Aus der Herzkammer

Die Kameltreiber

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Autor: Ramin Nikzad
Freitag, 21. Juni 2019

1965 haben meine Eltern neu begonnen.

Meine Mutter zog aus der steirischen Dorfgemeinde Hartberg nach Wien, um dem ländlichen Kleingeist zu entfliehen und in der vermeintlich weltgewandten Grossstadt ein neues Leben zu beginnen.

Mein Vater zog von Teheran nach Wien, um der Beschränktheit des Mittleren Ostens zu entfliehen und in der vermeintlich weltoffenen Metropole Wien ein neues Leben zu beginnen.

Sie lernten sich als zwei Studierende in der Brigittenau zufällig an einer Strassenkreuzung kennen.

Sie verliebten sich instantly ineinander und heirateten 1967, 1971 kam mein lieber Bruder zur Welt, 1974 schloss mein Vater sein Studium ab, und 1975 zog meine Familie nach Teheran, um neu zu beginnen.

Um ein neues Leben zu beginnen.

Um abermals ein neues Leben zu beginnen.

1979 kam ich in Teheran zur Welt, im März, also ein Monat nach der sogenannten iranischen Revolution.

Ein Jahr danach flohen wir vor dieser sogenannten Revolution zurück nach Österreich, um neu zu beginnen.

Um wiedermal ein neues Leben zu beginnen.

Wir landeten in St. Pölten, wo mein Vater einen Job fand. Nach wenigen Wochen in diesem neuen Job in St. Pölten als Ziviltechniker präsentiert mein Vater seinen ersten Entwurf für ein Wasserkraftwerk seinem Chef, dem Inhaber jenes St. Pöltner Ziviltechnikbüros. Dieser wirft einen Blick auf den Entwurf und sagt zu meinem Vater: «Also Herr Nikzad, als erstes: Diese Grafik verwenden wir hier nicht bitte. Die können S’ da unten bei die Kameltreiber verwenden, aber net hier bei uns in Europa.» Mein Vater biss die Zähne zusammen und antwortete: «Wenn ich ein Kameltreiber wäre, würde ich Sie jetzt am Kragen packen und aus dem Fenster werfen. Aber da ich aus einem zivilisierten Land komme, sage ich stattdessen: Ich kündige fristlos! Auf Wiedersehen!» Er drehte sich um und ging.

Meine Mutter verstand meinen Vater und unterstützte ihn in seiner Entscheidung, doch sie fragte sich, wie sie die nächste Miete bezahlen sollten. Sie hatten nichts. Kein Erspartes. Keinen Besitz. Aber zwei Kinder, die versorgt werden mussten.

Einige Tage danach läutet das Telefon und meine Mutter hebt ab. Am anderen Ende ist der Chef meines Vaters: «Frau Nikzad, gut, dass Sie abheben! Vielleicht können Sie Ihren Mann zur Vernunft bringen! Er hat mich völlig missverstanden! Er ist ein ausgezeichneter Ziviltechniker und ich brauche ihn! Ich habe lediglich gemeint, dass er vielleicht ein wenig, naja, ein bisschen …»

Mutter: «… dass er ein bisschen ein primitiver Kameltreiber ist, nicht wahr? Ja, das haben wir schon verstanden, sehr geehrter Herr Baurat.»

«Ha, das … also, ja das war etwas, wie soll ich sagen, das war … das tut mir leid. Das tut mir sehr leid.»

«Wissen Sie, ich habe zwei kleine Kinder, und als Mutter beängstigt es mich sehr, dass mein Mann gekündigt hat. Aber als seine Ehefrau muss ich sagen, dass er das Richtige getan hat, und da steh’ ich auch völlig hinter ihm. Er muss sich so etwas von Ihnen nicht sagen lassen, Herr Baurat.»

«… Ich möchte, dass er zurückkommt. Ich brauche ihn. Er ist ein sehr guter Ziviltechniker. Und … ich möchte mich bei ihm persönlich entschuldigen für meine dumme Aussage …»

Mein Vater ging zurück und blieb in diesem Ziviltechnikerbüro.

Bis zu seiner Pension.

Kameltreiber ziehen ihr ganzes Leben umher, und egal wohin es sie verschlägt, müssen sie neu beginnen.

Ein neues Leben beginnen.

Bei Null beginnen, wie gesagt wird.

Als Null beginnen.

Sie sind es gewohnt, als völlige Null immer wieder neu zu beginnen.

Aber bitte, jeden Scheiss müssen sie sich auch nicht gefallen lassen, oder?

Find ich.

Ich als Kameltreiber.

Als stolzer Kameltreiber.