Aus der Herzkammer

Du sollst dich fürchten

Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Autor: Ramin Nikzad
Freitag, 11. Juni 2021

84jährige Akupunktur-Patientin. 2. Visite.

Während der Nadelung:

«… na jedenfalls hat meine Mutter damals im Mai 1943, als sie den Rosenthal und seine Familie abgeholt und nach Auschwitz gebracht haben, ihre Anstellung verloren. Zwanzig Jahre, das müssen Sie sich vorstellen, Herr Doktor!

Zwanzig Jahre hatte sie für den Rosenthal gearbeitet, und dann kommt die SA in die Werkstatt hereinspaziert und führt den Rosenthal aus seinem Büro.
Der ganze Betrieb läuft zusammen und dann vor die Pforte und beobachtet, wie die Nazis den Rosenthal in ihren Wagen hineinschubsen.

Und da sieht meine Mutter durch die Seitenfenster dieses SA-Wagens, dass da drinnen schon die Frau Rosenthal und die drei Rosenthalkinder sitzen – auch die Luise.

Das hat mir meine Mutter immer wieder erzählt, das müssen Sie sich vorstellen, Herr Doktor. Ihr ganzes Leben lang hat meine Mutter das immer und immer wieder erzählt.

Die Luise, das war die Jüngste der drei Rosenthalkinder, die muss damals drei oder höchstens vier gewesen sein. Luise winkte meiner Mutter durchs SA-Fenster zu und ruft: ‹ Tante Anni ! Tante Anni ! ›

Anna hiess meine Mutter, und sie hatte ja immer wieder auf die Rosenthalkinder aufgepasst, wenn der Rosenthal mit seiner Frau auf Geschäftsreise war.

‹ Tante Anni ! Tante Anni ! › rief die Kleine und winkte meiner Mutter durch das Seitenfenster des SA-Wagens zu. Meine Mutter hat das bis zu ihrem Tode ununterbrochen erzählt, Herr Doktor.

Bis zum Schluss hat sie immer und immer wieder von dem kleinen Rosenthalmädchen erzählt, wie es aus dem SA-Wagen heraus meiner Mutter zuwinkt und ‹ Tante Anni ! Tante Anni ! › ruft.

Meine Mutter hat diesen Moment ihr ganzes Leben lang nie aus dem Kopf bekommen. Das müssen Sie sich vorstellen, Herr Doktor. Ihr ganzes Leben lang nicht!

Die Rosenthals sind allesamt in Ausschwitz ermordet und verbrannt worden. Zuerst haben sie ja immer die Kinder getötet, denn die Kinder waren den Nazis ja von keinerlei Nutzen.

Und so haben sie zuerst die kleine Luise und ihre zwei älteren Geschwister vermutlich in der Gaskammer getötet. Oder erschossen oder erschlagen.

Den Rosenthal und die Rosenthal haben sie noch einige Zeit als Arbeitskräfte benutzt, und als die zwei keine Kraft mehr zum Arbeiten hatten, haben sie auch die getötet und verbrannt.

Meine Mutter hat ihr Leben lang immer und immer wieder diese grauenhafte Geschichte von den Rosenthals erzählt.

Und am Ende hat sie mir jedesmal gesagt:

‹ Den Rattenfänger musst du nicht fürchten.
Nur die Ratten, die ihm nachlaufen. ›

An diesen Satz werde ich mich bis zu meinem Tod erinnern, Herr Doktor.»