Leichte Sprache*

«Die Kirche ist eher Nokia als Apple»

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Donnerstag, 19. Juni 2025

Sprache kann mit Floskeln und Phrasen verschleiern, was tatsächlich gemeint ist. Die Leichte Sprache holt die Botschaft hervor — und auch das, was manchmal zwischen den Zeilen steht. Diesmal: Übersetzung von Auszügen aus dem Kommentar «Symbol des Etwasismus? Ein theologischer Blick auf das Logo des neuen Gesangbuchs der EKD» von Ralf Frisch.*

Es ist ein Kreuz. Oder besser gesagt: es ist kein Kreuz mehr, das jüngst auf dem Evangelischen Kirchentag in Hannover präsentierte Logo des neuen, ab 2028 erscheinenden Gesangbuchs der EKD. Vielmehr ist es so etwas Ähnliches wie ein Kreis. Ein Kreis aus verschiedenfarbigen, voneinander durch kleine Abstände abgesetzten Segmen- ten. Ein bunter Kreis. So bunt wie die Kirche, der die Zukunft gehören soll.

Die Menschen in der evangelischen Kirche singen gern.

Es gibt viele evangelische Lieder.

Die Lieder sind in einem Buch gesammelt.

Es heisst: Evangelisches Gesang-Buch.

In drei Jahren soll es ein neues Gesang-Buch geben.

Das neue Buch sieht anders aus.

Früher war ein Kreuz auf dem Buch.

Jetzt ist dort ein anderes Bild.

Das neue Bild wurde auf einem Treffen in Hannover gezeigt.

Und was stellt das Bild dar?

Das ist nicht so klar.

Das Bild sieht aus wie ein Kreis.

Der Kreis besteht aus vielen kleinen Teilen.

Zwischen den Teilen sind Lücken.

Alle Teile haben eine andere Farbe.

Es ist ein bunter Kreis.

So bunt wie die Kirche in der Zukunft.

Den Apple-User alter Schule erinnert das neue Logo an das bewegliche Scrollrad des ersten iPod, das später Touch Wheel hiess und ein avantgardistisches Navigationstool war, von dessen weltbewegender Genialität das Gesangbuch der Zukunft offenkundig zehren möchte, um wenigstens einen kirchenbewegenden Eindruck zu machen. Die Gesangbuchpräsentation für den Kirchentag beschwört mit dem Logountermalten Slogan «Zeit für eine neue Playlist» Steve Jobs’ legendäre Keynotes jedenfalls geradezu herauf – zweifellos in der Hoffnung, dass das, was in Form und Funktion stets revolutionär war, auf die evangelische Kirche abfärbt, deren Gegenwart eher an den traurigen Moment des Technologiedisruptionsverlierers Nokia als an die reformatorischen Revolutionen der Kirchengeschichte erinnert.

Die Firma Apple hat einmal ein Musik-Gerät hergestellt.

Es hiess iPod.

Der iPod hatte ein kleines Rad.

Damit konnte man durch die Musik blättern.

Später konnte man das Rad sogar mit dem Finger bewegen.

Das war damals ganz neu.

Das Bild auf dem Gesang-Buch sieht wie dieses Rad aus.

Das hat man bewusst so gemacht.

Das Gesang-Buch soll modern wirken.

Es möchte einen starken Eindruck machen.

Wenigstens auf die Kirche.

Auf dem Kirchentag wurde das Gesang-Buch vorgestellt.

Dazu gab es einen Spruch:

«Zeit für eine neue Playlist».

Playlist ist eine Liste mit Liedern.

Der Spruch erinnert an Steve Jobs.

Das war der Chef von der Firma Apple.

Steve Jobs hat neue Produkte auf der Bühne gezeigt.

Das hat die Menschen begeistert.

Die evangelische Kirche hofft:

Das neue Gesang-Buch soll die Menschen auch so begeistern.

Aber die Kirche ist nicht wie Apple.

Die Kirche ist eher wie Nokia.

Die Firma Nokia hat früher die meisten Handys verkauft.

Dann hat Apple die besseren Geräte gemacht.

Das war ein trauriger Moment für Nokia.

Die Kirche kennt das gut.

Früher war die Kirche einmal modern.

Sie war mutig und hat viel verändert.

Aber das ist lange her.

Den avancierten Autofahrer erinnert das Logo allerdings auch an Designideen, die weniger bahnbrechend, sondern vielmehr überambitioniert in Erscheinung treten – genauer gesagt an die je nach Ambientewunsch andersfarbig illuminierbaren Drehknöpfe in den Cockpits, die frei nach einem beliebten schwedischen Möbelhaus signalisieren: «Entdecke die Möglichkeiten!» Wer – before or after Elon went crazy – schon einmal in einem solchen Auto sass, hat womöglich auch schon erfahren dürfen, wie es angesichts unzähliger verwirrungstiftender Bedienelemente ist, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen und beim Studium der erwähnten Möglichkeiten Gefahr zu laufen, abseits der Strasse in just jenem Wald zu landen. Zu viele Möglichkeiten drohen vom Eigentlichen und am Ende auch vom Verkehr abzulenken. Nicht jede Innovation, der die Zukunft gehören soll, hat augenscheinlich das Zeug, den Weg in die Zukunft zu weisen.

Das Bild auf dem Gesang-Buch erinnert aber auch an ein Auto.

In manchen Autos gibt es Dreh-Knöpfe.

Damit kann man den Innen-Raum beleuchten.

Der Fahrer kann verschiedene Farben einstellen.

Je nach Stimmung.

Vielleicht möchte er sich entspannt fühlen?

Dann kann er die Farbe Blau wählen.

Das Bild auf dem Gesang-Buch sieht wie so ein Dreh-Knopf aus.

Eigentlich braucht es den Knopf zum Fahren nicht.

Er ist nur zum Spass da.

Der Fahrer soll das Gefühl haben:

In seinem Auto ist alles möglich.

Das erinnert an einen Spruch von Ikea.

Ikea ist eine schwedische Möbel-Firma.

Der Spruch lautet: «Entdecke die Möglichkeiten!»

In modernen Autos gibt es auch viele Möglichkeiten.

Überall sind Knöpfe und Schalter.

Das ist oft nicht mehr hilfreich.

Der Fahrer beschäftigt sich nur noch mit den Knöpfen.

Und achtet nicht mehr auf die Strasse.

Dann kann er schnell im Wald landen.

Zu viele Möglichkeiten sind deshalb nicht immer gut.

Das weiss Elon Musk.

Elon Musk ist Mit-Inhaber von der Firma Tesla.

Die Firma Tesla stellt Elektro-Autos her.

Diese Autos sind innen ganz einfach.

Es gibt fast keine Knöpfe und Schalter.

Das zeigt:

Manchmal ist weniger mehr.

Daran sollte die Kirche auch denken.

* Ralf Frischs augenzwinkernde Analyse des neuen Gesangbuch-Logos ist in «zeitzeichen 05/2025» erschienen.

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