Der ehrliche Klappentext

«Frausein» von Mely Kiyak

Das neue Buch der Schriftstellerin Mely Kiyak heisst schlicht «Frausein». Der autobiografische Text erzählt davon, wie sie vom Einwandererkind zur vielbeachteten Autorin wurde – und warum sie sich dabei immer wieder von fremden Blicken lösen musste. Eine mutige Selbsterkundung.
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Freitag, 18. Dezember 2020

Eine Frau wacht auf, geht ins Bad und sieht aufgrund eines Augenleidens ihren nackten Körper im Spiegel zerfliessen. Diese Szene hat die deutsche Autorin und Journalistin Mely Kiyak an den Anfang und ans Ende ihrer autobiografischen Erzählung « Frausein » gestellt. Darin erzählt die heute 44jährige, bekannt für ihre politischen Texte und schonungslosen Gegenwartsanalysen, von ihrer Kindheit als Tochter eines kurdischen Einwanderers, ihrer Suche nach einem eigenen Platz in der Welt und ihrem Entscheid, Autorin zu werden.

Kiyaks Erzählweise ist geprägt vom Spiel mit Schärfe und Unschärfe. Wie mit einem Feldstecher sucht sie in ihrem Leben gezielt nach Abschnitten und Szenen, um diese ganz nahe heranzuholen. Andere Episoden, Begegnungen und Entscheidungen werden dagegen nur angedeutet und bleiben verschwommen. Was die einzelnen Nahaufnahmen zusammenhält, ist Kiyaks Lebenslauf.

Das Blindwerden vor dem Spiegel steht für verschiedene Erfahrungen der Unsichtbarkeit und Heimatlosigkeit. Immer wieder verfehlen die Blicke der anderen die Autorin, wiederholt löst sie sich aber auch von Zuschreibungen, die sie zuordnen und definieren wollen. Da ist zum Beispiel die Verwandtschaft in der Türkei, in deren Augen Kiyak ihren angestammten Platz verlassen hat, als sie ein Studium beginnt. Plötzlich ist sie nicht mehr in der Küche unter den anderen Frauen zugelassen: «Eine sehr entfernte Verwandte verkündet: Du bist keine mehr von uns.» Sie meint das als Kompliment. Gleichzeitig macht Kiyak die Erfahrung des Übersehenwerdens an der Universität. Sie beschreibt, wie andere Literaturstudenten sie anfangs nicht wahrnehmen: «Sie schauten mich beim Reden nicht einmal an. Ich war gar nicht da für sie. Ich war unsichtbar. Das bedeutet Peripherie.

Die Erfahrung, immer wieder im toten Winkel zu landen, habe sie überhaupt erst zur politischen Autorin gemacht, schreibt Kiyak – eine Position, die sie so nicht gesucht habe. Dass sie heute freischaffende Schriftstellerin ist, bedeutete für Kiyak zuletzt, sich auch dieser Zuschreibung zu entledigen, wie sie schreibt. Mit dem eigenen Leben hadert die Autorin dennoch nicht. Schnörkellos erzählt sie vom Mädchen, das seinen Vater und seine Mutter auf unterschiedliche Weise liebt, über die Studentin, die in einer Telefonzelle von einem Nazi verprügelt wird, bis hin zu der Frau, die sich von ihrer «Lebensliebe» trennt, weil sie keine «Zweisamkeitsfrau» sein möchte – und sich damit auch gleich vom gängigen Beziehungsmodell verabschiedet.

Um zu leben und zu schreiben, zieht sich Kiyak auf eine Insel im Norden Deutschlands zurück. Doch trotz Abgeschiedenheit macht die Autorin deutlich, dass eine Frau, die sich wie sie für die freie Schriftstellerei entscheidet, zwar auf sich selbst gestellt, aber nicht einsam ist. Sie sei in einem Kreis von Frauen voller Würde, Schönheit, «Lebens- und Liebeslust» aufgewachsen und fühle sich als Autorin von anderen Frauen getragen: «Es zieht mich zu jenen Frauen, die wie ich Gefallen an ihrer Sache finden. Unter ihnen suche ich nach Gleichgesinnten. Halte Ausschau nach denen, die genauso verbissen wie ich versuchen, ihre ureigene Sache zu ergründen.»

Das Erblinden vor dem eigenen Spiegelbild ist ein überaus klug gewählter Einstieg dieser ehrlichen Selbsterkundung. Kiyak betrachtet ihr verschwommenes Spiegelbild, und sie befindet es für gut: «Ich akzeptiere alles. Ich akzeptiere alles.»

«Frausein» ist eine Ermutigung, auch das eigene Spiegelbild im Laufe des Lebens ohne Scheu und Scham immer wieder eingehend zu betrachten und sich dabei von fremden wie von eigenen festgefahrenen Blicken zu lösen.

Mely Kiyak: «Frausein». Hanser, München 2020; 127 Seiten; 28 Franken.

Dolores Zoé Bertschinger ist Religionswissenschaftlerin und freie Journalistin.