Aus der Herzkammer

Dein Todestag

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Autor: Ramin Nikzad
Freitag, 10. Juni 2022

Masi, mein lieber Bruder, am Freitag, dem 20. Mai, ist Dein erster Todestag. Die Eltern haben eine Zeremonie für die Familie geplant, und ich möchte eine kleine Rede halten und überlege gerade, was ich eigentlich sagen kann.

Am 20. Mai 2021 hast Du Dir Dein Leben genommen, das ist interessant, denn statistisch werden die meisten Suizide tatsächlich im Mai verübt, wusstest Du das, Masi?

Das weiss ich noch aus meinem Wahlfach «Krisenintervention und Suizidverhütung», das ich im Sommersemester 2003 im Rahmen meines Humanmedizinstudiums an der Universität Wien absolviert habe. Dieses Wahlfach war letztlich genauso für die Katz wie meine ganze Psychiatrieerfahrung und überhaupt mein gesamtes Arztsein völlig für die Katz war, als Du Dir am 20.5.2021 um circa 12:30 Uhr das Leben genommen hast.

Bald ein Jahr ist es schon her, Masi. Was soll ich Dir sagen, es war ein beschissenes Jahr, to say the least.

Aber es stimmt tatsächlich, what people say.

Die Zeit heilt.

Ich kann heute wieder durchschlafen, ich denke nicht 24/7 an Deinen Suizid, und ich kann hie und da auch wieder so lachen und fröhlich sein, wie ich es von mir gewohnt bin.

Aber das Befreiendste ist: Ich bin Dir nicht mehr böse.

Ich weiss nicht, wie und warum sich das so entwickelt hat, aber irgendwie bin ich Dir heute nicht mehr böse, dass Du gegangen bist.

Ich werde nie erfahren, warum Du gegangen bist, das ist mir klar geworden. Auch wenn ich Deinen Suizid noch weitere hundert Jahre analysiere und rekonstruiere, ich werde niemals eine befriedigende Antwort auf die Frage nach dem Warum bekommen. Ich werde mir nur ein vages Sammelsurium aus Eventualitäten und anekdotischen Theorien zusammenschustern, nicht mehr, nicht weniger.

Ich habe Dich immer so sehr geliebt.

Und ich vermisse Dich jeden einzelnen Tag.

Wie Du siehst, rede ich auch immer noch jeden Tag mit Dir, obwohl ich ja gar nicht an ein Leben nach dem Tod glaube.

Und ich weiss nicht: Red’ ich deshalb jeden Tag mit Dir, weil ich mir einfach noch nicht vorstellen kann, dass Du mich tatsächlich nicht mehr hören kannst?

Oder weil ich irgendwie doch daran glaube, dass Du mich irgendwie und irgendwo da draussen doch noch hören kannst?

Ich weiss es nicht.

Ich red’ einfach.

Nutzt’s nix, schad’s nix, hättest Du gesagt, Masi, oder?

Wenn Sie selbst Suizidgedanken haben oder als betroffene Angehörige das Bedürfnis spüren, mit jemandem zu sprechen, können Sie sich an die Dargebotene Hand wenden. Telefon 143 oder im Internet auf www.143.ch.

  • N° 5+6/2022

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