Der ehrliche Klappentext

«Ich bin ein Magnet für alle Verrückten» von Peter von Becker

Johanna Fantova war Albert Einsteins letzte Liebe. Ihre Telefonprotokolle zeigen den genialen Wissenschaftler von seiner privaten Seite. Dabei spielt auch ein Papagei eine Rolle.
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Donnerstag, 18. Dezember 2025

Die ganze Welt kennt Albert Einstein: seine Frisur, seinen Schnauz, die Relativitätstheorie; weiss, dass er an der ETH Zürich studiert und unterrichtet hat; glaubt zu wissen, dass er ein mieser Matheschüler war; er wanderte in die USA aus und steuerte zu den Grundlagen der Atombombe bei; nach seinem Tod stahl jemand sein Gehirn.

Ein weiteres Buch über ihn bräuchte es also nicht. Doch gerade ist wieder eines erschienen, das eine Sensation verspricht: «Die Einstein-Protokolle. Sein Leben, seine letzte Liebe, sein Vermächtnis» heisst es auf dem Cover und – «Erstmals veröffentlicht: EINSTEINS SPÄTES TAGEBUCH».

Unbekanntes aus dem Leben des «Jahrhundert-Wissenschaftlers» zu erfahren, ist verlockend, auch wenn das Neue nur 90 Seiten ausmacht.

Das Buch beginnt vielversprechend. Einstein liegt in Princeton im Krankenhaus, ihm bleiben nur noch ein paar Minuten. Eine Krankenschwester betritt Einsteins Zimmer, sie wird später erzählen, der Patient habe noch etwas gesagt, bevor er gestorben sei. Doch sie versteht ihn nicht, Einstein spricht seine letzten Worte auf Deutsch, eine Sprache, die sie nicht beherrscht.

Auch Einsteins Gedanken aus seinen letzten Jahren wären verloren gegangen, hätte er nicht nochmals einer Frau sein Herz geschenkt: Johanna Fantova. Die Bibliothekarin war aus dem heutigen Tschechien emigriert und sprach Deutsch. Zwischen ihnen entwickelte sich eine späte Liebe.

Der Physiker rief seine Johanna, die eine eigene Wohnung hatte, jeden Abend an und erzählte ihr von seinem Tag. Im Oktober 1953 begann sie, die Anrufe zu protokollieren. Auf die stenografierten Aufzeichnungen stiessen Archivare in der Bibliothek in Princeton später nur aus Zufall.

All das erzählt der Autor, bevor er uns endlich die Telefon-Mitschriften präsentiert. Was interessant und unterhaltsam sein könnte, ist in diesem Fall mühsam und verwirrend. Peter von Becker unternimmt ständig zeitliche und geographische Sprünge. Er belädt seine Sätze mit vielen und häufig seltenen Adjektiven. Das macht das Buch zwar nicht absolut, aber doch – mit Verlaub – relativ unlesbar.

Am besten liest man den ersten Teil quer und konzentriert sich auf Einsteins Anrufe. Er erzählt von Manuskripten, die ihm zugeschickt werden und die er meist «ganz unmöglich» findet: «Ich bin ein Magnet für alle Verrückten.» Politiker und Uni-Rektoren wollen ihn für sich gewinnen. Einstein empfängt sie und lehnt ihre Avancen freundlich ab. Manche Bemerkungen betreffen die US-Politik der McCarthy-Ära – «Es sieht politisch hier sehr hässlich aus» – und die Verfolgung angeblicher Kommunisten.

Seiner Johanna klagt Einstein all seine Erkältungen. Jeder Schnupfen wird zur schweren Krankheit, eine Behandlung will er aber nicht: «Ich lasse mich absolut nicht überreden, ein Mittel zu nehmen, und mache ein grosses Geschrei, wenn man den Arzt rufen will.» Noch mit 75 tüftelt Einstein an mathematischen Problemen. Doch die Lösung will ihm nicht mehr recht gelingen. Häufig sagt er, er könne nicht mehr rechnen.

Köstlich ist Einsteins kurze Schilderung eines Besuchs des dänischen Physikers Niels Bohr. Sie hatten 1922 gemeinsam den Nobelpreis erhalten. «Der berühmte Bohr war heute über eine Stunde bei mir, er spricht unentwegt und lächelt mich dabei an.» Einstein versteht Bohrs dänisch gefärbtes Deutsch kaum – «furchtbar anstrengend»: «Ich war nachher ganz erschöpft.»

Und ohne die Mitschrift hätte man nie von Bibo dem Papagei erfahren. Zu seinem 75. Geburtstag erhält Einstein ihn per Post. Bibo ist verängstigt, Einstein will ihn aufheitern, «doch er versteht meine Scherze nicht». Bald frisst ihm Bibo zwar aus der Hand, doch der Physiker hält den Vogel für depressiv. Später wird Bibo krank. Einsteins Hausarzt diagnostiziert die «Papageienkrankheit», an der sich auch Einstein angesteckt habe. Bibo braucht dreizehn Injektionen, um gesund zu werden. «Die wird er nicht überstehen», meint Einstein. Doch schon zwei Spritzen später sei Bibo «ganz vergnügt», erzählt er: «Vielleicht überlebt er es doch.» Sechs Wochen später ist es Einstein, der stirbt: an einem Riss der Hauptschlagader im Bauch.

Peter von Becker: «Ich bin ein Magnet für alle Verrückten», Heyne, München 2025; 256 Seiten; 35.90 Franken.

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