Der ehrliche Klappentext

«Die Mauer» von John Lanchester

Der britische Autor John Lanchester hat das Buch der Stunde geschrieben: Nach einer Klima­katastrophe trennt eine 10 000 Kilometer lange Mauer Grossbritannien vom Rest der Welt. Die Mauer ist ein beunruhigender Roman über eine Abschottung, in der nur noch innen und aussen zählt. Der Bestseller ist quälend und brisant, zu einem Kultroman wird es wohl nicht reichen.
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Freitag, 07. Juni 2019

Es ist kalt auf der Mauer.» So beginnt der Roman des Engländers John Lanchester. Der Wachsoldat Joseph Kavanagh steht auf dem Tausende Kilometer langen Bollwerk und blickt aufs Meer. Die Kälte des Ortes sei mit keiner anderen Kälte vergleichbar, sagt er, «sie durchdringt alles, als sei sie eine ständige materielle Eigenschaft dieses Ortes». Kavanagh ist der Ich-Erzähler der Geschichte.

Die Mauer spielt in einer Welt nach der Klimakatastrophe. Der Meeresspiegel ist gestiegen, viele Landstriche sind überflutet und unbewohnbar geworden. Nur Grossbritannien hat der Überflutung dank dem Bau einer gigantischen Mauer standhalten können. Doch wie die heutige Aussengrenze der Europäischen Union dient die Mauer auch zur Abschottung von Flüchtlingen. Für sie ist Grossbritannien das Paradies, ein Zufluchtsort, für dessen Erreichen sie gar die Knechtschaft in Kauf nehmen. Denn jene Flüchtlinge, denen es gelingt, die Mauer zu überwinden, müssen der einheimischen Bevölkerung als moderne Sklaven dienen.

Damit es gar nicht erst so weit kommt, stellen sich junge britische Bürgerinnen und Bürger «den Anderen», wie sie diese Eindringlinge nennen, entgegen. In der sogenannten Wache müssen sie einmal im Leben während zwei Jahren auf der Mauer dienen. Es sind Frauen und Männer wie der Erzähler Kavanagh, die bewaffnet auf der Mauer ausharren und den Befehl haben, potenzielle Eindringlinge zu erschiessen. Versagen sie in ihrem Job, werden genau so viele Wachen aufs Meer verbannt, wie Flüchtlinge über die Mauer gelangten.

Dank penibler Beschreibung schafft der Autor ­Lanchester eine intensive Atmosphäre. Durch Kavanaghs Augen blickt der Leser in die Weite des Meeres und kann dadurch die Einsamkeit des Protagonisten fühlen. Die Beklemmung in den kargen Schlafgemächern der Wache-Mitglieder wird erfahrbar. Doch ist Lanchester allzu sehr in seine Sprache verliebt. Es entsteht der Eindruck, dass ihm mehr daran gelegen ist, das Feuilleton zu beeindrucken, als die Leser bei der Stange zu halten. So verliert sich der Autor immer wieder in ­seitenlangen Beschreibungen und vergisst dabei das ­Vorantreiben der Geschichte, was die Lektüre schleppend macht.

Störend ist auch, dass sich die Erzählung ausschliesslich auf die Geschehnisse auf der Mauer beschränkt. Der reduzierte Erzählstil und die holzschnitt­artige Zeichnung der Charaktere lassen die Leserin seltsam unbefriedigt zurück. Gerne hätte man mehr erfahren über die Welt ausserhalb wie innerhalb dieses Mauerbollwerks. Was treibt diese «Anderen» genau zur Flucht? Gibt es noch andere bewohnbare Inseln? Wie sieht das Leben in diesem scheinbar paradiesischen Grossbritannien aus? Wie ist das Verhältnis der Einheimischen zu ihren Untertanen? Gibt es auf der Insel auch Widerstand gegen dieses System der Abschottung? Viele Fragen lässt Lanchester in der Schwebe. Die Kargheit der Erzählung spart vieles aus und verhindert, dass man sich ganz auf die Handlung einlassen kann. Der Leser bleibt draussen.

Eine bequeme Lektüre ist Die Mauer nicht. Der Roman verwebt aktuelle Themen wie Abschottung, Klimaerwärmung und Flüchtlingsströme zu einem beklemmenden Szenario. Bezüge zur heutigen europäischen Migrationspolitik sowie zum Brexit sind angedeutet, werden von Lanchester jedoch nicht überstrapaziert. Das ist wohltuend und macht die Geschichte zu einer vielschichtigen Parabel – im Prinzip. Dass aus dem Bestseller ein Klassiker wird, der auch in zwanzig Jahren noch eine Leserschaft findet, ist kaum anzunehmen. Dafür ist die Erzählweise zu sperrig und die Geschichte zu langfädig.

John Lanchester: Die Mauer. Klett-Cotta, Stuttgart 2019; 348 Seiten; 36.90 Franken.