geschäftspartner seines Vaters, muss ab 1933 aktives Mitglied des Schweizer Ablegers der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) gewesen sein.

Mehr noch: Um bei der Partei eine prominentere Stellung einzunehmen, biederte sich der entfernte Onkel bei Wilhelm Gustloff an. Letzterer war der damalige «Landesgruppenführer» der NSDAP in der Schweiz, der 1936 einem Attentat zum Opfer fallen sollte. Saurenhaus bot Gustloff an, für ihn schwarze Listen von Parteigegnern anzulegen und Leute zu denunzieren. Marchal erfährt aus den Dokumenten und aus weiterem Material, das er in Archiven sichtet, wie sein Vater versucht haben muss, die Bundesbehörden auf die Umtriebe seines Schwagers aufmerksam zu machen – wohl erfolglos.

Die Beamten scheinen den Informationen keine Beachtung geschenkt zu haben. Es ist der Punkt, an dem die Geschichte noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs hätte versanden können, hätte ein umsichtiger Archivar den Autor nicht auf eine neue Spur gesetzt: Der Name des ungeliebten Verwandten taucht auch in Gerichtsakten aus dem Jahr 1945 wieder auf. Daraus rekonstruiert Marchal, dass die Basler Behörden kurz nach Ende des Kriegs ein Verfahren gegen Max Saurenhaus geführt hatten, um ihn wegen nationalsozialistischer Umtriebe aus der Schweiz auszuweisen. Nur dank einflussreichen Fürsprechern gelang es dem notorischen Nazi, einen Landesverweis zu verhindern.

«Gustloff im Papierkorb» ist das Protokoll einer akribischen Recherche, die einen neuen Blick auf die Rolle der Schweiz während des Dritten Reichs er­möglicht. Der Reiz des Buches ist vor allem, dass Marchal einen aussergewöhnlichen Weg der Darstellung wählt: Bewusst nimmt er die Leserinnen und Leser in seinem Forschungskrimi mit auf seine Reise durch die Archive.

Der Autor zeigt, wie geschichtliche Quellenforschung tatsächlich im Stil kriminalistischer Ermittlungen aus den Quellen Erkenntnisse schöpft. Dabei füllt der Historiker das, was die Quellen nicht preisgeben, mit möglichst plausiblen Erklärungen. Bei dieser Vorgehensweise wird die Arbeit des Autors zu jener eines Detektivs und macht deutlich: Geschichte «ist» nicht, sondern wird in der historischen Recherche immer auch «gemacht».

Umso mehr, und darauf verweist Marchal immer wieder, müsse die Forschung zwingend ergebnisoffen betrieben werden. «Gustloff im Papierkorb» lässt sich deshalb auch als Werkstattbericht lesen. Damit jene Passagen, die besonders wissenschaftstechnisch sind, gut übersprungen werden können, verweist Marchal jeweils auf die Seite, wo die eigentliche Handlung wieder einsetzt. Doch gerade wer das Metier eines Historikers verstehen will, liest die methodischen Teile mit grosser Faszination.

Guy Marchal ist im März dieses Jahres verstorben. Das Erscheinen von «Gustloff im Papierkorb» durfte er aber noch erleben. Nur beiläufig erwähnt er am Anfang des Buches, dass er dieses Projekt im Zustand schwerer Erkrankung begann. Umso bewundernswerter ist die Intensität, mit der er es verfolgt, ausgebaut und zu Ende gebracht hat. Es ist ein beeindruckendes Zeugnis des Abenteuers Geschichtsschreibung – und somit sein Vermächtnis.

Guy Marchal: «Gustloff im Papierkorb. Ein Forschungskrimi». Hier und Jetzt, Baden 2019; 360 Seiten; 32 Franken.

Alfred Bodenheimer ist Literaturwissenschaftler, Autor und Professor für jüdische Literatur- und Religionsgeschichte in Basel.