Aus der Herzkammer

Die Horváth

Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Autor: Ramin Nikzad
Freitag, 15. Mai 2020

Seit dem Lockdown hatte ich bislang rund jeden zweiten Tag Akutversorgungsdienst im sogenannten Covid-19-Container vor dem Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien. Das ist so ein richtiger Baucontainer, wie man ihn sich vorstellt, in dem 24 Stunden lang Allgemeinmedizinerinnen und Mediziner wie ich mit Medizinstudenten und Securities rund siebzig Prozent der Akutpatientinnen behandeln. Covid-19-Verdachtsfälle isolieren wir. So können wir sicherstellen, dass sie nicht mit anderen Patienten in Kontakt kommen.

Die 87jährige Anwaltswitwe Emilie Horváth (Name geändert) kam Anfang April zum ersten Mal mit der Rettung zu mir. Sie klagte über Übelkeit und Bauchschmerzen.

Ich untersuchte sie, machte einige Bluttests und eine Harnanalyse, liess ein EKG machen.

Alles unauffällig.

Ich rede ein wenig mit ihr.

Die Horváth lebt alleine in einer Gründerzeitwohnung im noblen Wiener Bezirk Döbling.

Seit dem Lockdown ist ihr alles genommen worden.

Sie sieht ihre Kinder nicht mehr, sie sieht ihre Enkel nicht mehr.

Ihr Volksopernabo und ihr Staatsopernabo sind storniert, sie kann nicht mehr zum Friseur, sie kann nicht mehr zur Pediküre. Selbst ihr Internist, der Herr Professor, ist nur noch telefonisch für sie zu erreichen.

Sie kann nicht mehr zu ihrem Damenkränzchen, sie kann nicht mehr zum Seniorenturnen.

Nach der beruhigenden Befundbesprechung und dem kurzen Gespräch geht es der Horváth auch wieder gut und sie fährt mit der Rettung nach Hause.

Doch im nächsten Dienst kommt sie schon wieder mit der Rettung zu mir. Wieder mit Übelkeit und Bauchschmerzen. Und das ganze Prozedere beginnt von vorn.

Insgesamt habe ich die Horváth, ich schwöre, schon sieben Mal gesehen.

Sie schafft es immer wieder, die Sanitäter dazu zu bringen, sie zu mir in den Container zu führen. Sie steigt dann jedesmal, gestützt von zwei Burschen, in einem Tweedkostüm, High Heels und einem Hut aus dem Rettungswagen vor dem Container und ruft mir zu: «Herr Doktor Nikzad! Ich ertrage diese Übelkeit nicht mehr! Diese Übelkeit ist unerträglich, Herr Doktor Nikzad!»

Einmal habe ich ihr eine Schmerzinfusion angehängt. Als ich nach einer halben Stunde schauen wollte, wie es ihr geht, ass sie gerade ein mitgebrachtes Sandwich.

«Wie geht es Ihnen, Frau Horváth?»

«Entsetzlich! Diese Übelkeit ist unerträglich, Herr Doktor Nikzad, das können Sie sich gar nicht vorstellen!»

Jetzt könnte ich sagen: «Die hat nix.»

«Die hat nix», sagen wir Ärzte gerne und oft.

«Sie haben nix!» sagen wir Ärzte alle Augenblicke.

Die Horváth ist völlig isoliert.

Und ihr ist übel. Ihr ist zum Kotzen.

Und das ist das, was sie hat.

All diese Corona-Massnahmen dienen vor allem dem Schutz der Älteren.

Doch genau die leiden am meisten unter der Isolation und unter der Einsamkeit.

Und ich fürchte, dass diese Massnahmen zumindest noch bis Jahresende dauern werden. Wir Ärztinnen und Ärzte, aber auch die gesamte Gesellschaft, sollten unbedingt einen Plan entwickeln, wie die Älteren trotz den notwendigen Massnahmen wieder mehr Kontakt und mehr Lebensfreude haben können.

Längst nicht alle wissen sich so zu helfen wie die Horváth.